Langes Klassikwelt 9: Vom Walkürenritt zu "Pretty Woman". Unordentliche Gedanken

Langes Klassikwelt 9: Vom Walkürenritt zu „Pretty Woman“. Unordentliche Gedanken

Eigentlich wollte ich mich ernsthaft mit dem Missbrauch von Musik beschäftigen. Bloß: Die Zeiten sind gerade ernst genug. Dann fiel mir der geniale Helmut Dietl ein. Der hat in den 80ern seinen Monaco Franze unter Leuten leiden lassen, die Musikereignisse (miss-)brauchen, um ihren gesellschaftlichen Status zu bestätigen. Dann wurde es unübersichtlich. Und irgendwann landete ich bei Pretty Woman.

von Gabriele Lange

Ganz ehrlich – ich habe meine Probleme mit Richard Wagner. Dafür gibt es zum einen ein paar ernste Gründe. Als jemand, der sich lange mit NS-Propaganda beschäftigt und den zugehörigen Soundtrack intensiv wahrgenommen hat, kann ich diese Musik nicht wirklich romantisch finden. Zum anderen: Wir passen einfach nicht zusammen.

Ja, in kleiner Dosierung und an der richtigen Stelle – da bin ich durchaus in der Lage, die Wucht und Kraft des Komponisten zu würdigen. Ich weiß noch, wie ich 1979 fassungslos und fasziniert das erste Mal die Bombenszene in „Apocalypse now“ sah. Begleitet vom Walkürenritt.

Kaum je wurde Musik im Film besser eingesetzt.

Allerdings … Heute habe ich keine Lust auf hohen Ernst und Analyse. Für sowas reicht mir ein Blick auf die Nachrichten. Also: Anderer Ansatz.

Weia! Waga! Woge, du Welle, walle zur Wiege!

Mir geht es mit Wagneropern ein bisschen wie mit Free Jazz.

Oder mit Björk.

Dafür fehlen mir – bislang jedenfalls – die geeigneten Rezeptoren. Ein wenig fühlt sich das für mich an, als ob ein schurkischer Schüler scharrend die Schiefertafel schindet.

Ich habe es durchaus redlich versucht. Zum Beispiel vor langer Zeit mit dem Rheingold. Da bin ich allerdings trotz Stehplatz irgendwann sanft eingenickt, nachdem ich es mir auf einer Stufe etwas bequem gemacht hatte. Die Sänger schienen ein vergleichbares Bedürfnis nach Komfort zu haben. Mein Mann nannte die Inszenierung eine „Sofa-Oper“, weil sich die molligen Matronen und stämmigen Herren auf der Bühne zwischendurch immer wieder auf glücklicherweise bereitstehenden Sitzgelegenheiten ausruhen konnte. Vergleichsweise dynamisch ging es dagegen 2007 im Fliegenden Holländer zu. Der Regisseur Peter Konwitschny fand die Spinnstube altmodisch und ließ den bedauernswerten Chor in neonbunten Bodysuits auf Spinningbikes strampeln.

Dafür konnte Wagner natürlich nix. Die Idee war ungefähr 30 Sekunden lang lustig, half mir aber auch nicht beim Musikverständnis. Irgendwie ging’s mir wie dem Monaco Franze.

Herr Münchinger hat keine Lust auf den Ring

Jetzt muss ich von Helmut Dietl erzählen. Genauer gesagt von meiner allerliebsten Szene aus Monaco Franze. Vielleicht erst mal eine kurze Erklärung für jüngere Leser (oder Leute, die zwar die 80er erlebt, aber diese brillante Serie verpasst haben): Franz Münchinger – Monaco Franze – ist ein Kripobeamter. Und ein rechter Strizzi (Übersetzung: altmünchnerische Version eines Don Giovanni). Seine Liebste, Annette von Söttingen, ist eine Dame der besseren Gesellschaft mit einem Hang zur Hochkultur. Franz soll mit in den Ring. Er hat keine Lust, keine Ahnung und mag erst recht nicht beim Wein danach im gutbürgerlichen Kreis kundig über das Erlebte sprechen müssen. Sein Spatzl duldet aber keinen Widerspruch und deckt ihn mit Libretti und Fachliteratur ein. Ihn verwirrt das nur noch mehr.

