Lucas und Arthur Jussen: „Es ist unsere Aufgabe, unaufhörlich zu suchen und zu entdecken“

Lucas und Arthur Jussen, Großes Interview,  Konzerthaus Berlin

Foto: Marco Borggreve (c)
Lucas und Arthur Jussen geben der jungen Klassik ein Gesicht. Als höchst erfolgreiches Klavierduo verkörpern die Holländer nicht nur die perfekte Klangsymbiose, die Brüder stehen auch in einer ganz besonderen geschwisterlichen Beziehung. Im Berliner Konzerthaus sprachen sie angeregt über ihre nie abreißende Neugier, brüderliche Nähe und verrieten klassik-begeistert.de, was Beethoven mit Fußball gemein hat.

Interview: Antonia Tremmel-Scheinost

klassik-begeistert.de: Ein Geschwisterteil ist ein Stück Kindheit, das immer bleibt. Was bedeutet Geschwister sein für Euch?

Lucas: Natürlich ist eine Geschwisterbeziehung in erster Linie von einer starken biologischen Komponente geprägt, die allen Geschwistern zu eigen ist. Man bleibt sein ganzes Leben lang Schwester oder Bruder, komme was wolle. Doch wie tiefgreifend die emotionale Bindung zu einem Geschwisterteil ist, geht mit einem steten Entwicklungsprozess einher. In unserem Fall haben wir das große Glück, uns sehr zu mögen. Wir haben die gleichen Interessen, teilen dasselbe Werteverständnis und sind uns auf vielen Ebenen ähnlich. Unsere Beziehung ist kurzum gesagt sehr eng. Das ist alles andere als selbstverständlich! Ich bin sehr froh, dass bei uns bis jetzt (lacht) Eintracht herrscht.

Einige der international bekanntesten Klavierduos sind Geschwister oder Ehepaare. Braucht man die emotionale Nähe, um ein gutes Klavierduo zu sein?

Arthur: Ich denke nicht, dass dies unbedingt notwendig ist. Man nehme zum Beispiel Daniil Trifonov und Sergei Babayan. Die Duo-Konstellation entstand aus einer Schüler-Mentor-Beziehung (Anmerkung: Babayan war Trifonovs Lehrer während seiner Zeit im Cleveland Institute of Music), und trotzdem ist ihr Zusammenspiel ganz wunderbar. Demnach bedarf ein Musizieren von solcher Güte keiner besonderen emotionalen Beziehung. Allerdings kann ich mir persönlich nicht vorstellen, je mit jemand anderem im Duo zu spielen, als mit meinem Bruder. Wir geben uns gegenseitig Sicherheit und dürfen viele großartige Momente gemeinsam erfahren. Zusammen zu konzertieren und zu reisen ist eine Freude! Für viele Musiker ist die Einsamkeit des Künstlerdaseins eine Last, davon sind wir verschont. Wir können alles Erlebte teilen, das ist etwas sehr Besonderes.

Könnt Ihr wirklich alles teilen? Wie steht es denn um die angedachte Doppelhochzeit.

Arthur: (lacht) Nun gut, formulieren wir es um. Fast alles wird bei uns geteilt, nur manches Wesentliche nicht!

Fühlt ihr euch einander je fremd?

Arthur: Eigentlich nie…

Lucas: Im Sinne von Verständnislosigkeit?

Ja, im Sinne von Unverständnis. Euer Spiel ist sagenhaft symbiotisch. Fehlt dieses tiefe Begreifen je auf anderen Ebenen?

Arthur: Für mich nicht. Wir verstehen uns nicht nur im Spiel, sondern in vielen anderen Lebenssituationen. Wir sind nicht nur Brüder, sondern auch gute Freunde. In Sachen Klavierspiel ist unsere Verbindung auch eine spezielle. Lucas hat in Madrid und den USA studiert und wir haben uns oft zwei Monate oder mehr nicht gesehen. Als wir danach wieder zusammen gespielt und gelebt haben, waren das Gefühl und Verständnis füreinander sofort wieder da. So, als ob es nie eine Trennung gegeben hat. Wir können uns das selber nicht erklären, aber die Nähe und das gemeinsame Empfinden in der Musik überträgt sich auch auf andere Lebenslagen.

