Royal Concertgebouw Orchestra, Klaus Mäkelä © Sophie Wolter
„Meist weiß das Große nicht, daß es groß ist, daher die höchsten Künstler die lieblichste, kindlichste Naivität haben und dem Ideale gegenüber, das sie immer leuchten sehen, stets demütig sind“, so Adalbert Stifter. Das Zitat lässt sich offenbar gut auf Anton Bruckner beziehen, dessen 8. Symphonie am 11. Februar 2026 im Großen Saal der Hamburger Elbphilharmonie erklang. Das Koninglijk Concertgebouworkest, international auch als Royal Concertgebouw Orchestra firmierend, gab unter seinem designierten Chefdirigenten Klaus Mäkelä einen Bruckner, mit dem man alles assoziieren konnte, nur nicht Naivität.
Anton Bruckner, Symphonie Nr. 8 c-Moll
Klaus Mäkelä, Dirigent
Koninglijk Concertgebouworkest
Elbphilharmonie, Hamburg, 11. Februar 2026
von Dr. Andreas Ströbl
Klischees können auch nerven
Ja, es wird oft bemüht, das Bülow-Zitat über Anton Bruckner, er sei „halb Trottel, halb Genie“. Sicher ist Bruckner oft unsicher, unterwürfig und etwas unbeholfen aufgetreten. Auch sein Dialekt, den er nie ablegte, wird gerne in Anekdoten zitiert – all dies wird auch im Hamburger Programmheft thematisiert.
Früher haben die meisten Menschen ihr Leben lang Dialekt gesprochen, und wie sich eine Vorlesung von Georg Friedrich Wilhelm Hegel über den „absoluten Geischt“ für Zeitgenossen angehört haben mag, können wir nur erahnen. Manche Goethe-Reime funktionieren allein auf hessisch. Auch das Sächsische vom „Meesta“ Richard Wagner dürfte wenigstens belustigend auf Nichtsachsen gewirkt haben.
Eines ist klar: Hört man Bruckners Musik, zumal die 8. Symphonie, und dann so glänzend dargebracht, wie am 11. Februar in der „Elphi“, und hat weder Kenntnis von Bruckner, noch ein Bild von ihm, dann vernimmt man das Werk eines jungen Adlers und nicht das eines ältlichen Kauzes. Sieht und hört man ein solches Klanggebirge vor sich aufragen, dann verfliegt sofort das Spötteln über die Schrullen eines Menschen, der eben sehr menschlich war und – man verzeihe das Pathos – Göttliches schuf.
Mäkelä ist hörbar gereift
Keine Frage, die „Architektonik der großen symphonischen Bögen“, wie es der geschätzte Kollege Brian Cooper einmal treffend bezeichnet hat, beherrscht der 30-jährige Mäkelä seit Jahren. Doch manchmal fehlte das Hineinhorchen in die leisen Zwischentöne, das Spielen mit den Generalpausen und der Blick auf das kaum Hörbare.
An diesem fulminanten Konzertabend jedoch zeigt der Dirigent nicht nur, dass er wirklich jede Note dieser Riesensymphonie im Innersten versteht, sondern er enthebt das Werk auch jeglicher ins Jenseits blickenden Abgeklärtheit oder Abgehobenheit, die manche Interpretationen prägen. Gerade die jähen Brüche, unterschiedlichsten musikalischen Ausdrucksformen und dynamischen Differenzierungen, die „Bruckner 8“ unter anderem ausmachen, reizt Mäkelä meisterhaft und detailliert aus. Dies ist jugendlich-frischer Bruckner, weitab von altmeisterlicher Schwere.
Mäkeläs Dirigat ist mitreißend, er lebt die Musik, tanzt die Partitur zuweilen (mit hörbarem Aufstampfen des Fußes auf dem Podest), begeistert das phantastische Orchester mit vollem Einsatz in Mimik und Gestik. Das, was der Tonsetzer niederschrieb, formt der Tonbildner Mäkelä mit weitausholenden Bewegungen, als schüfe er sichtbar ein Gebilde von erlesenster Qualität. Die Amsterdamer und er sind längst eine harmonische Einheit; man spürt, dass alle um diesen Glücksgriff wissen.

Brillanz in sämtlichen Instrumenten und Klangfarben
Es ist schon phantastisch, wie das Orchester all die Nuancen und Kolorite dieser Musik in den Großen Saal entlässt. Dass „crescendo“ wörtlich „wachsend“ heißt, wird bereits zu Beginn des ersten Satzes deutlich; die Musik wächst wie eine Pflanze im Zeitraffer aus dem irdisch Suchenden rasch nach oben, blickt, noch zögernd, ins Himmlische, das aber an dieser Stelle noch weit entfernt scheint. Gerade dieser Satz weiß um die Endlichkeit des Lebens, worüber auch die kraftvoll-satte Fülle des Blechs nicht hinwegtäuschen kann.
Die so Bruckner-typischen retardierenden Schleifen wirken nach vorne strebend, ohne zu drängen; die duftigen Streicherbewegungen im zweiten Satz sind zum Dahinschmelzen delikat gebildet. Wie zart und zurückgenommen Blechbläser, vor allem die hier sehr sensiblen Hörner, klingen können, kann man an diesem Abend immer wieder aufs Neue faszinierend erleben.
Im dritten Satz entfaltet sich die ganze Melancholie dieser Musik in symphonischer Weite. Hier wird deutlich, woher Mahler kommt, zumindest, was die großangelegten Harmonien der Spätromantik angeht. Seidig spielen die hohen Streicher, die Celli entrollen eine bettende Klangwiese. Wagner-Tuben lassen in warmer, umarmender Tiefe an den „Parsifal“ denken; auch „Siegfried“ grüßt motivisch kurz herein. Drei Harfen zaubern goldene Perlen, Becken und Pauken bilden in diesem Wechselbad der Dynamik und Orchestrierung einen wuchtigen Gegenpart.
Der Finalsatz entwickelt die ganze strahlende Erhabenheit dieser Symphonie, mit vollem, mächtigem Blech, entschiedenen Streichern und der ohnehin in dieser Symphonie streckenweise bestimmenden Pauke. Eine Dramatik jenseits des Pathos wechselt mit wehmütig romantischen Klängen, Mäkelä lässt sich Zeit bei den Generalpausen.

Am Ende wird die Symphonie gleichsam noch einmal thematisch zusammengefasst; ein Ritenuto greift unisono das Hauptthema des ersten Satzes, auf und dann folgt dieser großartige Schluss des Werks, der tatsächlich ein majestätisches Finale darstellt. Manche Bruckner-Symphonien scheinen ja plötzlich einfach aufzuhören, aber hier wird ein echtes, jubelndes Gemälde entrollt, das nur eines zulässt: Donnernden Applaus nach Verklingen der letzten, trotzig-optimistischen Takte.
Oft muss Mäkelä nochmals auf die Bühne, schließlich bereits mit gelöster Fliege. Die Anstrengung lächelt er weg und bedankt sich beim begeisterten Hamburger Publikum mit vielen tiefen Verbeugungen. Ein grandioser Konzertabend – glücklich, wer dabei sein konnte!
Dr. Andreas Ströbl, 12. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at
Anton Bruckner, Sinfonie Nr. 8 c-Moll Konzerthaus Dortmund, 24. November 2024