Martha Argerich ist ein ruhiger Vulkan

Martha Argerich Festival, Martha Argerich,  Laeiszhalle Hamburg

Foto: Thies Rätzke (c)
LAEISZHALLE HAMBURG
, GROßER SAAL, 26. JUNI 2018
Martha Argerich Festival

Ein Gastbeitrag von Teresa Grodzinska

Vergesst alle Schnippigkeit, Böszungigkeit, Häme und Witzigkeit meinerseits. Es ist mir ernst: Ich war im Himmel. Und das an einem ganz normalen Dienstag, 26. Juni 2018, um 19.30 Uhr in der Laeiszhalle Hamburg.

Im Rahmen des Martha Argerich Festivals wurde ich Zeugin, wie aus einem mittelmäßigen „Unsere-Kinder-sind-auch-begabt“-Konzert ein Fest der Musik wurde. Und das einzig und alleine dank dem Genius von Martha Argerich, einer Jüdin aus Buenos Aires, Mutter dreier Töchter von drei Ehemännern, 77 Jahre jung.

Ihre Bühnenpräsenz ähnelt … niemandem. Am ehesten könnte man sie mit einem ruhigen Vulkan vergleichen. Auf einmal eine Eruption, dann wiederum ein stilles, zärtliches  Werken an Ravel oder Schostakowitsch. Ein Pianissimo, das auch in der letzten Reihe ankommt, kein zu spät, kein zu früh, was bei zwei Menschen an zwei Klavieren an sich Kunst ist.

Das Prinzip des Festivals ist denkbar einfach: Man nimmt alle Freunde, Verwandte, eigene Kinder und Kinder von Freunden und Verwandten und bringt sie auf die Bühne. Unmöglich? Nicht, wenn der Name der „Eltern“ Martha Argerich und Daniel Barenboim lautet.

Sie lernten zur gleichen Zeit vor mehr als 70 Jahren Klavierspielen in Buenos Aires. Sie spielen bis heute oft und gerne zusammen und sind Marken, Brands, Symbole, Märchengestalten, Stars.

Die Symphoniker Hamburg wärmen sich im Licht der beiden Berühmtheiten. Zu Recht. In einem Atemzug mit Martha oder Daniel genannt zu werden, ist wie ein Ritterschlag. Den Titel „Sir“ bekommen viele. Martha und Daniel dulden nur die Besten in ihrer Bühnen-Nähe.
Nichts gegen ihre „musikalische Familie“. Mehrere junge und nicht mehr so junge Musiker, die hauptsächlich andere Instrumente als die Maestros spielen und entweder schon berühmt oder auf dem Weg zum musikalischen Olymp sind, geben sich die Ehre. Es sind über 15 Namen. Sieben Tage Festival, ein Abend im Schmidts Tivoli auf der Reeperbahn, ein Gespräch mit  Studenten der Hochschule für Musik und Theater mit Martha  Argerich. Machen Sie  sich selbst ein Bild, liebe Leser. Vielleicht spielen hier in Hamburg neue Argerichs und Barenboims…  www.symphonikerhamburg.de

Ich konzentriere mich auf den dritten Tag des Martha Argerich Festivals: An diesem Abend gab es echte, unverfälschte, ehrliche Musik. Argerich und Nicholas Angelich – zusammen 125 Jahre alt, spielten den Walzer von Ravel im Arrangement von Mikhail Pletnev, einem russischen Klaviervirtuosen. Für mich ein bisschen beliebig und verwischt – aber wunderschön.

Alles wird vom Blatt gespielt. Vielleicht deshalb das Gefühl des Verwischens. Graziöse, junge Damen blätterten die Seiten in einem fort. Wo bleibt die Gleichberechtigung? Und überhaupt: Früher spielte man auf der Bühne nur im Orchester vom Blatt. Solisten spielten und spielen immer aus  dem Gedächtnis. Die graziösen Gesten stören und nehmen viel Zauber weg

Es wurde richtig problematisch bei Sergei Prokofjews Suite aus Cinderella  für zwei Klaviere, wieder im Arrangement von Mikhail Pletnev. Er arrangierte nicht als erster: Prokofjew selbst schrieb ein Arrangement für Klavier. Also alles noch sehr echt und nah am Original aber: Alexander Mogilevsky und Akane Sakai plus zwei „Blatteuse“ ergaben ein gezwungenes Spielen und Umblättern. Von Musik konnte höchstens in Ansätzen die Rede sein.

