Boulez explodiert, und Schubert implodiert in der Raumbühne Babylon

Michael Wendeberg, Robert Sellier, Sylvia Ackermann,  Oper Halle (Saale)

Foto: (c) Ana Kolata Bühnen Halle
Oper Halle (Saale),
30. September / 1. Oktober 2018
Michael Wendeberg, Steinway-Flügel, Robert Sellier, Tenor, Sylvia Ackermann, Carl Graf Hammerflügel

von Guido Müller

Untergang genießen? Diesem Motto widmet sich die Spielzeit 2018/19 der Oper Halle in der Raumbühne Babylon von Sebastian Hannak. Das gilt nicht nur für die Opern von Verdi oder Meyerbeer, das Ballett Bizarr oder das Schauspiel Nackt über Berlin, sondern auch für Formate wie Klavier- oder Liederabende, Poetry Slam oder Hip Hop.

Mit welchem Komponisten verbindet sich in der Oper das Motto besser als mit dem Franzosen Pierre Boulez, der sogar die Sprengung der Opernhäuser forderte, um dann im Operntempel Wagners in Bayreuth als Dirigent im „Jahrhundertring“ ab 1976 die „Götterdämmerung“ zu zelebrieren.

Kaum ein Pianist ist besser geeignet Boulez’ sämtliche Klavierwerke auszuführen als der junge Erste Kapellmeister der Oper Halle, Michael Wendeberg. Dieser gehörte 2000 bis 2005 dem Boulez Ensemble Intercontemporain an und nahm kürzlich im neuen Berliner Pierre-Boulez-Saal das komplette Klavierwerk für eine CD-Produktion auf.

Den Namen Wendeberg sollte man sich merken: er arbeitete nicht nur zusammen mit Boulez, Daniel Barenboim und Simon Rattle, seine Stationen als Dirigent führten ihn bereits von den Opernhäusern Wuppertal, Mannheim, Luzern und Berlin nach Halle. Renommierte Orchester von Berlin und Stuttgart, Frankfurt bis Genf, Birmingham bis Köln reißen sich um ihn als Gastdirigenten. Ganz besonderes Renommee genießt Michael Wendeberg als Spezialist für zeitgenössische Musik. In Halle dirigierte er bereits mit großem Erfolg Fidelio, Aida, Dreigroschenoper, Sacrifice und ein Ballett mit Strawinskys Le Sacre du Printemps.

Wendeberg spielt das Klavierwerk von Boulez in der Reihenfolge der Entstehung. Zuerst die Douze Notations des Zwanzigjährigen, mit denen er seinen Vorbildern Debussy, Schönberg, Bartok, Strawinsky und anderen huldigt. Die Stücke beruhen jeweils auf einer Zwölftonreihe, passen exakt auf eine Partiturseite und zeichnen sich durch Fassbarkeit und großen Abwechslungsreichtum aus.

Auf die kurze erste Klaviersonate von 1946 bis 1949 in zwei Sätzen folgt die groß dimensionierte über dreißig Minuten dauernde Deuxième Sonate von 1946 bis 1948. Scheint durch diese zweite Sonate immer wieder das Vorbild der Großen Hammerklaviersonate Ludwig van Beethovens durch, so suchte Boulez mit diesem explodierenden Werk zugleich die Klaviersonate als solche zu zerstören. Die französische Pianistin Yvonne Loriod soll angeblich angesichts der enormen technischen Schwierigkeiten in Tränen ausgebrochen sein.

Wie Wendeberg in seiner instruktiven und lockeren Moderation der Stücke erläutert, trifft auf die Zweite Klaviersonate die Bemerkung des französischen Komponisten Olivier Messiaen zu, sein Schüler Boulez sei ihm damals wie ein Löwe vorgekommen, dem die Haut bei lebendigem Leibe abgezogen werde. In dem Werk spiegeln sich auch die Erfahrung seiner Generation mit den Brutalitäten des Zweiten Weltkrieges und des Faschismus sowie die daraus resultierende skeptische Haltung allen Autoritäten und Traditionen gegenüber.

