Interview Stefan Vladar (Teil 2): „Mein Geschmack spielt in Wahrheit keine Rolle“

Interview Stefan Vladar (Teil 2)  Theater Lübeck

Foto: Stefan Vladar im Wiener Konzerthaus, (c) Lukas Beck

Der gebürtige Wiener Stefan Vladar ist seit der Spielzeit 2019/20 Generalmusikdirektor, mit der Spielzeit 2020/21 zudem Operndirektor am Theater Lübeck. Eigentlich ist Vladar Pianist; die Liste der Dirigenten, mit denen er zusammengearbeitet hat, liest sich wie ein Who’s who der großen Orchesterleiter der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Dass er in den großen Häusern weltweit gewirkt hat, machte ihn nicht zu einem abgehobenen Maestro mit Starallüren. Vladar ist ein charmanter, feinsinniger und engagierter Künstler und ausgesprochen angenehmer Gesprächspartner. Im Interview spricht er sehr offen über die Corona-Kulturpolitik, seine Arbeit mit dem Lübecker Orchester und die Opernprojekte. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Qualität von Kunst geht. Vladar verrät auch, was er mit dem durch die Krise veränderten Spielplan vorhat.

von Dr. Andreas Ströbl
Fotos: Stefan Vladar (c) Marco Borggreve

AS: Es wird Sie nicht überraschen, dass mein Lieblings-Schönberg nach wie vor die „Verklärte Nacht“ ist.

SV: Und es wird Sie nicht überraschen, wenn ich Ihnen sage, dass ich die „Verklärte Nacht“ schon für ein sehr, sehr schönes Stück halte. Es ist aus meiner Sicht aber kein geniales Meisterwerk.

AS: Es ist ein romantisches Flirren darin, und es ist so wunderbar orchestriert.

SV: Ja. Und zugleich gab es Komponisten, die auf dieser Schiene Gleiches oder Besseres von sich geben haben. Aber die Stelle, wo die Beichte beginnt, das hat schon was Erhabenes.

Auch wenn ich mit der Dodekaphonie (Anmerkung: griech. dódeka = 12, phoné = Stimme; Zwölftonmusik) nicht viel anfangen kann – lustigerweise stört es mich nicht, wenn sich das Genie das zunutze macht. Es gibt von Britten dodekaphonische Teile und es gibt von Strawinsky dodekaphonische Stücke und der ganze Alban Berg ist ein Beispiel dafür, dass man auch trotz der Dodekaphonie Genie ausdrücken kann. Wozzeck ist wahrscheinlich eines der genialsten Musiktheaterwerke überhaupt und erst das Violinkonzert!

AS: Wobei hier auch die Dodekaphonie bewusst eingesetzt wird, um Emotionen auszudrücken. Das funktioniert einfach.

SV: Klar! Aber wissen Sie, bei einer Bachfuge kann ich das Konstrukt erkennen. Muss es aber nicht. Aber ich kann es erkennen. Um Vergnügen zu haben an einer Bachfuge oder die Matthäus-Passion zu genießen, muss ich das Konstrukt nicht erkennen, aber es ist mir zu jedem Zeitpunkt möglich. Jetzt frage ich, ob Sie bei Moses und Aron auch nur ein einziges Mal die Möglichkeit haben, das Konstrukt zu erkennen. Sie müssen’s nicht, weil die Geschichte toll ist. Aber es gelingt einem nicht, es geht nicht. Das ist meine Kritik.

Mozart schreibt in einem Brief an seinen Vater, dass auch die Kenner Satisfaktion erhalten können. Also, egal in welche Tiefe der Schichten ich vordringe, muss ein Meisterwerk halten. Die ganz großen Meisterwerke tun das. Ich glaube, es gibt auf der ganzen Welt vielleicht zwei oder drei Leute, die sämtliche kleinen Späßchen, die sich Bach gemacht hat in der Matthäus-Passion an Zahlenmystik und sonstigen Dingen, was ihm einfach Spaß gemacht hat, zu tun, verstehen und wahrscheinlich haben auch die was übersehen.

