Lieses Klassikwelt 55: das Schubert-Häuschen in Atzenbrugg

Lieses Klassikwelt 55, das Schubert-Häuschen in Atzenbrugg  klassik-begeistert.de

von Kirsten Liese

Wohnstätten von Künstlern zählen zu den schönsten Orten, die ich auf zahlreichen Reisen besuchte. Wenn man das Glück hatte, sie in aller Stille zu erkunden wie ich, ohne  Touristengruppe, gewinnt man Einsichten über die Bedeutsamkeit von Landschaften und die Kraft der Inspiration.

Die schönsten dieser Orte  liegen abgeschieden in der Natur, am Wasser und mit Blick auf die Berge wie Edvard Griegs kleine Komponistenhütte im norwegischen Ullensvang oder mitten im Wald wie das Haus in Ainola, in dem Jean Sibelius seine Karelia-Suite  und seinen Valse Triste schrieb. In der wunderschönen Villa Tribschen am Vierwaldstätter See in der Schweiz wurde am 6. Juni 1869 Richard Wagners Sohn Siegfried geboren. Und im Haus Lichtenthal Nr.8 in Baden-Baden, wo Johannes Brahms während der Sommermonate von 1865 bis 1874 unter anderem an seinen ersten beiden Sinfonien und an Teilen seines Requiems arbeitete, finden bei der Besichtigung kaum mehr als vier Personen in den Räumen Platz, weil sie so klein sind.

Das „Monks House“ in East Sussex, für mich einer der schönsten Orte überhaupt, das einst Virginia Woolfs Schwester Vanessa Bell mit dem schottischen Maler Duncan Grant bewohnte, ist dagegen ungemein geräumig und  mit seinem paradiesischen  Garten, ein Locus amoenus, der dazu einlädt, in ihm mehrere Stunden zu verweilen.

Auf meiner jüngsten sommerlichen Festivaltour durch Österreich entdeckte ich nun mehr durch Zufall noch einen weiteren einsamen Ort, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte: das Schubert-Museum in Atzenbrugg, etwa eine Autostunde von Wien entfernt.

Der Zeitpunkt meines Besuchs war wegen Corona nicht gerade günstig. Als ich dort ankam, stand ich vor verschlossener Tür. Aber so schnell gebe ich nicht auf, und meine Bemühungen um individuellen Zutritt wurden in diesem Fall belohnt. Der Präsident des Vereins zur Förderung dieser Gedenkstätte, Felix Mayerhofer, den ich kurzerhand anrief, machte sich auf den Weg, um mir eine Besichtigung zu ermöglichen. In weniger als einer Stunde war er da und gewährte mir sogar noch eine gesonderte Führung. Der Mann hat eine besondere Verbindung mit diesem Ort: Ferdinand Mayerhofer von Grünbühel (1798-1869), ein Freund von Franz Schubert, war sein Urgroßonkel.

Autorin Kirsten Liese vor dem Schubert-Häuschen

In dem ehemaligen, von einem herrlichen Park umgebenen Landschloss sind zwar keine spektakulären Objekte zu sehen – darunter einige Bilder und Kopien von Schriftstücken –  und doch bekommt man ein recht gutes Gefühl für die Zeit des Biedermeier und das dortige Leben von Schubert inmitten seines Freundeskreises.

Es waren die Jahre 1820 bis 23, als Schubert nach Atzenbrugg kam. Damals war er auf seine Freunde angewiesen, sie sorgten für sein Auskommen. Über ein eigenes Einkommen verfügte der Österreicher nicht,  seine Lehrstelle hatte er aufgegeben, die Verleger interessierten sich noch nicht für ihn, seine öffentlichen Auftritte brachten nichts ein.

Wie gut, dass der Dichter Franz Schober gute Verbindungen zum Landschloss hatte, das sein Onkel verwaltete. Er lud den Freund dahin ein.

