Maximilian Haberstock erobert mit 97 Musikern die Alte Oper

JPOM, Maximilian Haberstock, Leitung, Maxim Lando, Klavier   Alte Oper, 18. März 2026

© Bela Raba

Manchmal gibt es diese raren Abende – wie Dienstag, 18. März in der Alten Oper Frankfurt –, an denen die herkömmlichen Maßstäbe der Musikkritik bereits nach den ersten Takten wie mürbes Holz zerbrechen.

Richard Wagner
Vorspiel zu „Die Meistersinger von Nürnberg“

Franz Liszt
Klavierkonzert Nr. 2 A-Dur

Ludwig van Beethoven
Sinfonie Nr. 5 c-Moll op. 67

Maxim Lando, Klavier

Junges Philharmonisches Orchester München
Maximilian Haberstock, Leitung

Alte Oper, 18. März 2026


von Dirk Schauß

Was sich dort am Pult und auf den Stühlen abspielte, war der vorläufige Höhepunkt eines außergewöhnlichen Projekts: das Junge Philharmonische Orchester München (JPOM), 2023 von Maximilian Haberstock gegründet – der 2004 geborene Münchner Dirigent, Pianist und Komponist, der bereits als Kind dirigierte und von Mariss Jansons von 2015 bis zu dessen Tod 2019 intensiv als Mentor gefördert wurde.
Aus Vorläufern gewachsen, hat sich dieser Klangkörper in Rekordzeit auf 97 Mitglieder aus 32 Nationen entwickelt. Wer glaubte, hier spiele jugendliches Prestigedenken gegen institutionelle Erfahrung an, wurde binnen Sekunden eines Besseren belehrt. Es war, als hätte jemand den zähen Staub von den Partituren der Musikgeschichte geblasen und die nackte Essenz des reinen Klangs freigelegt. Das Orchester agierte nicht wie eine Ansammlung von Studierenden, sondern wie eine eingeschworene Eliteeinheit, die das Erbe der großen europäischen Klangtradition nicht nur verwaltet, sondern es sich mit frappierender Selbstverständlichkeit einverleibt.

© Bela Raba

Schon der Auftakt mit Richard Wagners Vorspiel zu den „Meistersingern“ geriet zu einer Demonstration orchestraler Macht, wie man sie sonst nur von den Traditionsklangkörpern der Orchesterwelt kennt. Mit fast einhundert Mitwirkenden entfaltete sich eine Klangkultur, die den Atem stocken ließ. Hier wurde sich nicht bequem im Sessel zurückgelehnt, sondern auf der sprichwörtlichen Stuhlkante musiziert.

Jede Faser des Kollektivs stand unter Hochspannung. Die Kontrapunktik wirkte nicht akademisch-trocken, sondern wie ein lebendiger Organismus, fabelhaft aufgefächert. Die Streicher spielten mit einer Geschlossenheit, die an die goldenen Zeiten großer Orchester erinnerte, während Holz- und Blechbläser mit makelloser Sicherheit jede Phrasierung zum Ereignis machten. Über allem agierte staunenswert souverän Haberstock – mit 21 Jahren bereits von Jansons’ Erbe geprägt –, feierliches Pathos beschwörend eine akustische Zeitreise.

Vergleiche drängen sich auf: Wer die Augen schloss, hörte den frühen Karajan oder die insistierende Wucht von Furtwängler. Es war ein Spiel mit der Unendlichkeit, das das Publikum in fassungsloses Staunen versetzte. Haberstock verzichtet auf jede effekthaschende Pult-Gymnastik; seine Autorität speist sich aus analytischer Partitur-Durchdringung, die in diesem Alter schlicht verblüfft.

Nach diesem gewaltigen Entree betrat Maxim Lando die Bühne. Der 2002 geborene Amerikaner aus New York, der mit drei Jahren seine Klavierlaufbahn begann, mit sechs in der Carnegie Hall debütierte und als Gilmore Young Artist ausgezeichnet wurde, hatte bereits vor Monaten mit Brahms in Frankfurt begeistert.