Lukas Beck (c)

AS: Es ist ja auch so, dass man die Sachen aus der zeitlichen Distanz heraus betrachten muss. Ich zitiere immer gern einen meiner Lieblingsmaler, Francis Bacon, der zu David Sylvester sinngemäß gesagt hat: „Lassen Sie uns in 200 Jahren darüber sprechen, dann schauen wir mal, was übriggeblieben ist“. Er hat gesagt, dass wir das jetzt einfach nicht wahrnehmen, einschätzen und kanonisieren können, das wird die Zeit richten. Es wäre schön, wenn wir in 200 Jahren nochmal sprechen könnten, aber es wird in jedem Falle ganz vieles anders beurteilt werden.

SV: Ich glaube, es wird ganz vieles weg sein. Und es werden relativ wenige Menschen darüber traurig sein, dass es weg ist. Man sieht es ja auch aus den vergangenen Jahrhunderten, und ich will jetzt keineswegs einer musealen Sichtweise des Kunstbetriebs das Wort reden, dass einiges verschwunden ist, ganz weniges zu Unrecht und ganz, ganz vieles zu Recht. Von Beethoven muss ich auch nicht alles toll finden, nur weil „Beethoven“ draufsteht. Es gibt ganz wenige Komponisten, von denen es nichts Schlechtes gibt, weil sie es selber vernichtet haben. Brahms hat viele Streichquartette vernichtet.

(c) Marco Borggreve

AS: Oder diese Auftragsgeschichten, zum Beispiel die „Akademische Festouvertüre“…

SV: Nein, das muss jetzt auch nicht sein. Aber es gibt viele zu Recht in Vergessenheit geratene Meisterwerke. Vieles von dem, was auch heute produziert wird oder auch im letzten Jahrhundert produziert wurde, wird in diese Kategorie versinken. Anderes wird bleiben und dann wird’s nochmal zwei Generationen brauchen, die dann darüber urteilen werden, ob das zu Recht oder zu Unrecht war. In Wahrheit muss ich sagen: Das Leben ist zu kurz um schlechten Wein zu trinken. Und dann finde ich, wenn man vom Kultur-Schaffenden zum Kultur-Ermöglicher wird und ich auf die andere Seite gehe, nämlich dorthin, wo ich jetzt sitze, dann hat ja mein subjektiver Geschmack nicht mehr die Bedeutung. Denn ich muss auch Dinge anbieten, die mir nicht gefallen und daher spricht auch gar nichts dagegen, mal eine dodekaphonische Oper aufzuführen. Mein Geschmack spielt in Wahrheit keine Rolle.

Theater Lübeck: Copyright: Olaf Malzahn

AS: Ich finde es einfach toll, wenn man mal Sachen aufführt, die es selten gibt. Man hat natürlich die Bedürfnisse des Abonnementpublikums, aber ich finde es immer schön, wenn es Neuentdeckungen gibt. Ich weiß auch, dass Sie keine Langeweile bedienen.

SV: Nein, ich habe ja auch ganz viel gemacht. Ich habe ja jahrelang ein Festival geleitet und jedes Jahr einen Kompositionsauftrag vergeben und den dann zur Aufführung gebracht. Da waren Sachen dabei, die fand ich interessant, bei anderen hätte ich das Papier für was anderes benützt. Ich habe einiges an neuer Musik dirigiert, einiges davon mit großem Vergnügen. Ich habe mal von Peter Ruzicka, den ich als Komponist besonders aufregend finde, ein Stück in Braunschweig gemacht, das war so eine Haydn-Hommage. Da hat es Haydn-Fetzen gegeben, die kamen immer mal so flirrend raus, das war ganz toll gemacht und das hat mich total beeindruckt. Ich habe einiges vom japanischen Komponisten Tōru Takemitsu dirigiert und gespielt. Dem wirft man ja auch immer mal Beliebigkeit vor, so in der Art von Filmmusik, aber ich finde das eine sehr spannende Fortsetzung dieser impressionistischen Linie. Ich habe mich damit beschäftigt, denn es fällt mir immer schwer, mich im Spiegel anzuschauen, wenn ich was ablehne, womit ich mich nicht beschäftigt habe.

