Und auf einmal gehen die Superlative aus: Martha Argerich begeistert mit „ihrem“ Tschaikowsky-Klavierkonzert No. 1 b-Moll

Konzert „Unwiderstehliche Sogwirkungen“, Martha Argerich Festival, Laeiszhalle, Hamburg, 28. Juni 2019

Foto © Dr. Holger Voigt
Laeiszhalle, Hamburg, 28. Juni 2019
Konzert „Unwiderstehliche Sogwirkungen“
Martha Argerich Festival
Veranstalter: Symphoniker Hamburg
Intendant: Daniel Kühnel

von Dr. Holger Voigt

Jeden Tag eine neue Bescherung! Das Publikum ist überglücklich, denn es erlebt im Tagestakt einen musikalischen Höhepunkt nach dem anderen: Das Martha Argerich Festival ist wirklich ein wahres Fest – ein Fest der Musik und ein Fest der Freundschaft. Kaum eine Titelzeile war so passgenau wie die des Tages (28. Juni 2019): „Unwiderstehliche Sogwirkungen“. Das traf den Punkt exakt.

Das Programm bestand aus drei Teilen: Ravels symphonischer Tondichtung „Ma mère l’oye“(„Mutter Gans“, nach der Fassung für Soloklavier), dem Klavierkonzert No. 1 b-Moll op. 23 von Piotr Iljitsch Tschaikowsky sowie – nach der Pause – Igor Strawinskys praller Bauernhochzeit „Les Noces“.

Die musikalische Leitung hatte Charles Dutoit, einer der früheren Ehemänner Martha Argerichs. Der hochgewachsene Schweizer mit kanadischem Wohnsitz überzeugte mit in sich ruhender, gravitätischer Körpersprache, klarer Zeichengebung, gleichwohl aber passionierten Akzentsetzungen, die von den blendend aufgelegten Symphonikern Hamburg intuitiv in klangschöne Musik umgesetzt wurden. Besonders deutlich zeigte sich dieses bereits in Ravels 1910 uraufgeführter Komposition „Ma mère l’oye“, bei der er wie ein Klangbeschwörer eine melodische Blume nach der anderen aus der Tiefe hervorzauberte und im Klangraum der Laeiszhalle sich als prachtvolle Blüte in aller Schönheit entfalten ließ – eigentlich im besten Sinne eines „Tonmalers“, wäre dieser Begriff nicht bereits anderweitig besetzt. Was da als musikalisches Gemälde entstand war voller Schönheit und Wärme. Ein großartiger Auftakt des Konzertabends, der mit großem Applaus bedacht wurde.

Und dann: Gespanntes und minutenlanges Warten auf den Höhepunkt des Abends – das Klavierkonzert schlechthin: Tschaikowskys Konzert für Klavier Nr. 1 b-Moll op. 23. Wenn ich daran zurückdenke, wann und warum meine Liebe zur klassischen Musik entstand, ist es eben dieses Klavierkonzert, das ich Ende der 1960er-Jahre zum ersten Male hörte und in das ich mich sogleich verliebte. Martha Argerich hat dieses Konzert so häufig wie berauschend gespielt, und nun – knapp ein halbes Jahrhundert später – sollte ich es erneut hören dürfen. Da klopfte das Herz schon ganz gewaltig.

Nicht auf Anhieb passte die Sitzhöhe, doch nach einer kleinen Justierung durch die Künstlerin selbst war es endlich so weit. Absolute Stille – nicht ein einziger Huster oder Räusperer. Mit gewaltigem Orchesterklang stieg die Pianistin in voller Präsenz auf das Eröffnungsthema ein – voller Dramatik, die übergangslos in die sich anschließenden Themendurchführungen überging und dabei mit sehr subtilen, lyrischeren Abschnitten abwechselte. Im Zusammenwirken mit Charles Dutoit war durch das ganze Werk hindurch eine musikalische „Entente cordiale“ (im engeren Wortsinne) zu verspüren, wie sie auch auf früheren Einspielungen festgestellt werden kann. Hier greift das Eine in das Andere, als wäre es Eins.

