Lieses Klassikwelt 67: Kindertheater

Lieses Klassikwelt 67: Kindertheater

Foto: ExposureToday auf Pixabay

„Wir erfanden eigene Geschichten, spielten aber auch viel nach, Szenen aus Filmen oder Fernsehproduktionen, die uns beeindruckt hatten oder ganze Opern, Verdis Don Carlos zum Beispiel, die Musik dazu kam vom Kassettenrekorder.“

von Kirsten Liese

An Weihnachten erinnere ich mich oft an meine Kindheit. Wie für viele Kinder war das Fest damals der Höhepunkt eines Jahres für mich. Das fing schon mit dem Schmücken des Weihnachtsbaumes an. In meinem Elternhaus unweit des Flügels stand damals noch ein Baum, der bis zur Decke ging. Wie herrlich sah er doch aus unter all den Kugeln, Figürchen und Engelchen, behangen mit Silberlametta, das im Schein echter Kerzen, die wir damals noch bevorzugten, so schön glänzte.

Meine Eltern hatten mich immer reich beschert, und was mir darunter am meisten in Erinnerung blieb, sind herrliche Kleider für meine Barbie-Puppen. Denn das war das eigentlich Schönste an diesen Weihnachten, dass ich am ersten oder zweiten Feiertag, wenn sich unsere Familie bei den Großeltern versammelte, stets zusammen mit meinem Cousin Raoul spielte, der für mich wie eine Art Bruder war, den ich nicht hatte, und der auch ein großes Faible für die majestätischen Roben hatte, die unsere Barbiepuppen wie Königinnen aussehen ließen. Stunde um Stunde spielten wir mit ihnen, und da wir beide schon damals sehr musisch veranlagt waren, machten wir auch kleine Theateraufführungen auf dem Fensterbrett meines Großvaters. Die Gardinen dienten als unser Bühnenvorhang, unsere Eltern, Großeltern, Onkel und Tanten waren unser Publikum.

Wir erfanden eigene Geschichten, spielten aber auch viel nach, Szenen aus Filmen oder Fernsehproduktionen, die uns beeindruckt hatten oder ganze Opern, Verdis Don Carlos zum Beispiel, die Musik dazu kam vom Kassettenrekorder. Die Dialoge aus damaligen Lieblings-Filmen wie Vom Winde verweht konnte ich nahezu auswendig.

Bei unseren „Vorstellungen“ gab es selbstverständlich auch Programmhefte, die wir kraft unserer Fantasie selbst gestalteten. Raoul war künstlerisch sehr begabt im Zeichnen und Malen und fertigte kleine Skizzen, die Texte schrieben wir zusammen.

Im Nachhinein muss ich sagen, dass wir wirklich sehr viel Fantasie hatten. So inszenierten wir beispielsweise auch mit Hilfe von Schuhkartons Kinoaufführungen. Dazu malten wir auf Papier unsere Geschichten in einem langen Streifen und zogen diese dann durch Seitenschlitze des Kartons wie bei einem Film.

Dagegen erfasst mich in heutigen Zeiten oftmals Bedauern, wenn ich Kinder sehe, wie sie lustlos an ihren Handys herumspielen oder mit stupiden, geistlosen Computerspielen ihre Zeit vertreiben. Zumal sie meist keinen glücklichen Eindruck machen.

In früheren Zeiten haben so manche große Künstler im Kindesalter Puppentheater gespielt, allen voran unser größter deutscher Sänger Dietrich Fischer-Dieskau. Im Alter von sechs Jahren führte er den Freischütz auf, erinnerte er sich in einem Essay von Karla Höcker, die Musik dazu musste von Schallplatten kommen. Nur verfügte Dieskau über ein ungleich edleres Puppentheater als Raoul und ich, es stammte aus der Biedermeier-Zeit mit „Zutaten als Neuruppiner Bilderbogen“. Sein Vater half ihm bei den Vorbereitungen, „machte Figürchen für das Theater“ und gab ihm „später auch manche Anregung fürs Zeichnen.“ Für das spätere vielseitige künstlerische Genie Dieskau bildete das sicherlich eine wichtige Grundlage!

Noch ein anderer, der seine künstlerischen Ambitionen schon als Kind entdeckte, war der schwedische Filmemacher Ingmar Bergman, aus dessen reichem Oeuvre Opernfreunden vermutlich vor allem seine für die Leinwand adaptierte Zauberflöte in Erinnerung geblieben sein dürfte.

Zu meinen Lieblingsfilmen von Bergman zählt aber auch das Familienepos Fanny und Alexander. In den frühen Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts wachsen die Protagonisten – anfänglich wohl behütet – in eine großbürgerliche Theaterfamilie hinein. Oscar, der das im Familienbesitz befindliche Theater leitet, fördert die Kreativität der Kinder und bringt sie mit seinem Kasperle-Theater zum Lachen.

Aber dann bricht Oscar bei einer Probe zusammen, und seine junge Frau heiratet in zweiter Ehe einen sadistischen Bischof, der die Kinder tyrannisiert und quält.

So schwer, wie die zweite Hälfte des Films auszuhalten ist, in der sich das persönliche Kindheitstrauma des Regisseurs spiegelt, so herrlich ist der Beginn, ungemein vor allem in der geschilderten Atmosphäre: Es ist Weihnachten, in dem großen herrschaftlichen Haus ist die Welt noch in Ordnung, die Familie feiert ausgelassen mit vielen Gästen. Man singt, spielt und tanzt, ein lustiger Onkel macht seine Späßchen. Bis tief in die Nacht hinein ist alles in Bewegung

Eine solch große Ausdauer bei unserem Puppentheater hatten auch Raoul und ich. Wir konnten nie ein Ende finden. Ich erinnere mich noch, wie Raouls Mutter Dagmar irgendwann immer das Startsignal zum Aufbruch gab. Dann öffnete sich die Tür zum jeweiligen Zimmer, in dem wir spielten, und wir vernahmen, Dagmar würde noch „ein Zigarettchen rauchen“, wir sollten allmählich zum Ende kommen. Allerdings konnte man auf diese Ansage in der Regel noch eine gute Stunde draufschlagen, weil auf das „eine Zigarettchen“ noch ein zweites, drittes oder viertes folgte.

Irgendwann musste freilich jeder noch so unbeschwerte, schön verlebte Weihnachtsabend sein Ende haben und manchmal war ich so traurig, dass ich mich gar nicht einkriegen konnte. Ich kann mich erinnern, dass ich einmal sogar geweint habe und mich meine Mutter trösten musste, dass in einem Jahr wieder ein Weihnachten käme…

Heute bedauere ich es von Zeit zu Zeit, dass ab dem Erwachsenenalter Weihnachten viel alltäglicher für mich geworden ist. Aber die Erinnerung an diese unbeschwerte Kinderzeit und all unsere Vorführungen bleibt. Ich möchte sie nicht missen.

Kirsten Liese, 25. Dezember 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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© Kirsten Liese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

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