Verratene Liebe in musikalischer Glanzleistung

Giacomo Puccini, Madama Butterfly, Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck,  Theater Lübeck, 28. Januar 2022 PREMIERE

Dass dies alles bis zur letzten Note phantastisch umgesetzt wurde, dankte das Lübecker Publikum mit begeistertem Beifall. Zu Castillos Applaus standen bereits viele im Saal, aber als Stefan Vladar und das Orchester gefeiert wurden, hielt es tatsächlich niemanden mehr auf den Sitzen. Das hat man in Lübeck selten erlebt.

Fotos: © Jochen Quast

Theater Lübeck, 28. Januar 2022 PREMIERE

Giacomo Puccini Madama Butterfly

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck
Chor des Theater Lübeck
Statisterie des Theater Lübeck

Stefan Vladar Dirigent

von Dr. Andreas Ströbl

Das Piktogramm zur Lübecker „Madama Butterfly“ transportiert in gewohnter intelligenter Weise den Inhalt der Oper in eine Graphik, die in ihrer Einfachheit dem Reduktionismus entspricht, der sowohl für die japanische Kunst als auch die Inszenierung von Ezio Toffolutti charakteristisch ist. Für die Auswärtigen: Zu jeder Produktion des Lübecker Theaters gibt es eines dieser Piktogramme, das begleitend in den Vorankündigungen, Programmheften und Flyern erscheint. Diesmal ist es ein aufgespießter Origami-Schmetterling, dessen kantige Flügel auch an die strengen Formen traditioneller japanischer Kleidung erinnern.

In der Tat durchzieht die ganze Inszenierung eine reduzierte Ästhetik und ein erklärt zurückgenommenes Bühnenbild, das außer einer halbrunden Apsis und je zwei flankierenden Wänden aus weißen Stoffbahnen nur aus einer Art offener Hütte aus einer gefalteten ockerfarbenen Plane besteht. In dieser Origami-Behausung und um das Faltwerk herum findet die ganze Handlung statt, die Kostüme orientieren sich bewusst an traditionellen Vorbildern der Entstehungszeit der Oper, also der Wende zum 20. Jahrhundert.

(c) Jochen Quast

So ist diese „Butterfly“ alles andere als experimentelles Musiktheater, aber die Botschaft Toffoluttis, der hier gleichzeitig als Regisseur, Bühnen- und Kostümbildner firmiert, ist ohnehin eine andere. Es geht ihm um die Darstellung Cio-Cio-Sans als starker und kluger Frau, die selbständig über ihr Leben entscheidet und diesmal eben nicht Opfer ihrer Gefühle, des Betrugs Pinkertons und letztlich ihrer Tradition wird, aufgrund derer Gesetzmäßigkeiten sie nur durch Seppuku, also ehrenrettenden Suizid der Schmach und ihrem eigenen Elend entflieht.

Womit wir schon beim Ende wären, aber von diesem her erschließt sich diese Produktion sowohl inhaltlich als auch vom Bühnenbild her. Cio-Cio-San verlässt die Bühne und niemand weiß, wohin sie geht. Dann entfaltet sich die Hütte und offenbart das gemalte Bild eines angedeuteten Kopfes mit schwarzen Augen aus Blütensternen und einem Mund, der wie ein ausgerissenes Rosenblatt wirkt. Das ockerfarbene Gesicht mit den angedeuteten hellen Haaren hat wohl den Großteil des Publikums an das blonde Kind aus der unglücklichen Verbindung Cio-Cio-Sans mit dem leichtfertigen Pinkerton denken lassen, aber im Interview mit Toffolutti im Programmheft offenbart er, dass es ein Abbild der Protagonistin selbst ist, das er vor vielen Jahren gemalt hat. Wer das nicht weiß, rätselt über dieses Gesicht mit den toten Augen ebenso wie über die Kugel, die im letzten Akt im Hintergrund liegt, und die ein bisschen an einen Globus gemahnt; vielleicht ist es auch nur ein metaphorischer Spielball.

(c) Ezio Toffolutti

Zweifellos überzeugend und das ohne jede Einschränkung ist die Leistung von María Fernanda Castillo. Sie singt und spielt die Hauptrolle mit allen nur möglichen Facetten vom naiven Mädchen über die leidenschaftlich Liebende bis zur stolzen Frau, die sich letztlich nicht brechen lässt. Das tut sie völlig sicher in ihren strahlenden Höhen und mit einem Volumen, das der Weite ihrer Leidenschaft entspricht. Nach der ebenso sensibel wie kraftvoll – nein, nicht vorgetragenen, sondern durchlebten – Arie „Un bel dì vedremo“ gab es für sie einen im Lübecker Theater in Länge und Begeisterung selten gehörten und absolut verdienten Szenenapplaus.

Sensibilität und dramatische Leidenschaft prägen auch die Umsetzung der Partitur durch das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter GMD Stefan Vladar, denn – seien wir ehrlich – man hat die „Butterfly“ auch schon hart am Kitsch vorbeischrammen gehört. Vladar hat in der beliebten „Kostprobe“, in der es meist ungefähr anderthalb Wochen vor der Premiere eine Einführung und anschließend öffentliche Szenenprobe gibt, bereits seinen Lehrmeister Sergiu Celibidache zitiert: „Aber Musik ist nicht schön – Schönheit ist nur der Köder“.

