„L’amore dei tre re“ von Italo Montemezzi in Lübeck: Grenzenlose Verzauberung

„L’amore dei tre re“, Oper von Italo Montemezzi  Theater Lübeck, 13. Mai 2022

Foto: © TL / Olaf Malzahn

Theater Lübeck, 13. Mai 2022

Die Liebe der drei Könige  – „L’amore dei tre re“
Oper von Italo Montemezzi

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Chor des Theaters Lübeck

Stefan Vladar Dirigent

Effi Méndez  Inszenierung

von Dr. Andreas Ströbl

„Warum wird dieses Juwel so selten aufgeführt?“ – In Gesprächen vor dem Lübecker Theater nach der bejubelten Premiere von Montemezzis „Die Liebe der drei Könige“ mischte sich Begeisterung über die bravourös geglückte Umsetzung einer opulenten Oper mit völligem Unverständnis einer so mageren Rezeption.

Tatsächlich war der 1913 komponierte Dreiakter ein echtes Kriegsopfer, zumindest was die europäischen Spielpläne betrifft. In den USA feierte die Oper echte Erfolge, die Kritiker überschlugen sich in Superlativen. Aber bis auf, im Vergleich mit den Beispielen der sogenannten „großen“ Opernliteratur, wenige Ausnahmen war dieses Meisterwerk des „decadentismo“ in den vergangenen 100 Jahren kaum zur Aufführung gekommen. Auch die Zahl nennenswerter Einspielungen ist überschaubar; die Aufnahme mit Anna Moffo, Plácido Domingo, Pablo Elvira und Cesare Siepi (Leitung: Nello Santi) sticht dabei heraus.

Foto: © TL / Olaf Malzahn

Auch in so vielbeachteten Publikationen wie von Alex Ross (The Rest is Noise – Das 20. Jahrhundert hören, München 2009) und Bernd Feuchtner (Die Oper des 20. Jahrhunderts in 100 Meisterwerken, Hofheim 2020), die mit Detailkenntnis und Hinweise auf vergessene Kompositionen aufwarten, sucht man Werk und Schöpfer vergebens. Um so glücklicher dürfen sich also erneut die Lübecker schätzen, deren innovatives und experimentierfreudiges Theater diesen wahren Schatz gehoben und entsprechend inszenatorisch umgesetzt hat.

Hinter dem märchenhaften Titel verbirgt sich eine emotional aufgeladene Geschichte: Ein alter Monarch, Archibaldo, und dessen Sohn Manfredo, Invasoren aus dem Norden im italienischen Königreich Altura, lieben beide die Prinzessin des Landes, die schöne Fiora, wobei der Begriff der Liebe hier höchst heterogen aufzufassen ist. Fiora wurde von Archibaldo mit Manfredo zwangsverheiratet, aber liebt den rechtmäßigen Prinzen Avito.

Manfredo ist ein Werkzeug seines durch Machtgier zerfressenen blinden Vaters. Seine Gefühle gegenüber Fiora können tatsächlich als Liebe begriffen werden, während der alte König das Mädchen nur begehrt. Gegenseitige, aufrichtige Liebe besteht allein zwischen Fiora und Avito und die ist aufgrund der bestehenden Verhältnisse unmöglich. Fiora ist sogar bereit, dieser Liebe zu entsagen und doch mit Manfredo zu leben, kann aber von Avito nicht lassen. Der Alte weiß nicht, wer der Liebhaber seiner Schwiegertochter ist; er erwürgt Fiora und trägt Gift auf die Lippen der Leiche auf, um dem Liebhaber eine Falle zu stellen. Der böse Plan geht auf und Avito stirbt an seinem letzten Kuss. Manfredo folgt ihm nach und der alte König bleibt allein zurück, in der Gruft seiner eigenen Bosheit.