Ihr steht seit vielen Jahren im Rampenlicht. Habt ihr Euch die kindliche Neugier von früher bewahrt?

Lucas: Selbstverständlich! Mit der Neugier an sich ist es allerdings so eine Sache. Während eines langen Künstlerlebens kann es durchaus passieren, einen Teil seiner Entdeckerfreude einzubüßen. Doch ein strahlendes Gegenexempel ist Martha Argerich. Sie hat nahezu alles, was die Klavierliteratur zu bieten hat, sowohl zur Aufführung gebracht als auch eingespielt. Und siehe da, Argerich ist bis zum heutigen Tage künstlerisch höchst aktiv. Wenn ihre Neugier und Liebe zum Spiel noch nicht versiegt sind, wie könnte uns das dann schon passiert sein? Wir stehen noch ganz am Anfang unserer Karriere, es gibt noch so viel zu tun und zu erreichen!

Bleiben wir bei Eurer Genese. Mit einem Pauker als Vater… Was bedeutet Euch Rhythmus?

Arthur: Viel! Der steht für den Keller!

Lucas: Ja, sobald wir unrhythmisch gespielt haben, mussten wir bei Wasser und Brot in den Keller!

Arthur: (lacht) Ach nein, Spaß beiseite. Ganz so streng war es nicht, aber Rhythmus und rhythmisch korrektes Spiel sind in unserer Familie seit jeher sehr wichtig. Vater lehrte uns schon als Fünfjährige den Rhythmus zu fühlen und zu verstehen. Noch heute hilft uns seine intensive Vermittlung im frühen Kindesalter sehr. Die Bewältigung von rhythmisch sehr komplexen Stücken, wie beispielsweise manche Bartok-Sonate, rührt zu einem Gutteil daher. Auch im Vergleich zu anderen Musikern empfinden wir Rhythmus oft anders, und Abfolgen erschließen sich natürlicher. Gründliches Üben und Proben sind natürlich vorauszusetzen!

Apropos Bartok. Morgen in einem Jahr bringt ihr im Het Concertgebouw sein „Konzert für 2 Klaviere und Schlagzeug“ zur Aufführung. Wie wichtig ist euch „Neue Musik“?

Arthur: Sehr, sehr wichtig! Vor allem, weil das Repertoire für Duo ein vergleichsweise schmales ist. Wir können uns nicht nur auf Altbewährtes versteifen. Unsere Philosophie ist es nach neuen und auch vergessenen Stücken aktiv zu suchen. Beispielsweise haben wir letzten Monat in Amsterdam Leo Smit gespielt. Einen nahezu unbekannten Komponisten, der Großes geschaffen hat: Keine unverständliche Musik, nein, eine Musik, die das Publikum ganz unmittelbar zu berühren vermag. Es ist unsere Aufgabe, unaufhörlich zu suchen und zu entdecken. Neben dem Spielen von Mozart, Poulenc, Bach und anderen Titanen haben wir durchaus dafür zu sorgen, dass wenig bekannte Stücke an die Hörerschaft herangetragen werden. Das ist uns sehr wichtig, es ist sozusagen ein Muss. Dieser spannende Findungsprozess bereichert unser Künstlerdasein ungemein.

Ihr seid bekennende Fußballfans. Und ab nun Herren über das musikalische FIFA Ultimate Team 2018, Gratulation. Mit welchen Komponisten oder Pianisten würdet ihr die Linksverteidigung und Rechtsaußen besetzen?

Lucas: Spannende Frage. In die Verteidigung kommt Beethoven, denke ich!

Jetzt weiß die Welt endlich, was Beethoven und David Alaba gemeinsam haben…

Arthur: (Gelächter) Und Brahms! Rechts vorne steht Mozart, weil er leicht und agil agiert.

Lucas: Haydn links…

Arthur: Sokolov in den Sturm! (lacht)

Mutig. Und im Mittelfeld?

Lucas: Jemand mit guter Technik und Kreativität. Ich würde sagen Ravel, quasi als Götze. Und die Nummer 9 ist wichtig, wen könnte man da nehmen… Lang Lang, denke ich.

Lang Lang?

Arthur: Ja, Lang Lang (lacht)

Lucas: Ja! Im Hinblick auf die Chancenverwertung, würde ich ebenfalls Lang Lang sagen.

Lust als 20-fingriger Spieler ins Tor zu gehen?

