Ladas Klassikwelt 28: „Dominantseptakkord ist sexy“ oder: Harmonielehre, die Spaß macht
(für Musiklehrer, die Gesangsstudenten nicht besonders mögen😀)

Ladas Klassikwelt 28: „Dominantseptakkord ist sexy“ oder Harmonielehre, die Spaß macht

von Jolanta Lada-Zielke

Die Lehrer für theoretische Fächer an polnischen Musikober- und Hochschulen haben nicht die beste Meinung über Sänger. Die Aufnahmeprüfung an der Gesangsfakultät darf man ohne musikalische Vorkenntnisse ablegen und muss vor allem die Stimme zeigen. So war es auch in meinem Fall. In der Kindheit lernte ich zwar Klavierspielen, schloss aber keine Grundschule für Musik ab, weil meine Familie oft den Wohnort wechselte. Als ich mein Gesangsstudium an einer Musikschule zweiten Grades in Krakau anfing, sagte man mir, dass Sänger außer Singen nichts könnten und besonders im Bereich Musiktheorie schwer von Begriff seien. In meiner Klasse gab es nur zwei Personen mit abgeschlossener Musikgrundschule, der Rest war ganz neu. Während des ersten Studienjahres schieden vier von uns aus, nur fünf blieben bis zum nächsten. Und dann kam ein völlig neues Studienfach: die Harmonielehre.

Unsere Lehrerin gestand uns eines Tages, dass sie eher unzufrieden war, als ihr die Leiterin der Theoretischen Sektion unsere Gesangsklasse übergab:

„Wir geben dir die Sänger, du kannst bestimmt mit ihnen umgehen.“

„Ja, wirklich. Dann kann ich in einem Irrenhaus landen“, antwortete sie skeptisch.

Es stellte sich jedoch heraus, dass wir in der Harmonielehre nicht so schlecht waren. Am Anfang war uns alles neu und wir gingen mit übertriebener Vorsicht daran. Unsere ersten Aufgaben waren, zu einer gegebenen Melodie der Sopranstimme die drei anderen – Alt, Tenor und Bass – zu schreiben. Wir bekamen eine Liste mit Vorgaben: Die Entfernung zwischen zwei Tönen sollte nicht zu groß sein; wir durften keine parallelen Quinten und Oktaven, verdoppelten Terzen und nicht aufgelöste Septakkorde verwenden – so etwas konnte sich nur Claude Debussy erlauben.

Zunächst machten wir alle Fehler. Die Kolleginnen und Kollegen mit absolutem Gehör kamen mit dem Aufbau der Akkorde besser zurecht. Ich beneidete sie darum, fand jedoch meinen eigenen Weg, diese „Kreuzrätsel“ zu lösen. Ich achtete nämlich auf die graphische Darstellung der Akkorde und entdeckte eine interessante Eigenschaft: wenn sich Alt und Tenor kaum bewegen, das heißt, wenn man in den mittleren Stimmen die gemeinsamen Töne liegen lässt oder sie höchstens im Sekundenbereich ändert, entstehen keine parallelen Quinten oder Oktaven. Auf dieser Art und Weise machte ich die Aufgaben weiter. Sie waren nicht besonders kreativ, aber richtig.

Wir lernten noch, wie man die Kadenz: Tonika-Subdominante-Dominante-Tonika in verschiedenen Tonarten spielt. Im dritten Jahrgang kamen die Modulationen und Generalbass und im vierten die harmonische Analyse dazu. Am Ende hat die Lehrerin uns gelobt und stellte uns als Vorbild dar den jüngeren Gesangsklassen gegenüber. Also gelang es uns, das Klischee über „Sänger und die Theorie“ zu widerlegen. Das war jedoch nicht alles.

Rap als Lernhilfe

Mitte der neunziger Jahre begann Rap in Polen in Mode zu kommen. Es erschienen Profisänger und Bands, die mit Rap-Musik auftraten. Viele Menschen schrieben Rap-Texte für verschiedene Gelegenheiten. In Schulen reimte man Strophen über Lehrer, Kabarettautoren verfassten politische Texte, in Ferienlagern wurden lustige Ereignisse auf dieser Art und Weise beschrieben. Dann stellte eine ausgewählte Gruppe diese Rap-Werke (mit der entsprechenden Bewegung) öffentlich dar. Ein solcher Text bestand aus dem vom Publikum wiederholten Refrain und zahlreichen Strophen. Zwei Rapper traten sogar jede Woche im polnischen Fernsehen auf und präsentierten auf diese Weise ausgewählte Themen aus der Geschichte unseres Landes.

