Genial und berührend: John Neumeiers "Glasmenagerie" in Hamburg

John Neumeier, Die Glasmenagerie (nach Tennessee Williams), Hamburg Ballett,  Staatsoper Hamburg, 31. Januar 2020

Zwischen Anfang und Ende passiert viel. So viel, dass man es nach einem Besuch noch nicht vollständig fassen kann. Neumeier hat hier ein geniales Werk vorgelegt, das in dieser Dichte, Eindringlichkeit und auch Schönheit im Detail seinesgleichen sucht.

John Neumeier, Die Glasmenagerie (nach Tennessee Williams)
Hamburg Ballett
Staatsoper Hamburg, 31. Januar 2020
Die neunte Vorstellung seit der Premiere

von Ralf Wegner

Die Kritiken zu dieser Uraufführung am 1. Dezember letzten Jahres waren ja überschwänglich. Deshalb war ich zunächst skeptisch, wurde aber gleich zu Beginn des Stücks emotional überrollt. Nie habe ich einen so wunderbaren Beginn eines Bühnenstücks gesehen. Links steht ein eiserner Treppenturm in der Art der Feuerleitern von New York, in der Mitte wird eine schräge Wand mit blauen Wellen bespielt. Wir befinden uns am Mississippi. Tennessee Williams Stück spielt in St. Louis in Missouri, einem Ort, an dem man nicht bleibt, sondern von dem es in die Fremde, vor allem gen Westen geht. Letztlich hält es auch Tom, einer der Protagonisten, in der Enge der Familie und der Stadt nicht aus. Er verlässt am Ende des Stücks seine träumerische Mutter Amanda und die gehbehinderte Schwester Laura.

Laura bleibt am Schluss allein zurück und pustet langsam die Kerzen eines Leuchters auf der sich verdunkelnden Bühne aus. Das war wieder ein berührendes Bild, nach einer insgesamt grandiosen Leistung der Tänzerin Alina Cojocaru. In ihrer anderen großen Rolle, der Julie in Neumeiers Liliom-Ballett, war sie mir noch zu nett und duldsam, im Gegensatz zu der vitaleren Hélène Bouchet, welche diese Rolle auch tanzte. Als Laura trieb dieses hinkende, vom Tanz beseelte Mädchen mit ihrer Schüchternheit, ihrer Geduld, ihrer nach Innen gekehrten Enttäuschung und mit ihrer Geste, Jim, von dem sie sich geliebt glaubte, noch eines ihrer Glastiere zu schenken, einem schier die Tränen in die Augen.

Alina Cojocaru hatte mit dem 25 Jahre alten Ersten Solisten Christopher Evans aber auch einen Partner, der ihr beim Paartanz traumwandlerisch Sicherheit bot und darstellerisch gut die Balance zu den ihn liebenden Geschwistern Tom und Laura hielt. Das war überzeugend gespielt. Felix Paquet war Tom, wenn man so will, gedoubelt von Edvin Revazov als Tennessee. Beide waren wegen gleicher Kleidung (Revazov mit schwarzer Perücke) aus der Ferne nur an der unterschiedlichen Körpergröße zu unterscheiden. Welche Rolle hatte Revazov? Vor allem wohl die des auf sein  Leben zurückblickenden Dichter Tennessee Williams. Am Anfang, und damit komme ich auf das Ausgangsbild zurück, stand Revazow nur oben auf dem Turm und blickte in die Ferne. Ich habe ihn selten so ausdrucksstark erlebt. Unten spielten Tom und Laura als Kinder, der kleine Tom wurde mit großer Überzeugungskraft von Oliver Moredo-Riggins getanzt, dem Sohn von Lloyd Riggins und Niurka Moredo, die kleine, bereits am Stock humpelnde Laura von Romy Brinkmann. Beide Kinder gehören zur Ballettschule des Hamburg Balletts.

