Unser besonderes Sorgenkind: „A Quiet Place“ von Leonard Bernstein

Meine Lieblingsoper 28: Leonard Bernstein, „A Quiet Place“

„Da steht am Anfang die Trauergemeinde und wartet. Der Sohn („Junior“) fehlt noch. Irgendwie spüren wir, es wäre den Anwesenden gar nicht so unangenehm, wenn er nicht käme. Doch er erscheint und wir können die Betretenheit nachempfinden. Der Mann ist hochgradig traumatisiert, macht einen verstörten Eindruck, niemand kann sagen, was im nächsten Augenblick passiert.“

Meine Lieblingsoper 28: „A Quiet Place“ von Leonard Bernstein

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Schon der „Vater“ dieser Oper Leonard Bernstein war von der fehlenden Akzeptanz dieses Werks enttäuscht. Zusammen mit seinem „Trouble in Tahiti“ sollte das Genre der amerikanischen Oper aus der Taufe gehoben werden. Bei Bernstein denkt das Gros der Musikliebhaber in erster Linie an seine „West Side Story“ und das tut uns für diesen Komponisten leid, der mehr Beachtenswertes geschaffen hat. So seine drei Symphonien, sein Chorwerk auf Psalmen der hebräischen Bücher und für uns ist der Höhepunkt seines Schaffens „Das Theaterstück für Sänger, Musiker und Tänzer – Mass“.

„A Quiet Place“ erzählt vom Zusammenkommen einer auseinandergelebten Familie anlässlich der Beisetzung der Mutter, die bei einem Autounfall ums Leben kam. Voraussetzung eines besseren Verständnisses wäre allerdings, die Vorgeschichte der familiären Entfremdung, welche in der viel früher entstandenen Kurzoper „Trouble in Tahiti“ behandelt wird, der zweiten Oper voranzustellen.

Die beste Lösung war noch zu Lebzeiten Bernsteins die Fassung der Mailänder Scala. Es wurden in die Oper „A Quiet Place“ Einblendungen aus „Trouble in Tahiti“ gebracht. Die Oper erreichte aber damit eine Fülle und ein Ausmaß, die eine reichere Instrumentierung nahe legten. Diesem erweiterten musikalischen Ausdruck entsprach vielleicht nicht die familiäre Intimität der Handlung.

Übrigens spielt „Trouble in Tahiti“ nicht in der Südsee. Es wird gezeigt, wie die Eheleute in ihrer Freizeit getrennte Wege gehen. Ihn zieht es zum Sportklub, sie ins Kino. Man spielt den Film „Trouble in Tahiti“. Nachher will sie dem Publikum zugewandt mitteilen, wie schlecht der Film war. Doch sie steigert sich beim Erzählen so hinein, dass wir das Gefühl bekommen, so unbeeindruckt kann sie der Film gar nicht gelassen haben. So erlebt in der Vorpremiere am 8. April 1986 in der Wiener Staatsoper mit Wendy White als Mutter Dinah.

Die österreichische Uraufführung basierte auf der Fassung der Mailänder Scala. Die Inszenierung stammte vom Librettisten von „A Quiet Place“ Stephen Wadsworth persönlich. Da Leonard Bernstein noch dazu die musikalische Leitung innehatte, kann man von einer authentischen Produktion sprechen. Es gab zwischen dem 8. und dem 17. April sieben Vorstellungen. Das war die Gelegenheit „A Quiet Place“ in seiner idealsten Form kennen zu lernen. Dazu gab es eine aufwendige Einführung, die vom ORF aus dem Saal der Wiener Staatsoper übertragen wurde, unter Beisein des Komponisten, der viel zum Verständnis beitrug, was er mit dieser Oper sagen wollte.