AS: Falls es das 2. Klavierkonzert von Ernst von Dohnányi geben sollte, hätte ich auch schon eine Traumpianistin parat: Sofja Gülbadamova setzt sich ja seit Jahren für ihn und sein Werk ein.

SV: Ich habe mich selbst mit Dohnány noch nicht so sehr beschäftigt. Ich habe mal ein Stück gespielt von ihm, ein Sextett, das ich sehr mochte. Ich finde diese Kinderlied-Variationen irgendwie lustig. Vor allem herrlich ist, dass diese hochdramatische Einleitung überhaupt nicht hält, was sie verspricht und dann kommt dieses „pling-pling-pling“, wirklich sehr lustig. Ich hatte eine Konzertetüde von ihm viele Jahre lang als Zugabe, und ich war in meiner Jugend befreundet mit Sándor Végh und wurde auch von ihm sehr gefördert; dessen Trauzeuge war Ernst von Dohnányi. Es gibt so ein paar Querverbindungen, und es spricht überhaupt nichts dagegen, so was mal zu machen, aber ich kann jetzt nicht sagen, das machen wir.

Sofja kenne ich, sie hat mit meiner Frau studiert und ich habe sie ja in meinem ersten Jahr gleich eingeladen, bei uns zu spielen.

AS: Werden Sie für die Lübecker auch mal selbst in die Tasten greifen? Das reizende Zwischenspiel bei den beiden Telephon-Opern im Sommer war ja nur ein kleiner Gruß aus der Pianistenküche.

SV: Ich werde das tun, ja. Ich habe das ganz absichtlich in meiner ersten Spielzeit nicht getan. Und ich hätte das jetzt getan, wenn Corona dieses Konzert nicht „gefressen“ hätte.
(Gemeint ist Mozarts Klavierkonzert Nr. 23 A-Dur KV 488, AS)

AS: Die wichtigste Frage meiner Frau: Wird es Montemezzis „L’amore dei tre re“ noch geben?

SV: Das wird es auch geben. Ich persönlich bin ja ganz begeistert – und das sag ich jetzt nicht applausheischend – von dem von uns ursprünglich geplanten Spielplan. Ich wollte zeigen, wie ein Spielplan aussehen soll. Einer der, wie ich meine – von einigen Individualisten abgesehen – keine Wünsche offenlässt. Ein klares Statement zur Kunst als emotionales Konstrukt und nicht als intellektuelles Konstrukt, wobei das eine das andere nicht ausschließen muss, es aber manchmal tut. Ich glaube, dass eine stilistische Vielfalt da sein muss, aber durchaus auch Grenzen haben kann, gerade an so einem Haus in einer Umgebung, wo es steht. Wir sind hier nicht in New York, das ist klar. Was nicht für New York spricht, sondern einfach für die Masse der Menschen, die dort lebt. Die Bedürfnisse eines Hauses, das ein Ensemble hat, bedingen einfach viele Sachen, die man bedenken muss. Und es waren für mich ein paar Entdeckungen dabei, eben dieser Montemezzi, der so ein bisschen verschollen ist, aber mal ein Riesenerfolg war, der dann von den Puccinis und Leoncavallos übergewalzt wurde. Und den Cardillac (gemeint ist Hindemiths Oper Cardillac, AS) wollte ich unbedingt haben, weil ich es für eines der wichtigsten musikdramatischen Werke des 20. Jahrhunderts halte, gleich zusammen mit Blaubart. Wobei eben das 20. Jahrhundert ein bisschen mehr kann als Richard Strauss, den ich auch sehr schätze. Prokofieff natürlich, Schostakowitsch ist ein Thema. Es hat mir um den Spielplan so leid getan, deswegen haben wir ihn einfach versetzt.

AS: Dann freuen wir uns auf das, was kommen wird! Den Wunschzettel maile ich Ihnen dann nochmal zu… Lieber Herr Vladar, herzlichen Dank für das Gespräch!

Interview: Dr. Andreas Ströbl, 22. Dezember 2020, für
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