Eine kleine Reise zum kulturellen Wiedereinstieg ins Konzertleben

Konzert am 29. Mai 2021 im Wiener Konzerthaus, Grafenegg, Auditorium, 30. Mai 2021  klassik-begeistert.de

von Herbert Hiess

Foto: Umberto Nicoletti | author: Umberto Nicoletti ©
Katia und Marielle Labèque, Klavier

Nach den pandemischen Zwangsschließungen werden die Theater- und Konzertveranstalter wieder aktiv; da gibt es auch Events, die sich sehen und vor allem hören lassen können.

Natürlich wird noch im „Coronamodus“ gespielt, was ein relativ kürzeres Programm und keine Pause bedeutet. In gewisser Weise könnte man das auch beibehalten; die Pausen sind vielleicht für die Buffetiers ein Vorteil – in Wirklichkeit reißen sie einen aus der Stimmung raus und dehnen dann noch einen Abend sinnloserweise raus.

„Coronamodus“ bedeutet, (zumindestens vorläufig) viel weniger Publikum zu haben, da Zwischenräume einzuhalten sind. Daher wurde im Wiener Konzerthaus beispielsweise das Konzert unter Bychkov zweimal gespielt; nämlich um 18 Uhr und um 20:30 Uhr. Wie gesagt – dieser Modus hat schon Punkte, die beibehaltenswert sind.

Musikalisch war das Konzert der Tschechischen Philharmonie ein großer Wurf; das Orchester ist nicht nur europaweit eines der besten, sondern man könnte lapidar schon sagen: „weltweit eines der besten“.

Traditionell haben die Tschechen bei den Bläsern (Holz und Blech) immer schon Spitzenleistungen erbracht; die Streicher und Schlagwerk sind tatsächlich auf Weltklasseniveau angelangt. Den phänomenalen Paukisten beispielsweise könnten sich viele Orchester als Vorbild nehmen.

An diesem Abend gab es zwei Werke zu hören, nämlich das Konzert für zwei Klaviere von Bryce Dessner und Mendelssohns Klassiker die „Schottische“.

Ahja, Kenner der Szene wissen, dass die Kombination Bychkov und zwei Klaviere automatisch die Schwestern Labèque bedeutet. Marielle ist nämlich mit dem Dirigenten Semyon Bychkov verheiratet, was natürlich etwas nach „Vitamin B“ klingt. Nur ist das in dem Fall unerheblich, da die beiden Pianistinnen tatsächlich Weltspitze sind und man froh sein kann, wenn man sie hört.

Das Klavierkonzert des Amerikaners Dessner ist ein effektvolles Werk, das aus drei Sätzen ohne Satzbezeichnung besteht. Der Komponist ist auch Mitglied der Rockband „the National“, was man anhand der vielen rockigen und jazzigen Elemente hört. Ansonsten ist das Stück eine gefällige Aneinanderreihung von vielen schönen und beeindruckenden Teilen, die letztlich doch in ein eher formloses Gebilde münden. Man hört viel von Chopin bis hin zu Ravel; manchmal Vivaldi und am Schluss interessanterweise eine lange Passage ganz im Stile von Philip Glass. Alles in allem sehr beeindruckend.

Überaus grandios war die „Schottische“, die Bychkov und das großartige Orchester so richtig zum Leuchten gebracht hat; der beeindruckendste Part war der zweite Satz „Vivace non troppo“. Das Flirren der Geiger und die Holzbläserpassagen hat man selten so gehört.

Alles in allem weiß man, dass die Tschechische Philharmonie mit Bychkov einen äußerst guten Griff gemacht haben. Nach Václav Neumann und dem allzu früh verstorbenen Jiří Bělohlávek sind sie mit dem gebürtigen Russen auf einem richtigen Erfolgskurs.

Anderntags fand im Grafenegger Auditorium eine Begegnung statt mit dem sympathischen Originalklangensemble Wiener Akademie unter ihrem Chef Martin Haselböck. Auf dem Programm reine Wiener Klassik; zuerst Beethovens „Pastorale“ und dann die Schauspielmusik von Franz Schuberts „Rosamunde“.

Beethoven wurde recht ansprechend und dazu mit allen Wiederholungen gebracht; großartig, wie die Musiker trotz einiger Originalinstrument-bedingter Unschärfen diesen klassischen „Dauerbrenner“ erklingen ließen. Die Streicher klangen wunderschön und auch die Holzbläser waren sehr beeindruckend; Trompeten und Posaunen ließen dann gemeinsam mit den hervorragenden Pauken das Gewitter erschallen, das dann in einem friedlichen Hirtengesang mündete. Dann wurde auch deutlich demonstriert, wie schwierig die Naturhörner zu spielen sind – vor allem im Trio des dritten Satzes.

Bei Schuberts „Rosamunde“ (in der Zusammenstellung des Dirigenten Haselböck) war mit dem Konzertchor Niederösterreich eine Entdeckung zu machen. Als Zufallsergebnis anlässlich einer Vorbereitung zur 9. Symphonie von Beethoven wurde der Chor gegründet – mit einem beeindruckenden Ergebnis. Exzellent einstudiert von Flora Königsberger und Markus Pfandler-Pöcksteiner präsentierte sich hier ein Ensemble, von dem man hoffentlich noch öfters was hören wird.

Der Mezzo Sophie Rennert sang mit ihrer wunderschönen Stimme die Romanze „Der Vollmond strahlt auf Bergeshöhn“. Haselböck setzte in seiner Zusammenstellung die Ouvertüre als effektvollen Schlusspunkt. Diese Schauspielmusik ist viel zu selten in Konzerten zu hören; die akustischen Tücken des Auditoriums vor allem hinsichtlich Originalklangensembles verhinderten leider eine Aufführung in Perfektion.

Herbert Hiess, 31. Mai 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Bryce Dessner: Konzert für zwei Klaviere und Orchester (2017)
Felix Mendelssohn-Bartholdy: Symphonie Nr. 3 in a-moll op. 56 “Schottische”
Katia und Marielle Labèque, Klavier
Dirigent: Semyon Bychkov

Konzert am 29. Mai 2021 im Konzerthaus, Wien

++++

Ludwig van Beethoven: Symphonie Nr. 6 in F-Dur op. 68 „Pastorale“
Franz Schubert: „Rosamunde, Fürstin von Zypern“, Schauspielmusik D 797
Konzertchor Niederösterreich
Wiener Akademie
Sophie Rennert, Mezzosopran

Grafenegg, Auditorium, 30. Mai 2021

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