Vergleicht man aber das heutige Konzert mit dem früheren Tonmaterial, so wird man überrascht feststellen, dass das gewählte Tempo ein ganz anderes ist. Es wirkt tatsächlich so, als hätte sich alles in eine vorantreibende, drängende Dynamik verwandelt, wobei Martha Argerich nicht nur traumwandlerisch sicher alle technischen Anforderungen auch dieser schnelleren Gangart meisterte, sondern sogar das Kunststück fertigbrachte, bei alledem nicht gehetzt zu wirken: Jeder einzelne Anschlag war sauber und ausdrucksstark zugleich, auch wenn er extrem kurz gehalten war. Das ist das große Mysterium um Martha Argerich: Sie verspielt sich praktisch kein einziges Mal, rast über die Klaviertasten in unglaublicher Anschlagsgeschwindigkeit, bringt dabei brilliante Klänge hervor und ist sogar noch in der Lage, die Dynamik von Ton zu Ton zu variieren – da kann man nur noch staunen. Sie klingt heute besser als je zuvor – nicht gesättigt oder behäbig, sondern das glatte Gegenteil: Sturm und Drang mit allen Merkmalen der Jugend! Das änderte sich auch zu keinem späteren Zeitpunkt im Verlauf des Konzertes, ein geschlossenes, kohärentes Klanggemälde entstand, meisterlich vom Orchester in der angemessenen Dynamik und Klangfarbe gestützt. Triumphal der Abschluss. Wer nicht weiss, was ein Wunder ist – bitteschön: hier vollzog sich eines!

Am Ende reißt es das Publikum von den Sitzen. Minutenlang stehende Ovationen in der bis zum letzten Platz gefüllten Laeiszhalle. Und dann passierte es doch: Martha Argerich betrat nochmals die Bühne und gab eine kleine Zugabe, die hinreißend leicht und spielerisch vorgetragen wurde und nach dem großen Schwergewicht des vorangegangenen Klavierkonzertes geradezu erholsam wirkte (Robert Schumann: Fantasiestücke, op. 12, No. 7 – Traumes Wirren).

Großer Umbau auf der Bühne zur Pause: Streicher und Bläser weg, dafür Chor mit Gesangssolisten, umfangreiches Schlagwerk sowie vier (!) Flügel. Auf der Bühne wurde es eng. Großes stand an, und da musste jeder Raum genutzt werden.

Igor Strawinskys „Les Noces“ (“Die Bauernhochzeit“ nach russischen Hochzeitgedichten in 4 Teilen),eine 1923 uraufgeführte Tanzkantate, ist ein mächtiges, etwa 30 Minuten dauerndes, klangliches Meisterwerk, das auch heute noch – in Zeiten eines Martin Grubingers – hochaktuell ist und klingt. Wollte man versuchen, jemandem, der nicht zugegen sein konnte, zu erläutern, wie dieses Werk klingt, würde ich es – mit allen Vorbehalten – als einen „entfesselten“ Carl Orff mit chinesich-asiatisch anmutendem Einschlag (etwa im Sinne von Puccinis „Turandot“-Chorszenen) in Analogie setzen. Und tatsächlich sind ja auch Orffs „Carmina Burana“ auf die burleske Welt bäuerlicher Lebensfreuden ausgerichtet. Vielleicht irre ich mich hier aber auch, doch klangmächtig ist dieses Werk wie nur wenige andere.

Die Chorsolisten zeigten beeindruckende Leistungen und wurden zu Recht mit viel Beifall überschüttet: Durchgehend vibratofrei zu singen, dazu noch oft im Forte – das verlangt schon sehr viel ab. Über den einzelnen „Klanginseln“ wachte die ordnende Hand der Übersicht des Dirigenten Charles Dutoit, der wohl bei dem Dirigieren dieses ungewöhnlichen Werkes seine hellste Freude gehabt haben dürfte. Ein nicht enden wollender Klangteppich ohne Streicher und Bläser – dafür mit reichlich Perkussion und vier Klavieren, bei dem alle Beteiligten ihr absolut Bestes gaben. Ein gigantischer Abschluss dieses Konzertabends, zu dem auch Martha Argerich vom Rang aus stehend applaudierte. Was für ein Erlebnis!

Dr. Holger Voigt,  28. Juni 2019,  für
klassik-begeistert.

Europa Chor Akademie Görlitz, Leitung: Joshard Daus
Symphoniker Hamburg, Leitung: Charles Dutoit
Nicholas Angelich, Klavier
Martha Argerich, Klavier
Gabriele Baldocci, Klavier
Alexander Mogilevsky, Klavier
Stepan Simonyan, Klavier
Dimitri Desyllas, Schlagwerk
Andreas Furmakis, Schlagwerk
Koen Plaetinck, Schlagwerk

Maurice Ravel: Ma mère l’oye/Suite
Piotr I. Tschaikowsky: Konzert für Klavier und Orchester Nr. 1 b-Moll op. 23
Igor Strawinsky: Les noces/Die Bauernhochzeit

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