Die Komische Oper Berlin spielt einen politisch korrekten „Zigeuner“baron

Johann Strauß, „Der Zigeunerbaron“,  Komische Oper Berlin, 26. Juni 2021

Foto: © Monika Rittershaus

Komische Oper Berlin, 26. Juni 2021

Johann Strauß, „Der Zigeunerbaron“

„Warum man dieses Stück überhaupt noch spielt, beantwortet Johann Strauß’ geniale Musik. Jede Nummer ist ein Schlager und das darin erzeugte Temperament peppt den ansonsten etwas drögen Spielfluss gehörig auf.“

von Peter Sommeregger

Die lange erwartete und angekündigte Premiere von Johann Strauß’ „Zigeunerbaron“ an der Komischen Oper stand unter keinem glücklichen Stern. Am Anfang stand die Debatte, ob man den heute als rassistisch konnotierten Begriff „Zigeuner“ überhaupt noch verwenden dürfe. Nun, man tut es, allerdings in einer etwas verdrucksten Form: das Wort des Anstoßes wird mit Anführungszeichen versehen. Auch in der vom Regisseur Tobias Kratzer neu erstellten Dialogfassung wird zu Erklärungen angesetzt, welche „die Kuh vom Eis holen“ wollen, letztlich aber wenig zur Sache beitragen.

Foto: © Monika Rittershaus

Unbestritten ist, dass diese Operette aus dem Jahr 1885 auf ein Libretto komponiert ist, das über die ethnisch heikle Frage hinaus höchst fragwürdige Elemente enthält. Der im Verlauf der Handlung ausgestellte Hurra-Patriotismus der Österreichischen Doppelmonarchie ist für heutige Zuschauer schwer verdaulich. Dabei stellt sich aber die grundsätzliche Frage, wie weit man das nicht mehr dem Zeitgeist entsprechende Werke von den heutigen Bühnen bannen soll. Ein nicht unwesentlicher Teil des gängigen Repertoires würde einer kritischen Nachfrage nicht standhalten, aber ein Werk zu spielen, bedeutet ja nicht unbedingt, dass man mit seinem Subtext einverstanden ist.

Noch schwerer als von diesen grundsätzlichen Erwägungen war diese Produktion von der Pandemie betroffen, die den Premierentermin mehrfach platzen ließ und zu schmerzlichen Zugeständnissen szenischer Art führte. Chorgesang auf der Bühne ist eigentlich nicht möglich, also singt der Chor unsichtbar aus dem Bühnenhintergrund, in dem auch das Orchester platziert ist. Die Spielfläche befindet sich über dem abgedeckten Orchestergraben. In jenen Szenen, in denen die Anwesenheit des Chores auf der Szene unvermeidlich ist, lässt man Choristen stumm agieren, während im Hintergrund gesungen wird, was ein wenig grotesk wirkt.

Foto: © Monika Rittershaus

Die akustischen Voraussetzungen sind unter den geschilderten Umständen nicht optimal, das unter Stefan Soltesz’ Leitung souverän aufspielende Orchester wirkt ein wenig distanziert, wie abgekoppelt vom Bühnengeschehen. Den Sängern ist damit nicht wirklich geholfen, den Dirigenten können sie in dieser Konstellation nicht, oder nur seinen Rücken sehen.

Trotzdem liegt die Stärke der Aufführung in der guten Sängerbesetzung. Dominik Köninger ist als Graf Homonay so etwas wie der Spielmacher, der etwas polternd für den militärischen Ton sorgt. Den Schweinezüchter Zsupán verkörpert Philipp Meierhöfer mit sonorem Bass. Warum er seine berühmte Arie nur in einem eingeblendeten Video singen darf, bleibt das Geheimnis des Regisseurs. Als Sándor Barinkay kann Thomas Blondelle seinen gepflegten Tenor gebührend ausstellen, ein wenig störend ist nur das auffällig holprige „Umschalten“ in die hohen Register. Blondelle singt diese Rolle gerade mit dem Loge im „Rheingold“ an der Deutschen Oper im Wechsel, eine eher ungewöhnliche Kombination.

Foto: © Monika Rittershaus

Auch die weiblichen Rollen sind gut besetzt, den stärksten Eindruck hinterlässt Nadja Mchantaf als Saffi, ihr gelingen schöne, kräftige Spitzentöne, die Stimme ist insgesamt dunkel timbriert und sicher geführt. Alma Sade als Zsupáns Tochter Arsena kann die geforderten Koloraturen mühelos abliefern, ihre Gouvernante Mirabella ist bei Helene Schneiderman in besten Händen.

Tobias Kratzers Regiearbeit zu bewerten, ist schwierig. Mit Sicherheit musste er, den strengen Corona-Regeln folgend, Abstriche an seinem Konzept vornehmen. Was man konkret zu sehen bekommt, ist eine mäßig originelle Komödie, auf welcher der Staub von mehr als einem Jahrhundert lastet. Über gefällige Arrangements und ein paar nette Gags kommt die Inszenierung nicht wirklich hinaus. Vom Ideenreichtum von Kratzers Bayreuther „Tannhäuser“ von 2019 ist dieser Abend weit entfernt. Die Frage, warum man dieses Stück überhaupt noch spielt, beantwortet Johann Strauß’ geniale Musik. Jede Nummer ist ein Schlager und das darin erzeugte Temperament peppt den ansonsten etwas drögen Spielfluss gehörig auf.

Peter Sommeregger, 27. Juni 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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