Jules Massenet und Werthers Hamsterrad in Stuttgart

Jules Massenet, „Werther“  Staatstheater Stuttgart, 13. Juli 2021

Paweł Konik, Bariton, geboren in Cieszyn, Polen. Welch eine Stimme! Sie sitzt im Körper und doch befreit sie sich und nistet sich in jede Ecke des Hauses ein. Bravo! Eine herrliche Wahl, für die es sich lohnt, wieder zu kommen!

Staatstheater Stuttgart, 13. Juli 2021
Foto: wikipedia.de, Oper Stuttgart ©
Jules Massenet, „Werther“

von Maria Steinhilber

Massenets lyrisches Drama in vier Akten nach dem Briefroman „Die Leiden des jungen Werthers“ von Johann Wolfgang von Goethe lockt in die Staatsoper Stuttgart. Das Regenwetter passt zur Friedhofsstimmung im Saal: Abgedeckte schwarze Sitze, Orchester und Maestro Marc Piollet sind am hintersten Teil der Bühne platziert, quasi à la „offene Baustelle“.

 „Wer nicht neugierig ist, erfährt nichts!“ (Johann Wolfgang Goethe). Bon,
d’accord…

Die Bühne und Werthers „Spielplatz“, ein hellbeleuchtetes rundes weißes Plateau: Der Sänger im Hamsterrad. Sie gehen, rennen, liegen. Im Kreis herum. Dann Zickzackkurs bis Maestro Piollet abwinkt und der Saal wieder schwarz wird.

Die letzten Gäste betreten den Saal. Schließlich quetscht sich Charlotte, Rachael Wilson, auf einen freien Platz. Die vordersten Reihen füllt der Kinderchor. Hoffentlich künftige Nachwuchs-Abonnenten. Sie krakseln über die Sitze auf die Bühne und stimmen ihr Chant de Noël an. Geduldig sitzt Wilson ihre Zeit im Publikum ab, bis auch sie über die Reihen auf die Bühne klettert. Typisch Stuttgart…

Werther, von Anfang bis Ende als begossener Pudel mit einem hängenden Strauß roter Rosen und viel zu langen Hosen. Arturo Chacón-Cruz. Er zittert und sein ganzer Leib bebt vor Liebesqualen. Verzehrt sich nach Charlotte. Stimmlich ist er alles, was er zu sein hat. Jede Qual, jeder Schmerz. Man hängt ihm an den Lippen und den Spitzentönen. Verdienter Applaus für diese lyrische Heldenleistung.

Son Rival: Albert. Charlottes Ehemann. Eine markante Erscheinung im blauen Anzug. Paweł Konik, Bariton, geboren in Cieszyn, Polen. Welch eine Stimme! Sie sitzt im Körper und doch befreit sie sich und nistet sich in jede Ecke des Hauses ein. Bravo! Eine herrliche Wahl, für die es sich lohnt, wieder zu kommen!

Charlottes jüngere Schwester, Sophie, eine grüne Dame mit Aktenkoffer. Aoife Gibney hat Energie, die sie antreibt und ihr Sopran scheint noch Glitzerpartikel der letzten Musetta zu tragen. Die Stimme möchte sich befreien und sitzt stets in den richtigen Startlöchern. Ihr „Du gai soleil“ bleibt im Ohr. Bravissima. Sie hat alles vor Augen. Denn die Bühne gibt nicht viel her…

Et enfin: Rachael Wilson! Ihr Mezzosopran ist IHR Mezzosopran. Sie arbeitet damit jede Nuance feinstens heraus. Ihre Diktion ist en point! Es scheint, als ruhe diese Charlotte schon lange in ihr. Das ist Arbeit und kein Tamtam. Reife Töne perlen und borsten an den metallenen Ketten der Pflicht. Sie imitiert nicht und nie. Ihre moralische Ampel stets vor Augen. Sie ist die Reinheit. Ganz in weiß. Sie hat ein Herz für Charlotte, und was aus dem Herzen kommt, geht zum Herzen!

Zu guter Letzt geht’s nicht ohne Kitsch. Nachdem die Sänger vier Akte im Kreis rennen – jetzt das vermeintlich Schöne: Der sterbende Werther und Charlotte im blutigen Regen der Rosenblätter. Das Essiggurken-Dasein einer deutschen Bühne…  Die Sänger retten und leisten ALLES. Weich gebettet durch das Staatsorchester unter Marc Piollet. Merci bien!

Maria Steinhilber, 14. Juli 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Musikalische Leitung Marc Piollet
Regie Felix Rothenhäusler
Bühne Katharina Pia Schütz
Kostüme Elke von Sivers
Licht Reinhard Traub
Kinderchor Bernhard Moncado
Dramaturgie Franz-Erdmann Meyer-Herder

Werther Arturo Chacón-Cruz
Albert Paweł Konik
Der Amtmann Shigeo Ishino
Charlotte Rachael Wilson
Sophie Aoife Gibney

SolistInnen des Kinderchors
der Staatsoper Stuttgart
Staatsorchester Stuttgart

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