"La Strada": Dreiecksgeschichte im Staatstheater am Gärtnerplatz – dieses Ballett lässt keinen kalt

La Strada, Ballett,  Staatstheater am Gärtnerplatz, München

Foto: Marie-Laure Briane (c)
Staatstheater am Gärtnerplatz, München,
23. September 2018
La Strada, Ballett
von Marco Goecke nach dem gleichnamigen Film von Federico Fellini
Buch von Federico Fellini und Tullio Pinelli
Musik von Nino Rota

von Barbara Hauter

Ein Körper wie Michelangelos David. Die Hände riesenhafte Pranken, zum Zerreißen gespannte Armmuskeln. Zampanó, der kettensprengende Schausteller, ist geballte Männlichkeit. Özkan Ayik tanzt ihn ausdrucksstark. Doch seine Bewegungen irritieren: Der Muskelbepackte zuckt, scheint wie gefangen in seinem riesenhaften Körper, hebt seine Arme wie ein Ertrinkender. Eine Dreiecksgeschichte entspinnt sich zwischen ihm, dem Mädchen Gelsomina (Verónica Segovia) und  Matto, dem Seiltänzer (Javier Ubell).

Neben dem brutalen Kerl verschwindet das Mädchen fast, tanzt ebenso zuckend, hektisch mit den Händen gestikulierend. Als würden Chiffren in den Raum geschrieben. Nur der Seiltänzer bewegt sich im klassischen Sinne tanzend, fliegt in großen Sprüngen leichtfüßig über die Bühne. Doch er ist dabei fast flüchtig. Auch er irritiert.  Allen fehlt Verbindung – zu sich selbst, zu einander und zum Boden.

Das Bühnenbild ist karg und düster, nur ein paar Tücher deuten Meereswellen und einige Halme ein Getreidefeld an. Und auch die Kostüme zitieren mit wenigen Uniformlitzen und Zampanós Münzengürtel nur verhalten, in welchem Milieu das Tanzdrama spielt. In Marco Goeckes Ballett “La Strada” nach dem berühmten Film Fellinis aus dem Jahr 1954 geht es um (Jahrmarkt-) Künstler und ihre Beziehungen. Die Filmhandlung zu kennen ist äußerst hilfreich um das Ballett zu verstehen.

Fellinis Film “La Strada” ist ein düsteres Werk. Es erzählt in eindringlichen Schwarzweißbildern von Einsamkeit, Verzweiflung, Gewalt und Sprachlosigkeit. Zampanó (im Film Anthony Quinn) ist ein grober, wortkarger, frauenverschlingender und -verachtender Kerl. Er kauft das naive Mädchen Gelsomina ihrer bitterarmen Mutter für wenige Münzen ab und dressiert sie zu seiner Assistentin wie einen Hund. Die beiden reisen umher, Gelsomina wird gedemütigt und geschlagen. Sie begegnen dem Seiltänzer Matto, von dem Gelsomina erstmals Aufmerksamkeit und Wärme erfährt. Der eifersüchtige Zampanó tötet Matto, Gelsomina lässt er zurück. Jahre später. Zampanó ist gealtert und heruntergekommen. Er erfährt von Gelsominas weiterem Schicksal und ihrem Tod. Er wird von seinen Gefühlen übermannt und bricht zusammen.

Der Komponist Nino Rota hat bis zu seinem Tod 1979 zu allen Filmen Fellinis den Soundtrack geliefert. Zu “La Strada” schrieb er opernhafte Musik mit Anspielungen an Kurt Weill und George Gershwin, aber auch mit Anklängen an Zirkusgalopp und swingender Tanzmusik. Rotas Musik schrie geradezu nach einer Fassung für die Bühne. Der Komponist verarbeitete sie 1966 zu einer Ballettsuite. Choreograf Goecke nutzte sie nun für das Gärtnerplatztheater als Rohstoff für ein Handlungsballett, das sich nah an die Filmvorlage hält.

Goecke zeigt dem Zuschauer vielschichtige Zerrissenheit. Nino Rotas Filmmusik im Stile Hollywoods der 50er Jahre, herzerwärmend präsentiert von Michael Brandstätter (musikalische Leitung) und seinem Orchester, macht den Raum weit auf für große Gefühle, für Melodrama. Die Protagonisten auf der Bühne aber sind nicht in der Lage zu fühlen, sie sind gefangen in sich, verzweifelt. Die Körper, die nach zu der Musik passenden weiten, weichen Bewegungen schreien, können nicht aus sich heraustanzen. Nur die Arme zucken, wedeln, flattern hektisch und abgehackt. Panisch sieht das aus, aber auch ein wenig marionettenhaft, wie von unsichtbaren Fäden geführt, ohne Selbstkontrolle, zwanghaft. Und während die Arme hektisch das Vierfache Tempo vorlegen, tanzen die Beine geschmeidig nur halb so schnell, der ganze Mensch ist in sich entzwei. Die Zeit scheint ein Thema Goeckes zu sein, sie rast, aber für jeden in einer anderen Geschwindigkeit. Keiner ist beim anderen und auch keiner bei sich. Die Musik wird nicht wie einem klassischen Ballett im Takt getanzt. Sie läuft eigenständig, neben dem Tanz, untermalt die Sprache der Körper.

Marco Goecke, choreografisches Wunderkind, hat eine ganz eigene Körpersprache mit einem eigenen Vokabular entwickelt, das ins 21. Jahrhundert passt. Darauf muss man sich als Zuschauer erst einmal einlassen. Je jünger die Zuschauer sind, desto leichter verstehen sie Goecke, so scheint es. Die Themen Leere, Gleichgültigkeit und Isolierung sprechen sie direkt an. Sie sind tief berührt, während älteres Publikum ein wenig verstört auf das “Rumgefuchtel” reagiert. Kalt lässt das Stück aber keinen der Zuschauer, Trauer bleibt. Denn das opernhafte Lied der Straße ist ein getanztes Schauspiel der verpassten Chance, geliebt zu haben.

Barbara Hauter, 24. September 2018, für
klassik-begeistert.de

Zampanó: Özkan Ayik
Gelsomina: Verónica Segovia
Matto: Javier Ubell
Mutter: Isabella Pirondi
Großes Kind: Rodrigo Juez Moral
Hure: Chiara Viscido
Witwe: Rita Barao Soares
Zirkusdirektor: David Valencia
Wäscherin: Lieke Vanbiervliet
Clown: Alessio Attanasio
Rosa: Amelie Lambrichts
Ensemble: Ballett des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz
Musikalische Leitung: Michael Brandstätter
Choreografie: Marco Goecke
Bühne und Kostüme: Michaela Springer
Licht: Udo Haberland
Dramaturgie: Daniel C. Schindler

Barbara Hauter, M.A. Germanistik, Psychologie und Biologie, schreibt seit sie die Tastatur bedienen kann, für Tagespresse, Zeitschriften und Internet. Als Redakteurin betreute sie viele Jahre Foto- und Tierzeitschriften. Als freie Journalistin sind ihre Themenschwerpunkte Menschen, Tiere und Medizin. Ihre Passion sind „Kritiken fürs Volk“, weil sie dafür brennt, mehr Menschen für Klassik und Ballett zu begeistern. Barbara Hauter lebt in der schönen Opernstadt München.

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