Musikalisches Adventsleuchten und Bruckner in Vollendung

Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck, Leitung Stefan Vladar  3. Symphoniekonzert in der Musik- und Kongresshalle Lübeck, 28. November 2021

Foto: Dorothea Röhl

Olivier Messiaen: „Le Christ, lumière du Paradis” aus „Éclairs sur l`Au-Delà”

Anton Bruckner: Symphonie Nr. 7 E-Dur WAB 107

Stefan Vladar Leitung
Philharmonisches Orchester der Hansestadt Lübeck

Musik- und Kongresshalle Lübeck, 28. November 2021

von Dr. Andreas Ströbl

Ein klangfunkelndes Adventslicht zündete das Philharmonische Orchester der Hansestadt Lübeck unter dem Dirigat von GMD Stefan Vladar am 1. Advent in der Musik- und Kongresshalle an: „Le Christ, lumière du Paradis”, also „Christus, Licht der himmlischen Welt“ ist das Finalstück des 11-teiligen Orchesterwerks der letzten Komposition des tiefgläubigen Olivier Messiaen, „Éclairs sur l`Au-Delà” („Streiflichter über das Jenseits“). Man hätte vor diesem Hintergrund eigentlich 12 Stücke erwartet, aber vielleicht wollte der Komponist das letzte Wort zum Jenseits dem lieben Gott selbst überlassen. Es würde angesichts der tiefen Frömmigkeit Messiaens zumindest nicht verwundern, eines Mannes, dessen einzige (von Kent Nagano vermerkte) Sünde offenbar darin bestanden hatte, einmal mit seiner zweiten Ehefrau Yvonne Loriod zum Kaffee eine ganze Birnentarte verschlungen zu haben.

Mehr als diesseitige Genüsse erfüllten ihn die Komposition spiritueller Klangräume und Visionen des Himmlischen. Und so zaubert dieser schon in der Benennung lichtvolle Schluss des Werks mit Hilfe dreier schnell und stetig geschlagenen Triangeln ein Zimbelstern-Flirren, in dem das Jenseits in weihnachtlich-feierlichem Glanz erstrahlt. Die für Messiaen so typischen Dissonanz-Auflösungen schaffen immer wieder Momente voller Trost und Hoffnung auf ein sphärenklingendes, leuchtendes Paradies.

Das war der Gruß zum 1. Advent und wer es sich im Inneren bereits muggelig-zimtduftselig eingerichtet hatte, den riss die „7. Bruckner“ vom Stuhl. Dass diese Symphonie, wenngleich König Ludwig II. gewidmet, mit ihren Wagner-Tuben und vielen Anleihen an die Opern des „Meisters“ eine Hommage an den verehrten Richard Wagner ist, der während der Kompositionsarbeit starb, ist in der Rezeption hinlänglich dargestellt worden.

Wer einmal hören wollte, wie Bruckner in Reinkultur klingen kann, saß an diesem Adventssonntag in Lübeck auch noch im Rang in der ersten Reihe, so kraftvoll und zugleich fein differenziert erklang dieses phantastische Werk.

Zu Beginn zart webend malten Stefan Vladar und das makellos spielende Philharmonisches Orchester das weite Landschaftsbild des ersten Satzes mit seinen blauen Fernen, in die die Streicher sehnsuchtsvoll blicken ließen. Das geriet in der allmählichen Steigerung so sensibel und intensiv, als gälte es, die hier Musik gewordenen Gefühle eher zu liebkosen als sie zu beschreiben. Aus diesem Gemälde heraus wuchs der satte Bruckner-Klang mit perfektem Blech und Streichern, die wie ein Instrument spielten; das Orchester erreichte bei höchster Exaktheit die volle emotionale Tiefe, die in dieser grandiosen Musik liegt. Stefan Vladars nuanciert abgestimmtes Dirigat war einerseits leidenschaftlich fordernd, andererseits mäßigend und vor allem stets auf die einzelnen Instrumente bzw. Gruppen orientiert. Das ist eins der Geheimnisse seiner Arbeit: Er nimmt jede Musikerin, jeden Musiker ernst und hat Kenntnis über Feinheiten in der Spielweise von Instrumenten, die er selbst nicht beherrscht.

Allein dieser erste Satz war schon wie eine ganze Symphonie, mit seiner Hintergründigkeit, aus der sich eine fast eilende Dynamik hebt, mit den Rhythmus- und Tempowechseln, den dramatischen Moll-Ausbrüchen und all den unterschiedlichen Klangfarben, die das ganze Werk charakterisieren. Das Fortissimo-Finale des Satzes entfaltete die ganze atemberaubende Größe und Schönheit dieser Musik.

Elegisch und wehmütig, mitunter in sich gekehrt präsentierte sich der zweite Satz. Seinem unaufgeregten, lebensbejahenden Wesen entsprach das Spiel der wiederum phantastisch synchronen Streicher. Es steckt Demut und Aufrichtigkeit in diesem Adagio, aber der zuerst zurückgenommene Duktus wird immer wieder von Momenten des Sich-Steigerns abgelöst, mit abermals sehr starken Bläsern. Diese Musik ist fern von jedem Zweifel und baut sich ihr eigenes Fundament, auf dem sie sich – wie im vorangegangenen Satz – in triumphierenden Jubel entlädt, worauf wieder zarte, lyrische Episoden folgen, um endlich in würdevoller Tiefe zu schließen.

Frisch im Tempo angezogen schlug der dritte Satz eine völlig andere Gangart ein. Die Bewegung in der Musik übertrug sich auf die Musiker und sowohl Violinisten als auch Cellisten schien es manchmal kaum auf ihren Stühlen zu halten, so wie sie mit ihrem ganzen Körper leidenschaftlich mitgingen. Dem entsprachen Vladars tänzerisch-leichte Bewegungen; ein fühlbares Vibrieren bestimmte die Hingabe an die Musik und wer im Publikum nicht völlig fühllos war, bekam einen um den anderen Gänsehaut-Moment in diesem leuchtenden Triumph klanglicher Schönheit.

Das Pizzicato der Celli und Bässe zu Beginn des vierten Satzes entwarf ein heimeliges Klangbett, die Tuba bereitete mit breitem Ton allerdings auf die weitere Entwicklung vor. Die Streicherdynamik wurde immer wieder deutlich zurückgenommen, um den anderen Stimmen wie den Flöten und Hörnern Raum zu geben. Eine Fermate ist eine Fermate – klar und deutlich herrschte dann entschiedene Stille. Sofort danach nahmen die Streicher Fahrt auf, um dann in flammendem Optimismus mit allen anderen Stimmen das Hauptthema des ersten Satzes erklingen zu lassen; im Tutti-Fortissimo erlebte die Symphonie ihre leuchtende Vollendung.

Dass Stefan Vladar den begeisterten Beifall mit vielen „Bravo!“-Rufen meist in der ersten Reihe des Orchesters entgegennahm und eher zögerlich das Pult für seinen Applaus betrat, illustrierte die Einheit von Leitung und Klangkörper, die zu diesem phantastischen Ergebnis führte. Anders möchte man Bruckner nicht hören.

Dr. Andreas Ströbl, 28. November 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Interview Stefan Vladar (Teil 1) Theater Lübeck

Interview Stefan Vladar (Teil 2) Theater Lübeck

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