Puccinis Musik ist tatsächlich voller Schönheit, die aber ausgesprochen direkt und ohne große ködernde Umwege exakt die Gefühle, Hoffnungen und die Unmöglichkeit einer Liebe ausdrückt, wie es das Libretto dieser Oper vorgibt. Das setzt das Orchester bravourös um und bereits die Eingangsfuge der Ouvertüre gibt die nervöse Anspannung wieder, in der die Protagonistin oftmals gefangen ist. Niemals ist der Klangkörper zu laut – Puccini hat ja ohnehin sängerfreundlich komponiert, indem er gerade durch die Streicher deren Partien immer wieder unterstützt – und diese Butterfly-Musik ist voller emotionaler Wahrhaftigkeit auf der ganzen Palette von der aufrichtigen Suche nach Nähe, arroganter Selbstüberschätzung und tiefem Schmerz.

(c) Jochen Quast

Dass sich hinter der Arroganz und Ich-Bezogenheit Pinkertons ein unsicherer, ja feiger Charakter verbirgt, ist jedem, der die Oper kennt, klar, aber der US-amerikanische Leutnant erscheint in dieser Inszenierung noch kläglicher, weil sein Alkoholkonsum stärker herausgestellt wird. Sein „America forever!“ ruft kurz nach dem Jahrestag der Erstürmung des Washingtoner Kapitols unangenehme Erinnerungen an Trumps „America first!“ wach und es wird ein erneutes Mal deutlich, wie im imperialistischen Gehabe der Vereinigten Staaten zwar von „America“ gesprochen wird, Kanada und der gesamte südamerikanische Kontinent aber unter den egomanen Tisch fallen. Yoonki Baek gibt im Spiel diesen schwachen Charakter zwar sehr gut wieder, aber gerade in den Höhen hat er etwas Klagendes und es fehlt die männliche Färbung, die diesen testosterongesteuerten Typen ausmacht. Einige Buh-Rufe aus den hinteren Rängen waren dennoch sicher unangemessen.

Wioletta Hebrowska als Dienerin Suzuki und Gerard Quinn als Konsul Sharpless haben absolut überzeugende Auftritte; sie sind in ihrer Loyalität einerseits und gütigen Ehrlichkeit andererseits weit mehr als Nebenrollen, was die stimmlichen Leistungen beider betrifft. Noah Schaul als Heiratsvermittler Goro schafft es gekonnt, trotz komischer Momente nicht in die Karikatur abzurutschen. Das Lübecker Theater hat einfach ein starkes festes Ensemble und muss vergleichsweise selten auf Gäste zurückgreifen.

Wenngleich Onkel Bonze und Fürst Yamadori jeweils nur einmal erscheinen, sind deren Rollen doch hochkarätig besetzt. Runi Brattabergs Bonze ist in seiner Wut wirklich furchteinflößend und Owen Metsilengs Antrag wirkt durch seine stolze Haltung nicht peinlich, sondern authentisch. Was die bordeauxroten Ballhandschuhe allerdings ausdrücken sollen, möchte man Toffolutti als Kostümbildner doch gerne fragen.

Der Chor ist sowohl im ersten Akt als auch im berühmten Summchor zum Ende des zweiten Aktes wunderbar abgestimmt, synchron und klar, vor allem fernab jeglicher Sentimentalität.

Ähnlich wie es die New Yorker „Met“ 2019 gemacht hat, ist das Kind hier eine Puppe, die von Suzuki mit kleinen Bewegungen zum Leben erweckt wird. Das ist in dieser Art der Reduktion völlig in Ordnung, da das Kind, abgesehen von der Urfassung, ja ohnehin nicht singt.

Aber eben an der Figur des Kindes entsteht am Ende ein Bruch in der Inszenierung. Wenn Toffoluttis Cio-Cio-San so stark ist, dass sie den Suizid nicht begeht, sondern einfach die Szenerie verlässt, hätte der Regisseur auch so konsequent sein können, sie das Kind nehmen und mit ihm ihren Weg gehen zu lassen. Eine Neudeutung des bekannten Ausgangs ist sicher interessant, aber hier bleibt die Idee etwas hängen.

Umso deutlicher wird die Unmöglichkeit dieser Liebe in der musikalischen Umsetzung. In der gesamten Oper setzt Puccini ja eine an japanische Vorbilder gemahnende Pentatonik gegen die westliche Musik. Besonders deutlich wird das noch einmal in den letzten Takten, in denen offenbar wird, dass diese beiden Seelen hier schon aufgrund ihrer jeweils kulturellen Verankerung nicht zueinander kommen können – Pinkertons Charakterschwäche einmal beiseite gelassen. Der Schlussakkord ist in seiner Unaufgelöstheit brutal, weil in ihm westliches G-Dur auf einen japanischen übermäßigen Akkord knallt. Puccini schrieb zudem ein abruptes Ende vor, kein sanftes Ausgleiten. Keine Chance, keine Hoffnung, alles aus.

Dass dies alles bis zur letzten Note phantastisch umgesetzt wurde, dankte das Lübecker Publikum mit begeistertem Beifall. Zu Castillos Applaus standen bereits viele im Saal, aber als Vladar und das Orchester gefeiert wurden, hielt es tatsächlich niemanden mehr auf den Sitzen. Das hat man in Lübeck selten erlebt.

Dr. Andreas Ströbl, 29. Januar 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.de

Photos: Jochen Quast

Neujahrskonzert, Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck, Musik- und Kongresshalle Lübeck, 1. Januar 2022 

Weihnachtskonzert, Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck, Theater Lübeck, 25. Dezember 2021

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck, Leitung Stefan Vladar 3. Symphoniekonzert in der Musik- und Kongresshalle Lübeck, 28. November 2021

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