Zwischen Anfang und Ende passiert viel. So viel, dass man es nach einem Besuch noch nicht vollständig fassen kann. Neumeier hat hier ein geniales Werk vorgelegt, das in dieser Dichte, Eindringlichkeit und auch Schönheit im Detail seinesgleichen sucht. Dabei ist die Glasmenagerie nicht ein eingängliches, leicht zu konsumierendes Stück. Man muss sich schon einlassen auf dieses leise Drama der kleinen Leute, auf ihre Wünsche und Sehnsüchte, die wir ja auch kennen, wenn nicht von uns, so doch von unseren Kindern, Verwandten oder Freunden. Neumeier hebt dieses Stück damit auf eine zeitlose, allgemeingültige und zukünftig fesselnde Ebene.

Die Musik zum Stück liefern die US-amerikanischen Komponisten Charles Ives und Philip Glass. Wie gut passte Ives‘ leise beginnende Komposition „The unanswered Question“ zum Spiel der Kinder, wie eingängig war der endlose, sich wie ein See ausbreitende Melodienreigen von Philip Glass. Manchmal hatte ich den Eindruck, als ob sich der Melodienteppich wie ein Vorhang zwischen Zuschauerraum und Bühne hob. Das schadete der Aufführung aber nicht, denn Neumeiers Choreographie verwob sich harmonisch mit dem Orchesterklang (Musikalische Leitung Luciano Di Martino).

© Kiran West

Für das Bühnenbild, die Lichtregie und die Kostüme zeichnete wie fast immer John Neumeier verantwortlich. Kiran West lieferte die eingespielten Filme wie die Wasseraufnahmen, vor allem aber eine „Vom Winde verweht“-Adaptation, der Laura in einem Kino beiwohnt und sich Jim als Liebhaber vorstellt. Christopher Evans und Alina Cojocaru begeisterten dabei mit einem perfekten Pas de deux. Auch das Ensemble wird von Neumeier wieder beeindruckend in Gruppenszenen eingesetzt, die Männer als Packer in einer Schuhfabrik, die Frauen mit klappernden Schreibmaschinen unter der Aufsicht einer strengen Lehrerin (Yun-Su Park).

Von den Ensemblemitgliedern fiel mir Yaiza Coll als tänzerisch besonders ausdruckstarke Passantin, Schülerin für das Fach Schreibmaschine und als Gast in dem „Paradies Tanzlokal nebenan“ auf. Emilie Mazon erinnerte mit einem kurzen Revuetänzerinnen-Solo an ihren größeren Auftritt als Nina (Die Möwe). Tom sucht die Schwulenbar „Malvolio’s Magic Bar auf, wo ihn Marc Jubete mit kleinen Zaubertricks fesselt. In weiteren kleineren Rollen waren David Rodriguez als versinnbildlichtes Glaseinhorn und Priscilla Tselikova als Jims Verlobte Betty zu sehen. Nach ihrer überzeugenden Partie als Dolly in Neumeiers „Anna Karenina“ nahm Patricia Friza als Amanda wieder die Rolle einer verlassenen Frau ein, die sich um ihre Kinder sorgt, und doch zu nichts kommt. Sie gibt sich ihren Träumen an frühere Verehrer hin. Patricia Friza füllte diese schwierige Rolle sowohl darstellerisch, vor allem aber auch tänzerisch voll aus.

Manchem Zuschauer im ausverkauften Haus schien es nicht schnell genug zu Ende zu gehen. Jedenfalls drängelten sich in den vorderen Reihen einige Personen ungewöhnlich früh zum Ausgang, vielleicht mussten sie aber auch nur ihre Fernbahn oder den Gruppenbus erreichen. Der Beifall war jubelnd und lang andauernd, Christopher Evans, Felix Paquet und Alina Cojocaru wurden Blumen auf die Bühne geworfen. Das war die vorerst letzte Aufführung der Serie. Eine folgt noch bei den Ballett-Tagen im Juni, sie ist bereits ausverkauft. Wie es danach weiter geht, wird am 10. Februar 2020 bekannt gegeben.

Dr. Ralf Wegner, 1. Februar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.