Foto: © TL / Olaf Malzahn

Als monumentaler Grabkeller erscheint das Bühnenbild von Stefan Heinrichs von Anfang an, denn es wird durch titanische Steinköpfe an Mauervorsprüngen dominiert, die direkt aus der Krypta im Leipziger Völkerschlachtdenkmal entnommen sind. Allerdings flankieren hier, anstatt der martialischen Totenwächter im Original, Reliefs mit antikisierenden, kopflosen Figuren die Riesengesichter mit ihren halbgeschlossenen Augen, wie in tiefer Depression, die Münder leicht zu stummem Stöhnen geöffnet. Durch die gigantische Anlage weht der modrige Hauch des Vergehens, es ist das Mahnmal einstiger Macht, die sich nur noch durch die Erinnerung an frühere Größe am granitgrau gewordenen Leben hält. In einer Szene erhebt sich ein Teil der Bühne und ein gisant, also die steinerne Liegefigur eines der Vorfahren des Geschlechts, wird im Untergrund sichtbar.

In der bewährten Kostprobe des Lübecker Haues, der öffentlichen Szenenprobe samt Einführung, wurde der Charakter der Inszenierung von Effi Méndez bereits als „monumental, monströs und verkommen“ vorgestellt. Männliche Selbstdarstellung, Überhöhung und Egoismus sind in der Tat die Triebkräfte, die die mögliche Liebe wie mit steinernen Fäusten zerdrücken und dabei den eigenen Todesgesang anstimmen.

Foto: © TL / Olaf Malzahn

Im Zentrum steht ein wandelbares Objekt aus zwei sich gegenüberstehenden Steinköpfen, die jeweils in eine halbrunde Umfassung übergehen und entweder einen Brunnen darstellen – die Köpfe sind dann Wasserspeier – oder ein gigantomanisches Ehebett, in dem man sich, bei welcher Handlung auch immer, stets von den leeren Augen beobachtet fühlen dürfte. Schließlich wird das Gebilde zum Grabmal für die ermordete Prinzessin, die Köpfe erinnern an morbide Skulpturen auf Friedhöfen des fin de siècle.

Auch die zeitgenössischen Kostüme von Ilona Holdorf-Schimanke wandeln sich im Lauf der Handlung, vor allem in der Farbgebung. Vom militärischen Preußischblau des alten Königs abgesehen sind die beiden Männer und die Prinzessin zuerst in strahlendes Königsblau gekleidet, das immer mehr reduziert wird. Das Königliche dieser Potentaten schwindet mit dem, was sie tun oder eben nicht vermögen; bei Fiora, deren Name ja „Blume“ bedeutet, sind es zwischendrin nur noch die blauen Blumen auf ihrem Schlafgewand, endlich verbleibt allein die zarte Stickerei auf ihrem Tuch. Das Blau strebt unaufhaltsam zum gruftgrauen Ton von Stein und Staub.

Montemezzis Musik malt dieses finstere Gemälde mit spätromantischer Schwere und überwältigender Klangfülle. Dieses morbide Tongebäude zwingt Hörerinnen und Hörer mit enormem Suchtpotential in die Tiefe von Leidenschaft, Todessehnsucht und der Hoffnung auf doch noch obsiegende Liebe. Vieles erinnert an Wagner, aber Montemezzis Lieblingskomponist hat ihn nicht zu dessen Epigonen werden lassen. Ähnlich allerdings ist beider Kunst, Text und Musik miteinander zu verbinden, die geniale Instrumentierung unterstreicht Stimmungen und Emotionen. Wenn nicht gesungen wird, illustrieren die Klänge, was sich in den Seelen der Akteure abspielt. Es gibt keine Arien und kaum Melodien, sondern vor allem Dialoge und weite Klanggemälde mit lyrischen Intermezzi.