Monaco mog ned (rudimentäre Bayrisch-Kenntnisse von Vorteil)

Sein kluger Kollege Manni Kopfeck (eine Art Leporello) hat einen Plan: „Ja, dann sagst Du, Du stehst noch so unter dem Eindruck dieser Jahrhundertaufführung, dass Du mindestens 14 Tage bis drei Wochen brauchst, bis Du dieses aufwühlende Erlebnis irgendwo hirnmäßig verdaut hast. Und erst dann kannst Du Dir eine genauere Meinung bilden. Genau das sagst, Franze.“ Der zweifelt. „Ja, und woher weiß ich des, ob‘s überhaupt eine Jahrhundertaufführung war oder ein rechter Scheißdreck?“

Beim Rheingold hilft noch eine Ausrede, zur Walküre muss er mit, der Franz. Doch er weiß sich zu helfen.

Man muss halt wissen, wie man das finden soll …

Seine Annette hat ihn nämlich auf den Großkritiker der Süddeutschen Zeitung aufmerksam gemacht. „Das ist nicht ein Kritiker, Franz, das ist DER deutsche Musikkritiker überhaupt, Hans Böttner-Salm.“ Monaco schöpft Hoffnung: „Was der sagt, das gilt, gell Spatzl?“ „Ja Franz.“ „Und täuschen tut sich der nie?“ „Nein, nie Franz.“

In der Pause lauert er Böttner-Salm auf, der gerade telefonisch den Kurzbericht für die Abendausgabe durchgibt. Es ist ein Totalverriss. Die Rettung! Allerdings … nicht gleich. Da sitzt man nun mit dem ostentativ weinkennernden Dr. Schönferber an der Spitze im Edellokal. Und man ist ergriffen. Ein Jahrhundertereignis. Man darf dankbar sein, dabei gewesen zu sein.

Dr. Schönferber zeigt Kennerschaft. Und der Franz traut sich was.

Bis der Monaco loslegt: Der Dirigent uninspiriert, ja lahm, Brünnhilde nicht mal indisponiert, sondern einfach schlecht, Wotan farblos, die ganze Inszenierung altmodisch und provinziell! Entrüstung. Fassungslosigkeit. Aber Franz fängt gerade erst an: Das Münchner Opernpublikum hat überhaupt keine Ahnung und jubelt noch jeden Reinfall zu einem einmaligen Erlebnis hoch!

Die anderen haben genug. Spatzl ist entsetzt, schnappt sich ihren Kriminaler und verlässt mit ihm das Schlachtfeld. Die Stimmung ist hin – bis sich der Franz den SZ-Verkäufer mit der druckfrischen Ausgabe schnappt. Und Spatzl, nun stolz auf ihren klugen Mann, bewaffnet sich mit der Zeitung, um es dem arroganten Schönferber zu zeigen…

Ich bin ja ein Kopfmensch. Aber Musik – die ist zuallererst eine Gefühlssache. Kulturveranstaltungen besuche ich nicht zur Bestätigung meiner bildungsbürgerlichen Existenz. Ist mir privat nicht wichtig – für professionelle Zwecke kann ich gegebenenfalls die erforderlichen Nachweise vorlegen. Ich gehe tatsächlich zum Vergnügen hin. Nicht weil „man das gesehen/gehört haben muss“. Denn wenn der Bauch nicht mag, kann ich so viel Wissen zu einem Musikstück akkumulieren, wie ich will – es funktioniert nicht. Woran ich aber gelegentlich auch richtig Freude habe: ein Glas Weißwein und die Pausengespräche am Stehtisch. Dr. Schönferber und seiner Tischrunde geht es nach wie vor prima. In der Münchner Staatsoper und anderswo.