„A Quiet Place“ an der Neuen Oper Wien. Foto: © Armin Bardel

Heute erleben wir wieder mehr die zurückgesteckten Kammer-Fassungen ohne Einblendungen. Eine solche Reduzierung bezweckt wohl, dass dadurch ein Stück die Chance erhält, ohne großen Apparat in kleineren Häusern und dadurch öfter Aufnahme zu finden. Das „Leonard Bernstein Office“ hat natürlich Interesse Bernsteins Oper „A Quiet Place“ weiterhin auf die Bühnen zu bringen. Ob die Pointe der Oper durch die Regien immer erreicht wird, bezweifeln wir beim Studium der Rezensionen.

Wenn zum Beispiel bei „Brugs Klassiker“ der Digitalzeitung „Welt“ über eine Realisierung bei den Dresdner Musikfestspielen nur zu lesen ist: „Nein, das ist wirklich nicht mehr die heile Schwarzweiß-Welt in Kansas … aber hörenswert, mit „Pathos und Swing.“

Die Neue Oper Wien hat im Frühjahr 2018 die reduzierte Form in der Wiener Kammeroper gezeigt. In einer Rezension über diese Aufführung lesen wir, dass „man eine eineinhalbstündige Familienhölle mit ansehen muss, die nie aufhört Unbehagen zu bereiten“.

„A Quiet Place“ am Theater Lübeck. Foto: © Olaf Malzahn

Wir bedauern sehr, uns von der Lübecker Produktion, die voriges Jahr stattfand, nicht vor Ort ein Bild gemacht zu haben. Allein die Szenenfotos wirken ansprechend und interessant. Im Kultur-Magazin „Unser Lübeck“ schreibt Arndt Voß: „Der Verlust der Mutter wird so zu einem neuen Band. Auch das findet im Schlussbild eine symbolisch tiefe Gestaltung, wenn sich die Familie findet, den Sarg im Garten einzubetten.“

Über eine Inszenierung des Theater Aachen im selben Jahr 2019 erfahren wir von Ingo Hamacher in der kurzen Inhaltsangabe des dritten Akts, dass Vater Sam am Ende seine Familie um Aussöhnung bittet. „Nach einem kurzen Moment des Verzeihens und der Harmonie brechen die tief sitzenden Traumatisierungen wieder hervor.“ Der Rezensent kommentiert: „Der Weg bis zur heilen Welt scheint noch weit zu sein …“ und schließt: „… falls es überhaupt gelingt!?“

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Wie unterschiedlich doch dieses Werk erlebt wird! Kehren wir zu der aus unsrer heutigen Sicht historisch bedeutsamen Fassung der Wiener Staatsoper zurück, die für uns prägend wurde, und versuchen wir mit eigenen wenigen Sätzen wiederzugeben, was uns an dem Stück damals berührte:

Da steht am Anfang die Trauergemeinde und wartet. Der Sohn („Junior“) fehlt noch. Irgendwie spüren wir, es wäre den Anwesenden gar nicht so unangenehm, wenn er nicht käme. Doch er erscheint und wir können die Betretenheit nachempfinden. Der Mann ist hochgradig traumatisiert, macht einen verstörten Eindruck, niemand kann sagen, was im nächsten Augenblick passiert. Spannen wir den Bogen jetzt zum Ausgang der Oper. In einem Anfall wirbelt Junior die Tagebuchblätter seiner verstorbenen Mutter durch die Luft. Als die Familie gemeinsam die auf dem Boden zerstreuten Blätter einsammelt, entdecken sie in den Schriften Dinahs den inständigen Aufruf zur Versöhnung. Sie strecken einander die Hände entgegen. Es kommt noch zu keiner Berührung. Aber in ihren Gesichtern leuchtet Hoffnung auf.

Förmlich hätte sich die Familie wieder getrennt, wäre der unbequeme Junior der Trauerfeier fern geblieben. Ja sogar sein Wutanfall erhält nachträglich Sinn. Es handelt sich um eine schicksalhafte Fügung. Leonard Bernstein sprach bei der Matinee in der Wiener Staatsoper von „grace“.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 12. Mai 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer

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