Wendeberg spielt diese Sonate atemberaubend und äußerst spielfreudig mit der größten Selbstverständlichkeit und Durchsichtigkeit bei allen massiven Klangballungen, allergrößten technischen Schwierigkeiten und geforderter Delikatesse der ausgehaltenen Töne.

Von der dritten, 1955 bis 1957 komponierten Sonate liegen nur die Sätze 2 und 3 fertig vor, die Boulez Formant nennt. Boulez bezieht diese beiden Sätze auf offene Dichtungen von Mallarmé und E.T.A. Hoffmann. Er versteht dieses Werk als Beitrag zur Aleatorik, das heißt einer vom Zufall bestimmten Komposition. Damit eröffnet er dem Interpreten die Möglichkeit an jedem Abend andere Stücke innerhalb des Satzes miteinander zu verbinden. Dass dies nicht ganz der Zufälligkeit unterworfen ist, deutet Wendeberg mit der Bemerkung an, dass dies auch in „Sackgassen“ münden kann.

Incises, das 2001 überarbeitete Wettbewerbsstück von 1994, schichtet in knapp zehn Minuten Gesten, Klangtexturen und Klangfarben geradezu launig-improvisiert übereinander.

In den Zugaben spielt Wendeberg ein Albumblatt als letzte Komposition für Klavier von Boulez und eine Komposition von Johann Sebastian Bach. Großer dankbarer Beifall für einen fantastischen Klavierabend.

Auf ganz andere Art mit dem Thema Untergang assoziiert sich Franz Schubert, nicht zuletzt besonders in seinen Spätwerken des Schwanengesangs und der Winterreise. Bei allen Ausbrüchen und dramatischen Akzenten, die der Tenor Robert Sellier auch in beiden Zyklen setzt, dominieren doch schon durch den historischen Hammerflügel von Carl Graf von 1828 aus Wien die Ausbrüche ins Innere.

Schubert kannte diese besten, modernsten und teuersten Hammerflügel zu seiner Zeit sicher, da er eine Zeitlang im innerstädtischen Wiener Haus der Werkstatt von Carl Graf im Mondschein No. 102 beim Maler Moritz Schwind gewohnt hat. Den Zeitgenossen wie Beethoven, Schubert und Schumann kamen diese Instrumente revolutionär klanggewaltig vor. Heute wirken sie eher zart und zurückhaltend etwa im Vergleich zu einem Steinway. Im Claviersalon der Pianistin Sylvia Ackermann und des Restaurators Georg Ott in Miltenberg (Main) wird eine ganz außergewöhnlicher Sammlung historischer Tasteninstrumente aufbewahrt und in ungewöhnlichen Konzerten auch gespielt.

Sellier hat sich diesen fein klingenden Flügel für seinen Liederabend ausgewählt. Er nutzt im ersten Teil noch zaghaft, im zweiten dann konsequent die ganze Raumbühne des Opernhauses bis in die oberste Höhe für seine Auftritte in den Miniopern der Lieder der Winterreise. Sellier liegt die Innerlichkeit und feine Abstufung mehr als die Vehemenz und Expressivität, die andere an den Schubert-Liedern reizen mögen. So schließt sich hinter seinem Leiermann auch unerbittlich der Eiserne Vorhang vor der zerstörten, von Natur überwucherten Stadtkulisse – so wie der Wanderer in der Winterreise der Stadt und Liebe ohne Hoffnung auf Rückkehr den Rücken kehrt.

In Erinnerung bleibt besonders auch die Pianistin Sylvia Ackermann, die unprätentiös und vollkommen anders als berühmte Klaviervirtuosen ganz zurückhaltend und zart nicht nur den Sänger begleitet, sondern auch zwei Moments musicaux Schuberts auf dem Hammerflügel musiziert.

Dr. Guido Müller, 3. Oktober 2018, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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