Lieber wie Pretty Woman …

Mein Herz aber haben ganz andere Vorstellungsbesucher – und von denen gibt es glücklicherweise viele: Die Musikstudenten auf den Hörerplätzen. Die verwuschelte Sachbearbeiterin im unmodischen Ausgehkostüm, die für ihr Abo auf einiges verzichtet. Die schwulen Opernfanatiker. Der still versunken lauschende Finanzbeamtentyp. Und mein Mann, der bei unserem ersten gemeinsamen Opernabend vor vielen Jahren in La Bohème ganz dezent mit Mimi litt. Menschen, die wegen der Musik kommen, die sich begeistern lassen oder sich ärgern, die enttäuscht sind oder glücklich, die den Abend erleben und die Kraft der Musik spüren – ein bisschen wie die Hauptfigur im Kitschfilm Pretty Woman.

The music is very powerful … If they love it, they’ll always love it.”

Wenn Wagners Musik Menschen in diesen schönen Zustand versetzt – wunderbar. Schließlich kann ich auch nicht erwarten, dass jeder meine Begeisterung für die Stahlwerksinfonie der Krupps teilt…

Trotz Corona …

In München, in Bayern sind jetzt Konzerthallen und Opernhäuser geschlossen. Franz wird erleichtert sein. Dr. Schönferber fehlt nun das Wichtigste: die Angeberei danach. Musikfreunde sind einfach nur traurig, weil sie sich auf diese Abende gefreut haben. Allerdings haben sie etwas, das sie trösten und tragen kann: die Musik. Solange wir irgendein Abspielgerät haben, können wir uns in andere Sphären versetzen. Der eine mit Wagner – und ich eben zum Beispiel mit Händel.

Oder mit Cecilia Bartoli, die Scarlatti singt.

 

Gabriele Lange, 16. März 2020, für
klassik-begeistert.de

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Die Münchnerin Gabriele Lange (Jahrgang 1960) war bei ihren ersten Begegnungen mit klassischer Musik nur mäßig beeindruckt. Als die lustlose Musiklehrerin die noch lustlosere Klasse in die Carmen führte, wäre sie lieber zu Pink Floyd gegangen. Dass Goethes Faust ziemlich sauer war, weil es in dieser Welt so viel zu erkunden gibt, man es aber nicht schafft, auch nur einen Bruchteil davon zu erfassen, leuchtete ihr dagegen ein. Sie startete dann erst mal ein Geschichtsstudium. Die Magisterarbeit über soziale Leitbilder im Spielfilm des „Dritten Reichs“ veröffentlichte sie als Buch. Bei der Recherche musste sie sich gelegentlich zurückhalten, um nicht die Stille im Archiv mit „Ich weiß, es wird einmal ein Wonderrrr geschehn“ von Zarah Leander zu stören, während sie sich durch die Jahrgänge des „Film-Kurier“ fräste. Ein paar Jahre zuvor wäre sie fast aus ihrer sechsten Vorstellung von Formans „Amadeus“ geflogen, weil sie mit einstimmte, als Mozart Salieri wieder die Sache mit dem „Confutatis“ erklärte. Als Textchefin in der Computerpresse erlebte sie den Aufstieg des PCs zum Alltagsgegenstand und die Disruption durch den Siegeszug des Internets. Sie versuchte derweil, das Wissen der Technik-Nerds verständlich aufzubereiten. Nachdem die schöpferische Zerstörung auch die Computerpresse erfasst hatte, übernahm sie eine ähnliche Übersetzerfunktion als Pressebeauftragte sowie textendes Multifunktionswerkzeug in der Finanzbranche. Vier Wochen später ging Lehman pleite. Für Erklärungsbedarf und Entertainment war also gesorgt. Heute arbeitet sie als freie Journalistin. Unter anderem verfasste sie für Brockhaus einen Lehrer-Kurs zum Thema Medienkompetenz. Musikalisch mag sie sich auch nicht festlegen. Die Liebe zur Klassik ist über die Jahre gewachsen. Barockmusik ist ihr heilig, Kontratenöre sind ihre Helden – aber es gibt noch so viel anderes zu entdecken. Deshalb trifft man sie etwa auch bei Konzerten finnischer Humppa-Bands, einem bayerischen Hoagascht und – ausgerüstet mit Musiker-Gehörschutz – auf Metal- oder Punkkonzerten. Gabriele ist seit 2019 Autorin für klassik-begeistert.de .

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