Weitere „Schubertianer“ waren der Dichter Franz Grillparzer, der Maler Moritz von Schwind, der auch die Loggia der Wiener Staatsoper mit seinen Fresken ausmalte,  oder der Sänger Ignaz von Sonnleithner, Bruder des Librettisten Joseph Sonnleithner. Und nicht zu vergessen der Maler Leopold Kupelwieser, der Schubert porträtiert hat, und den der Komponist wie keinen zweiten in seine private Sphäre einweihte. Nach diesem Künstlerfreund ist wohl auch der Kupelwieser-Walzer benannt, den ich – wiewohl ich Schubert zu meinen Lieblingskomponisten zähle – noch nie zuvor gehört hatte. Schubert soll ihn 1826 anlässlich Kupelwiesers Hochzeit mit Johanna Lutz komponiert haben. Es ist, wovon ich mich nun überzeugen konnte, ein kurzes schlichtes, aber sehr hübsches Stückchen Musik.

Konzertsaal im Schloss und Museum

Kurzum, unter den jungen Leuten blühte ein reges geistiges Leben, wovon man heute wohl nur noch träumen kann, ein Streben nach allem Schönen, Kunst und Poesie.

Hinter dem Museum auf einer kleinen bergigen Anhöhe zwischen mächtigen Bäumen entdeckte ich noch eine kleine spartanisch möblierte Stube, in der Schubert sich zum Komponieren zurückgezogen haben soll. Dieses „Schubert-Häuschen“ war für mich der schönste Ort auf diesem Anwesen, vor allem dank der Stille, der Natur und der Einsamkeit. Es zeigte mir einmal wieder, dass geniale Kunst nicht viel Platz beansprucht. Die Ruhe und eine schöne Aussicht schaffen vielmehr die idealen Voraussetzungen für eine gute Konzentration. Auf einer Bank neben diesem Häuschen verweilte ich über eine Stunde, und in meinem inneren Ohr stellten sich zahlreiche Melodien und Motive aus Schuberts Klavierwerken, Streichquartetten, Liedern und Sinfonien ein. Und noch jetzt hängen mir die Eindrücke an diesen wunderbaren Ort nach. Hier würde ich gerne mein nächstes Buch schreiben.

Kirsten Liese, 2. Oktober 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lieses Klassikwelt 49: Österreich

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© Kirsten Liese

Die gebürtige Berlinerin Kirsten Liese (Jahrgang 1964) entdeckte ihre Liebe zur Oper im Alter von acht Jahren. In der damals noch geteilten Stadt war sie drei bis vier Mal pro Woche in der Deutschen Oper Berlin — die Da Ponte Opern Mozarts sowie die Musikdramen von Richard Strauss und Richard Wagner hatten es ihr besonders angetan. Weitere Lieblingskomponisten sind Bruckner, Beethoven, Brahms, Schubert und Verdi. Ihre Lieblingsopern wurden „Der Rosenkavalier“, „Die Meistersinger von Nürnberg“, „Tristan und Isolde“ und „Le nozze di Figaro“. Unvergessen ist zudem eine „Don Carlos“-Aufführung 1976 in Salzburg unter Herbert von Karajan mit Freni, Ghiaurov, Cossotto und Carreras. Später studierte sie Schulmusik und Germanistik und hospitierte in zahlreichen Radioredaktionen. Seit 1994 arbeitet sie freiberuflich als Opern-, Konzert- und Filmkritikerin für zahlreiche Hörfunk-Programme der ARD sowie Zeitungen und Zeitschriften wie „Das Orchester“, „Orpheus“, das „Ray Filmmagazin“ oder den Kölner Stadtanzeiger. Zahlreiche Berichte und auch Jurytätigkeiten führen Kirsten zunehmend ins Ausland (Osterfestspiele Salzburg, Salzburger Festspiele, Bayreuther Festspiele, Ravenna Festival, Luzern Festival, Riccardo Mutis Opernakademie in Ravenna, Mailänder Scala, Wiener Staatsoper). Als Journalistin konnte sie mit zahlreichen Sängergrößen und berühmten Dirigenten in teils sehr persönlichen, freundschaftlichen Gesprächen begegnen, darunter Dietrich Fischer-Dieskau, Elisabeth Schwarzkopf, Mirella Freni, Christa Ludwig, Catarina Ligendza, Sena Jurinac, Gundula Janowitz,  Edda Moser, Dame Gwyneth Jones, Christian Thielemann, Riccardo Muti, Piotr Beczala, Diana Damrau und Sonya Yoncheva. Kirstens Leuchttürme sind Wilhelm Furtwängler, Sergiu Celibidache, Riccardo Muti und Christian Thielemann. Kirsten ist seit 2018 Autorin für klassik-begeistert.de .

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