Eine russische Konzertpianistin, mit der ich in der Pause ins Gespräch gekommen bin, war meiner Meinung: „Eine gute Übung“, so ein Auftritt zu zweit vor breitem Publikum, ohne richtig das Stück fertig geübt zu haben. Gefesselt und geknebelt spielt man, bis man das Niveau von Martha oder Daniel erreicht hat. Das Umblättern bei den beiden – bestimmt sehr begabten und sehr engagierten Pianisten – bereitete zusätzliche Schwierigkeiten. Wie Schwimmen mit Schuhen etwa.

Da waren die beiden Jungs des zweiten Duos, Evgeni Bozhanov und Kasparas Uinskas, schon viel weiter: sie brachten Notebooks mit auf die Bühne und spielten vom digitalen Blatt. Genial! Ein sanfter Druck auf die Notebook-Taste und die Sache läuft  glatt. Für mich ein wirklich spürbarer Unterschied zu Gunsten von Duo 2.  Ich glaube, die Zukunft gehört Konzertinstrumenten mit digitalem, integriertem Notenblätter-Notebook.
Pause.

Ich ging mit der Russin in die Wallanlagen. Wir sprachen wenig, nur das Nötigste, um nicht unhöflich zu wirken. Stille ist das Allerliebste für jeden Kunstschaffenden. Sie spielte auch mit Martha (so nannte sie  SIE: Martha!) und war voller Lob  für den Walzer und das Duo 1. Sie meinte, Duo 2 betreibe Effekthascherei. Kein Kommentar.

Das erste Stück nach der Pause blieb fest in der Hand der Familie Barenboim. Die Ehefrau, Elena Bashkirova, Klavier, begleitete (Akzent auf leiten) ihren Sohn, Michael Barenboim (Bratsche). Sie sehr schön, im gewagten großblumigen, engen Kleid, er sichtlich um Macht in diesem Duett ringend. Daher Nervosität, milde Augenschläge von Mama und einfühlsame Akkorde. Die Russin und eine andere Russin (Opernsängerin, Ehemann Pianist) schüttelten nur den Kopf. Schubert weinte nicht, die beiden können spielen, aber eine gewisse familiäre Angespanntheit war deutlich zu spüren und nicht von Vorteil, für niemanden.

Das Schönste zum Schluss.

Dmitri Schostakowitschs Klavierkonzert ist wild, ungezähmt, rührend, voller Schmerz, gewalttätig, Ohren beleidigend, komisch, zärtlich, unbeschreiblich. Die Leitung bei diesem Stück hatte theoretisch Adrian Illiescu, sonst 1. Streicher, also Kapellmeister der Symphoniker Hamburg.  Aber in Wirklichkeit dirigierte die Martha Assoluta. Wie sie es schaffte, mit der rechten Hand (ein gewaltiges Staccato) und gewaltigen Arpeggios (linke Hand) gleichzeitig die Streicher-Fraktion der Symphoniker Hamburg im Zaum zu halten und den Trompeter Sergei Nakariakov zu seinen absolut schockierenden Einsätzen einzuladen, wird immer ein Rätsel bleiben. Grandios; dieses Stück zum Abschluss ist klug gewählt. Es ist so unkonventionell und so herausfordernd für beide Seiten des Saals, dass nur ein echter Profi-Musiker das schwankende Schiff in den sicheren Hafen des Schlussapplauses führen kann. Und der war frenetisch.

Teresa Grodzinska, 29. Juni 2018, für
klassik-begeistert.de

Maurice Ravel
La valse / Poème chorégraphique / Fassung für zwei Klaviere
Sergej Prokofjew
Suite aus dem Ballett »Aschenbrödel« op. 87 / Arrangement für zwei Klaviere: Mikhail Pletnev
Franz Schubert
Sonate a-Moll D 821 für Arpeggione oder Violoncello und Klavier »Arpeggione«
Dmitri Schostakowitsch
Konzert für Klavier, Trompete und Streichorchester c-Moll op. 35

 

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