„Miserere“ von Gregorio Allegri... und die Folgen verletzten Urheberrechtes

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Ich hoffe immer noch, dass ich eines Tages einem guten Ensemble beitreten und die mystische Erfahrung miterleben kann, während ich dieses wunderbare Werk „Miserere“ mitsinge. Vielleicht könnte man damit auch beten, um die schwierige Pandemie-Zeit zu überstehen…

von Jolanta Lada-Zielke   

Auf meiner Liste der Werke, die ich mindestens einmal in meinem Leben singen möchte, steht das berühmte „Miserere“ von Gregorio Allegri (1582-1652), das wahrscheinlich in den 1630er-Jahren komponiert wurde. Ich beschreibe es nicht genau, weil ich voraussetze, dass es den Lesern bekannt ist. Allegri komponierte dieses A-Capella-Stück zu dem Text eines der berühmtesten Bußpsalmen Nr. 50 (nach Vulgata Nr. 51) „Gott, sei mir gnädig nach deiner Güte“. Der Psalm wird während der Karwoche in allen christlichen Kirchen gesungen. Allegris  „Miserere“ wurde bis 1870 in der Sixtinischen Kapelle in Rom von den Päpstlichen Kapellsängern aufgeführt, danach hat man es in anderen Kirchen gesungen. In Polen wird dieses Werk heute ab und zu während der Fastenzeit, neben dem „Stabat Mater“  von Giovanni Battista Pergolesi, präsentiert.

In den neunziger Jahren hörte ich einmal ein Konzert mit diesem Stück, das von Gesangsstudenten der Musikhochschule in Krakau in der Dominikanerkirche aufgeführt wurde. Unter ihnen war die in Deutschland bekannte Sopranistin Anna Pehlken (damals noch Anna Ciuła), mit der ich zusammen an der dortigen Musikoberschule studierte. 1998 war ich mit dem Chor Organum auf Tournee in Frankreich und bekam als Geschenk die Noten von „Miserere“ – herausgegeben von Editions À COEUR JOIE aus Lyon.

Ein Jahr später begann ich selbst eine Gruppe für eine „Miserere“– Aufführung zu sammeln. Leider scheiterte meine Absicht am Mangel an willigen Männern. Bei der Auswahl der Damen gab es kein Problem, ich fand sogar ein Mädchen, das leicht das dreigestrichene c singen konnte. Aber die Sänger, die ich ansprach, hatten nicht viel Interesse daran teilzunehmen. Also musste ich  das Projekt aufgeben.

Allerdings konnte ich eine Radiosendung über dieses Werk und die Geschichte seines „Ausbruchs“ aus der Sixtinischen Kapelle in Rom vorbereiten. Alle Bewunderer von „Miserere“ wissen, dass der vierzehnjährige Mozart beauftragt wurde, dieses Lied nach Gehör aus dem Gedächtnis  abzuschreiben. Für einen so talentierten jungen Musiker war es keine schwierige Aufgabe, weil das Werk aus sich wiederholenden Mustern besteht.

Da gibt es Sätze für den fünfstimmigen Chor, für ein Solistenquartett und gregorianische Fragmente.  Einer der Interpreten des Stückes, der an meiner Sendung teilnahm, sang  „Miserere“ mit dem Krakauer Ensemble Anonymus, das sich auf Aufführungen alter Musik spezialisiert. Er sprach darüber, wie schwierig es während dieses etwa dreizehn Minuten dauernden A-Capella-Werks ist, „nicht aus der Tonart herauszufallen“. Das Ensemble  Anonymus fand  die erste, „ungeschönte“ Version des Werks und führte sie auf.

Es war unter der Androhung  der Exkommunizierung verboten, die Partitur von „Miserere“ aus der Sixtinischen Kapelle zu entführen. Einige glauben, dass Mozarts früher Tod eine göttliche Strafe für die Verletzung dieses Urheberrechts war. In diesem Zusammenhang fragte ich Priester Grzegorz Ryś (heute Bischof), der als Professor der Kirchengeschichte an der Päpstlichen Universität  Krakau tätig war, ob diese Behauptung richtig sein könnte.

„Lass uns nicht zaubern!“, empörte er sich, „der Fluch – oder anders gesagt die Exkommunizierung – ist nach wie vor keine schwarze Magie. Sie bedeutet, eine Person von der Kirche auszuschließen, sodass sie Sakramente von nun an nicht mehr annehmen darf. Aber es bedeutet nicht, dass jemand sofort  einen Ziegelstein auf den Kopf bekommt, wenn er die Straße entlang geht. „

Auch Professor Bogusław Grzybek, Dirigent des Akademischen Chors Organum, äußerte sich zu diesem Thema ähnlich. Er fügte hinzu, dass es beim Urheberrechtsschutz in der Musik  sehr unterschiedlich sein könne. Er gab ein Beispiel dafür, wie Stefan Stuligrosz, der Chef des berühmten Knabenchors „Posener Nachtigallen“, ihm einmal die neu entdeckte und von einem Manuskript abgeschriebene Partitur von Grzegorz Gerwazy  Gorczyckis  Motette „Omni die dic Marie“ schenkte. Es war genug, dass der Chor Organum es einige Male öffentlich sang und nach kurzer Zeit wurde dieses schöne A-Capella-Stück in das Repertoire anderer Krakauer Ensembles aufgenommen. Niemand hat das Urheberrecht beansprucht. In Polen existiert die Institution ZAIKS, die sich mit dem Schutz der Autorenrechte befasst wie GEMA in Deutschland. Ich selbst gehöre zu diesem Verein, als Autorin von Liedertexten. Man muss aber bei solchen Institutionen die neu geschaffenen Werke erst anmelden, um diese unter ihren Schutz stellen zu können.

Zurück zu „Miserere“… Ich hoffe immer noch, dass ich eines Tages einem guten Ensemble beitreten und die mystische Erfahrung miterleben kann, während ich dieses wunderbare Werk mitsinge. Vielleicht könnte man damit auch beten, um die schwierige Pandemie-Zeit zu überstehen…

Jolanta Lada-Zielke, 15. März 2020, für
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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie aus privaten Gründen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

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