Maxim Lando © Bela Raba

Nun widmete er sich Franz Liszts zweitem Klavierkonzert. Lando ist ein Heißsporn im besten Sinne: ein Gestalter am Flügel, der mit atemberaubender Präzision und ausdauernder Kraft zu Werke geht. Er schaute hinter die Noten, entdeckte Witz und Hintersinn in Liszts virtuosen Eskapaden und fesselte mit weit aufgefächerter Dynamik. Besonders die Interaktion mit der hingebungsvollen Solo-Cellistin des Orchesters schuf Momente purer Wonne, in denen die Zeit stillzustehen schien. Im furiosen Finale peitschten sich Solist und Orchester gegenseitig hoch; Haberstock bewies erneut, dass er ein hellwacher, mitatmender Begleiter ist. Auswendig dirigierend, hielt er die Zügel straff und ließ Lando dennoch Raum zum Brillieren.

©y Bela Raba

Der Jubel war grenzenlos. Lando bedankte sich mit zwei Zugaben: einer technisch halsbrecherischen Horowitz-Paraphrase über Bizets „Carmen“ und Nikolai Medtners „Fairy Tale“ op. 20 Nr. 1, die den Saal endgültig zum Kochen brachten.

Doch der eigentliche Höhepunkt kam nach der Pause: Beethovens Fünfte, dieses zu Tode gespielte Schlachtross der Klassik, erfuhr eine Renaissance der Intensität. Das Schicksalsthema im ersten Satz wurde so schwer und eindringlich artikuliert, dass es physisch spürbar wurde. Mit neun Kontrabässen und zehn Celli erhielt das Werk ein Fundament von seltener Substanz. Haberstock dehnte die Generalpausen bis an die Schmerzgrenze, erzwang Aufmerksamkeit für jede motivische Wendung und steigerte die Dramatik in eine existenzielle Region.

Der zweite Satz bot den notwendigen Gegenpol: heroische Klanggesten voller Noblesse, die erneut die großen Interpreten der Vergangenheit heraufbeschwor. Die enorme Sonorität der Streicher und die akribische Klarheit in der Artikulation machten dieses Orchester so besonders. Es war kein Beethoven für schwache Nerven; es war eine radikale Ehrlichkeit in feierlicher Größe.

© Bela Raba

Die Überleitung zum Finalsatz geriet zur Offenbarung. Ein lichtvoller Klangdom baute sich auf, der die Seele zum Tanzen brachte – der Klang von Freiheit und Erlösung, eine Apotheose, die sich stetig steigerte, bis sie in einer gewaltigen Begeisterungslawine mündete. Das Publikum feierte Orchester und Leiter mit einer Leidenschaft, wie man sie selten erlebt. Maximilian Haberstock hat gestern Abend klargemacht, dass er zu den führenden Köpfen seiner Generation zählt.

Ohne Showeinlagen, dafür mit Ernst und Sicherheit, formt er diesen Klangkörper. Seine Interpretation ist frei von modischem Manierismus und besitzt stattdessen die Schwere echter Bekenntnismusik. Es bleibt zu hoffen, dass dieser besondere Künstler sich trotz rasanten Erfolgs die Zeit zur Reifung nimmt.

Das Spielniveau dieses internationalen Orchesters ist außergewöhnlich hoch, die Symbiose zwischen Pult und Podium bereits jetzt vollkommen. Es ist ein Glücksfall für die Musikwelt, dass hier eine neue Generation mit solcher Vision antritt – mit dem Mut, sich der Vergangenheit zu stellen, ohne in ihr zu erstarren. Man spürt den Hunger dieser jungen Leute, ihre Unwilligkeit, sich mit Mittelmaß zufriedenzugeben.

© Bela Raba

Wer dieses Erlebnis teilen möchte, sollte die Tour nachverfolgen: Nach gestern in Frankfurt folgt im März 2027 eine Tournee mit Stationen wie Bamberg, Berlin, Dresden und München – und wer weiß, was als Nächstes kommt. Was hier heranwächst, ist nichts Geringeres als ein herausragender Klangkörper der Zukunft.

Es war ein Konzertbesuch, der nicht nur als Sternstunde im Gedächtnis bleibt, sondern der die Hoffnung nährt, dass die Ära der großen Interpreten gerade eine neue, aufregende Wendung nimmt. Frankfurt hat gestern ein musikalisches Beben erlebt, dessen Nachhall noch lange nachklingen wird.

Dirk Schauß, 19. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Eva Gevorgyan, Klavier, Maximilian Haberstock, Dirigent Herkulessaal, München, 3. Mai 2025

Rising Stars 54: Maximilian Haberstock – ein 19-jähriger Dirigent erntet Begeisterungsstürme klassik-begeistert.de, 22. Mai 2024

FOM, Maxim Lando, Klavier, Cornelius Meister, Dirigent Alte Oper Frankfurt, 29. September 2025

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert