Aleksey Semenenkos unvergessliches Violinenspiel lässt den Atem stocken

Kyiv Symphony Orchestra, Luigi Gaggero Dirigent, Aleksey Semenenko, Elbphilharmonie, 1. Mai 2022

Eine Sensation im Sinne des Wortes – ein Konzert im Schatten des Krieges

Foto: Aleksey Semenenko © Daniel Dittus

Elbphilharmonie, 1. Mai 2022

Kyiv Symphony Orchestra

Luigi Gaggero Dirigent
Aleksey Semenenko Violine

Maxim Beresowski (ca. 1745–1777) Sinfonie Nr. 1 C-Dur (ca. 1771)
Allegro molto  Andante Presto

Ernest Chausson (1855–1899)
Poème für Violine und Orchester op. 25 (1896)

Myroslaw Skoryk (1938–2020)
Melodie für Violine und Orchester a-Moll (1982)

Borys Ljatoschynskyj (1895–1968)
Sinfonie Nr. 3 op. 50 (1951)

Andante maestoso  Andante con moto  Allegro feroce  Allegro risoluto

von Harald Nicolas Stazol

Der ganze Saal steht wie ein Mann, naja die Frauen auch, wir stehen alle und sind frenetisch, ist doch gerade die Dritte von Borys Ljatoschynskyj verklungen, mit einem vierten Satz, der Stalin zu aggressiv war, und er ihn umschreiben musste, denn es hätte auch sein „Todesurteil sein können“, unter dem Vorwurf, man komponiere zu westlich „formalistisch“, – doch nun hören wir den Vierten Satz in der Originalfassung, überschrieben mit „Der Friede wird den Krieg besiegen“, aber schon damals durfte der Komponist, 10 Jahre älter als Shostakovitch, das Wort Krieg nicht verwenden – wie sich die Bilder gleichen…

Jedenfalls zerfetzt Luigi Gaggero beim Umblättern fast die Partitur, während seine Bläser so richtig los fetzen, und es uns die Ohren wegfegt, und sich Gigantisches offenbart, wie es musikgeschichtlich in der kurzen Zeit nach dem ukrainischen Unabhängigkeitskrieg 1917 bis zur Stalin-Ära in einem Aufblühen der Kulturen, eines freien Atems entstehen kann, der ach, so bald wieder erstickt wird – wie sich die Bilder gleichen…

Und so ist dieser 1. Mai 2022 in der Elbphilharmonie von bemerkenswerter Feierlichkeit, man hat sich allenthalben Mühe gegeben. Hamburg zeigt sich von seiner elegantesten Seite, aber eben auch von der sympathischsten, ist doch die Ehrerbietung für dieses Kyiv Symphony Orchestra atmosphärisch elektrisierend, schon von Anbeginn zu spüren, als man den „Mozart des Ostens“ gibt, wenn man so will, Maxim Beresowski (ca. 1745-1777), haben doch beide bei Padre Martini in Bologna studiert, seine Symphonie Nummer 1 in C-Dur, ein elegant-gefälliges Stück, aus einer Zeit, die sich gerade so unendlich weit entfernt hat, seitdem uns allen der Himmel auf den Kopf gefallen ist.

„Es ward Ukrainisch gesprochen“, hieße es wohl im „Tod in Venedig“ über das Foyergeplauder im „Hotel des Bains“ am Lido – hier an der Elbe tauscht man sich nun mit dem heimischen Publikum auf englisch aus, „it’s extraordinary, isn’t it?“ flöte ich, „une Soirée triumphale, n’est-ce pas?“- aber das ist kein sinnloses Parlando, denn da war gerade der Junge mit der Geige, Aleksey Semenenko, der das Publikum in seinen Bann zog.

Gott, kann der Mann spielen! Und ich hätte es nicht besser sagen können, als die „New York Times“, die dem Ausnahmetalent „kraftvolle Technik, einen reichen Ton und eine leidenschaftliche Herangehensweise“ bescheinigt- doch HALT! Was sag ich denn? Natürlich kann ich es besser sagen:

Aleksey Semenenko © Daniel Dittus

Beim Poéme für Violine und Orchester op.25 von Ernest Chausson höre ich schon Itzhak Perlman, bei der Zugabe der Sarabande, die er nach kurzer Ansprache „ohne Beifall“ in einen Ukrainer, natürlich, übergehen lässt, „um die Brücke zu schlagen“ zu den Deutschen, höre ich Jascha Heifetz. Allein die Glissandi, die Flageolette, die Bogenführung – nun das stets in den Geigenpausen so ergriffene Gesicht…, aber er ist ja noch sehr jung.

Und mit der Lobeshymne höre ich gar nicht mehr auf: Die traurige Melodie des Zeitgenossen Myroslav Skoryk, traurig-ergreifend, interpretiert der Teufelsgeiger des Ostens in der Odessaer Musiktradition derart sinnlich-sinnig, dass einem schier der Atem stockt.

Das Dirigat arabesquenhaft, eindringlich, ja, geradezu virtuos, – die Gesamtleistung in ihrer Perfektion wohl auch der für Hamburg geradezu als Fügung des Glücks herrschenden Tatsache geschuldet, dass dies ja das Siebte, das Abschlusskonzert dieser Tournee eines Klangkörpers im Kriege, der mir unvergesslich bleiben wird!

Oder, mit etwas mehr hanseatischem Understatement des freundlichen Herren im Glasaufzug zur U-Bahn hinauf, „das war ein eindrucksvoller Abend“.

Aber das wäre nun wirklich wohl die Untertreibung der Saison.

Harald Nicolas Stazol, 1. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

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