Die Rollen sind allesamt großartig besetzt. Rúni Brattaberg als alter König ist grandios, wenngleich er in den Höhen manchmal etwas ins Flattern gerät. Umso wuchtiger ist sein Profondo-Bass, der wie aus einem offen Grab zu dröhnen scheint. Noah Schaul gibt den Diener Flaminio, der seinen erblindeten Herren treu durch den Rest seines unschönen Lebens führt. Archibaldos Sohn Manfredo ist Anton Keremidtchiev, sein viriler Bariton passt hervorragend zu seiner Rolle. Die Tragik im Unvermögen, mit einer Frau, die ihn nicht liebt, glücklich zu werden, gibt er mit einer Glaubhaftigkeit wieder, dass man echtes Mitleid mit ihm verspürt. Yoonki Baek als Prinz Avito ist ebenfalls eine hervorragende Besetzung, weil sein oft ins Flehende, ja Schluchzende gehender Tenor die vergebliche Sehnsucht nach Vereinigung und Innigkeit überzeugend offenlegt.

Die tragische Partie der Fiora übernimmt María Fernanda Castillo mit solcher Wucht, Hingabe und Stärke, dass sie auch die feinsten Nervenbahnen erreicht. Problemlos zügelt sie sich wieder zum Decrescendo und offenbart so ihre angreifbare Psyche.

Keiner der Solisten hat Mühe, gegen das große Orchester anzusingen, wobei alle ohne Einschränkung die Artikulation auch in den Fortissimi glänzend beherrschen. Für ein Optimum an Ausgewogenheit sorgt GMD und Operndirektor Stefan Vladar, der bekannt dafür ist, dass er jedes einzelne Instrument, jede Musikerin und jeden Musiker ernstnimmt. Und so breiten die Lübecker Philharmoniker dieses schwüle, in dunklen Farben sich ergießende Tonbild mit seinen aufblitzenden goldenen Tupfern in bewährter Könnerschaft aus.

Der Lübecker Jugendstilbau ist wie gemacht für diese Produktion und so vervollkommnen kongeniale Einfälle das Gesamtbild. Das Liebesduett von Fiora und Avito im zweiten Akt ist von hinreißender Schönheit. Dazu erscheint sowohl auf den Hintergrund als auch auf eine Art Fransenvorhang projiziert Klimts Gemälde „Der Kuss“. Während die beiden in tiefster Innigkeit versinken, verschwimmen die Gesichter des Gemäldes allmählich ineinander, Avito singt von „grenzenloser Verzauberung“ und die Lust, die Ewigkeit will, scheint ebendiese im seligen Augenblick zu beschwören. Wer einmal erleben durfte, wie in der leiblichen Verschmelzung sich das „Ich“ verliert und in ein diffuses „Wir“ vergeht, wie eine unio mystica die Grenzen von Leib und Seele, Raum und Zeit verwischt, der weiß, was die Strahlen bedeuten, die von den Köpfen der beiden ausgehen, ins Weite, Unbeschränkte hinaus.

Solche Glücksmomente bietet diese Produktion und umso härter und unbarmherziger ist der Mord an Fiora, die der Alte mit seinen immer noch kräftigen Klauen erwürgt. Die Darstellung ist naturalistisch hart, ebenso wie das Begrapschen des Mädchens im ersten Akt. Das ist schonungslos, aber nicht effektheischend, damit gerade glaubhaft und packend.

Das einzig Bunte sind am Ende die frischen Blumen im Grabgesteck für die Ermordete, zu deren Begräbnis der Chor unter der Leitung von Jan-Michael Krüger eine wunderbare Klage anstimmt.

Die Akteure der Gegenwart, Manfredo, und die der Zukunft, Fiora und Avito – am Ende sind sie alle tot. Was bleibt, ist der einsame Alte, grau und starr wie das Monument einer düsteren Vergangenheit.

Leidenschaftlicher Applaus verhalf aus der Beklemmung und würdigte die hervorragende Produktion einer phantastischen Oper, der man nur einen Vorwurf machen kann: sie ist zu kurz.

Dr. Andreas Ströbl, 14. Mai 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Die nächsten drei Vorstellungen sind am 21. Mai, am 12. und am 19. Juni.

Benjamin Britten,The Turn of the Screw, Theater Lübeck, 11. März 2022 PREMIERE

5. Symphoniekonzert in der Musik- und Kongresshalle Lübeck, 7. Februar 2022 

Giacomo Puccini, Madama Butterfly, Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck, Theater Lübeck, 28. Januar 2022 PREMIERE

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