Jolanta Lada-Zielke in Bayreuth

Eines Tages kam ich auf die Idee, die Regeln der Harmonielehre auch in einer Rap-Form auszudrücken. Ich brauchte ungefähr zwei Wochen, um den gesamten Text zu verfassen. Dann stellte sich die Frage, mit wem ich ihn darstellen könnte. Meine Kolleginnen und Kollegen aus der Gesangsfakultät waren daran nicht interessiert; vielleicht weil Rap nicht viel mit klassischer Musik zu tun hatte. Manche behaupteten, sie würden nicht herumalbern. Nur zwei Tenorsänger aus dem ersten Studienjahr sagten zu. Ich bat auch die Mädchen aus der Rhythmik-Fakultät darum, die eifrig mit den Vorbereitungen unseres Auftritts begannen.

Das Programm wurde bei der Abschiedsparty der Absolventen des Jahres 1997 vorgestellt. Wir Frauen waren zu fünft auf der Bühne und jede von uns hatte am Handgelenk ein kleines Schild mit einer der Nummern: 1, 3, 5, 7, 9 – wie bei einem Schönheitswettbewerb. Diese Zahlen entsprachen den einzelnen Komponenten des Dominantseptakkordes: die Prime, die Terz, die Quinte, die Septime und zusätzlich die None, weil auch der Dominantnonenakkord erwähnt wurde.

Zu Beginn brachten wir dem Publikum den Refrain bei, den unsere ausgezeichneten Tenöre rezitierten:

Dominanta /septymowa/ jest seksowna/ i zmysłowa!” (Dominantseptakkord ist sexy und anziehend!)

Die erste Umkehrung: Quintsextakkord! Pierwszy przewrót: kwintsekstowy!

Die zweite Umkehrung: Terzquartakkord! Drugi przewrót: terckwartowy!

Die dritte Umkehrung: Sekundakkord Trzeci przewrót: sekundowy

von dem Dominantseptakkord! Dominanty septymowej!

Bei den Umkehrungen tauschten wir unsere Plätze in der Reihe. Die unterhaltsamste Szene war, als die None auftauchte und zuerst die Quinte „rauswarf“, so dass der Dominantnonenakkord ohne Prime entstand. Als die Quinte zurückkehrte, „schmiss“ die None die Prime weg, und in der neu geschaffenen Stellung platzierte sich die Quinte über der None.

In ähnlicher Weise haben wir die Definition der trugschlüssigen Kadenz und der dazwischenliegenden Dominante vorgestellt.

Am Ende erhielten wir alle großen Applaus. Die Harmonielehrer waren von diesem Programm am meisten begeistert. Die Leiterin der Theoretischen Sektion schlug scherzhaft vor, mich bei der Harmonieabschlussprüfung durchfallen zu lassen, damit ich noch länger an der Schule bleibe und solche Veranstaltungen organisiere.

An diesem Abend gründeten wir die Kabarettgruppe D7, die auch noch im weiteren Schuljahr aktiv war. Weiterhin verfasste ich ausgewählte Themen aus der Musikgeschichte in Rap-Form. 1998 erhielten wir unsere Abschlussdiplome und gingen in verschiedene Richtungen. Aber ich fand mit großer Freude heraus, dass meine Rap-Texte in der weiterführenden Musikschule zweiten Grades namens Władysław Żeleński in Krakau immer noch als Lehrmittel verwendet werden.

Jolanta Lada-Zielke, 19. April 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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© Jolanta Lada-Zielke

Jolanta Lada-Zielke, 48, kam in Krakau zur Welt, hat an der Jagiellonen-Universität Polnische Sprache und Literatur studiert und danach das Journalistik-Studium an der Päpstlichen Universität Krakau abgeschlossen. Gleichzeitig absolvierte sie ein Gesangsdiplom in der Musikoberschule Władysław Żeleński in Krakau. Als Journalistin war Jolanta zehn Jahre beim Akademischen Radiorundfunksender Krakau angestellt, arbeitete auch mit Radio RMF Classic, und Radio ART anlässlich der Bayreuther Festspiele zusammen. 2003 bekam sie ein Stipendium vom Goethe-Institut Krakau. Für ihre  journalistische Arbeit wurde sie 2007 mit der Jubiläumsmedaille von 25 Jahren der Päpstlichen Universität ausgezeichnet. 2009 ist sie der Liebe wegen nach Deutschland gezogen, zunächst nach München, seit 2013 lebt sie in Hamburg, wo sie als freiberufliche Journalistin tätig ist. Ihre Artikel erscheinen in der polnischen Musikfachzeitschrift „Ruch Muzyczny“, in der Theaterzeitung „Didaskalia“, in der kulturellen Zeitschrift für Polen in Bayern und Baden-Württemberg „Moje Miasto“ sowie auf dem Online-Portal „Culture Avenue“ in den USA.  Jolanta ist eine leidenschaftliche Chor-und Solo-Sängerin. Zu ihrem Repertoire gehören vor allem geistliche und künstlerische Lieder sowie Schlager aus den Zwanzigern und Dreißigern. Sie ist seit 2019 Autorin für klassik-beigeistert.de.

Beitragsbild: Steve Buissinne auf Pixabay

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