Lucas: Da halten wir Buchbinder für geeigneter!

Spannend! Leute in unserem Alter für klassische Musik zu begeistern, ist trotzdem schwierig. Welche Überzeugungsarbeit braucht es?

Lucas: Wie bist du denn dazu gekommen?

Ich bin in Wien aufgewachsen. Das spricht fast für sich selbst…

 Lucas: Das ist ziemlich selbstredend, ja. Menschen, die in einem musikalischen Umfeld aufwachsen, verstehen und lieben klassische Musik eher. Doch wenn es um die große, fernab der Klassik geprägte Mehrheit geht, ist es wirklich schwierig. Auch für uns.

Arthur: Ich glaube Musik muss immer präsent sein wie in Wien. Allein schon, wenn man mit Austrian Airlines fliegt, setzt es den Donauwalzer (lacht). In Holland ist das ganz anders, es gibt nicht einmal mehr Musikunterricht an den Schulen. Klassik muss wieder in den Fokus gerückt werden. Die Musik selbst ist stark genug, sie klingt schon hunderte von Jahren auf dieser Erde und wird dies auch noch in 500 Jahren tun. Es geht um das Augenmerk.

Lucas: In der Qualität ist klassische Musik mehr als gut genug…

Arthur: Wir müssen kein Zugeständnis an die Musik machen, wir müssen Klassik wieder im Kern der Gemeinschaft kultivieren. Eben wie in Wien.

Lucas: Und in Berlin, wo wir uns gerade befinden. Hier hat unglaublich viel im öffentlichen Raum mit klassischer Musik zu tun. Musik lebt hier, sie ist kulturell und gesellschaftlich verankert. Ich denke diesen Ansatz weiterzuverfolgen, ist die Lösung.

Heute Abend spielt ihr mit Cameron Carpenter im Konzerthaus Berlin. Mögt ihr die Orgel?

Lucas: Ja! Sehr!

Arthur: Wobei es manchmal schwierig ist…

Lucas: Sehr schwierig, da sehr anders.

Und mögt ihr seine Orgel?

Lucas und Arthur: Sehr sogar!

Mir erscheint seine Konstruktion schön-schaurig…

Arthur: Das ist sie natürlich auch. Wir haben auch einen sehr guten Freund, der Organist ist. Er hat genau dasselbe gesagt.

Lucas: Wenn wir Bach spielen, entsteht oft eine ähnliche Diskussion um die historische Aufführungspraxis und den Stillstand. Rund um die Orgel gibt es sogar eine noch stärkere konservative Strömung, die den sanften Klang der alten Holzorgeln nicht missen will. Aber neue Pfade in der Musik müssen beschritten werden. Das ist unvermeidbar. Ich finde es sehr gut, dass Cameron ein unentwegt Suchender ist und so etwas Neues geschaffen hat. Ob man Klang und Präsentation liebt, ist subjektiv. Wichtig ist, dass ein Bewusstsein, in diesem Falle für die Orgel, in der breiten Gesellschaft geschaffen wird. Man sehe sich nur Strawinsky und die anfängliche Ablehnung seines Schaffens an!

Man sagt ja auch, Tradition sei nicht die Anbetung der Asche, sondern die Weitergabe des Feuers…

Lucas und Arthur: Wie wahr!

Gibt es ein Leben nach der Musik?

Arthur: Natürlich. Ich hoffe zwar, dass es dennoch ein Leben mit Musik sein wird, aber es gibt ohne Zweifel ein Leben nach oder neben der Musik. Das ist übrigens sehr wichtig für die Musik selbst. Man muss das Leben in all seinen Facetten leben, um überzeugend in seinem Spiel zu sein. Andauerndes Proben im stillen Kämmerlein führt nicht zum Kern der Sache. Zum Beispiel Leo Smits Divertimento… das ist ein Stück des Lebens! Es hat mehr mit der Essenz des Lebens zu tun als mit Musik. Dieses Werk ist so nah am Leben, es lässt einen Glück wie Dramatik unglaublich intensiv spüren. Wenn man diese Emotionen nicht am eigenen Leib erfährt, ist es unmöglich solch ein Stück zu durchdringen. Deswegen ist es sehr wichtig, das Leben zu leben.

Antonia Tremmel-Scheinost für klassik-begeistert.de

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