Kino für die Ohren: Filmmusik mit Nervenkitzel

Münchner Rundfunkorchester, Patrick Hahn  Prinzregententheater München, 16. September 2020 18 Uhr

Gänsehaut pur: Dafür brauchen wir die Kunst!

Saisonauftakt 2020/2021
Prinzregententheater München, 16. September 2020 18 Uhr
Münchner Rundfunkorchester
Leitung: Patrick Hahn – Foto: © Ingo Höhn

von Barbara Hauter

Aufgesaugt wie ein trockner Schwamm – so ging es uns mit dem ersten Konzert nach sechs Monaten Corona-bedingter Abstinenz. Endlich. Es tat so gut, nicht nur Konserven-Musik zu hören, sondern sie live und erstklassig im amphietheatralischen Prinzregententheater vom hochmotivierten Münchner Rundfunkorchester unter dem so jung wie genialen Patrick Hahn präsentiert zu bekommen. Soviel Energie, Präsenz und Können. Man merkte Orchester und Dirigenten die gleiche Begeisterung an.

Dabei war unser erstes Gefühl befremdlich. Ein paar wenige – vielleicht 100 oder 200 – Zuhörer saßen verteilt im  Saal, der eigentlich 1000 fasst. Auf der Bühne nur Streicher, Harfe und Schlagwerk, mit weitem Abstand platziert. Wir fühlten uns ein wenig einsam. Wie kann ein Klangkörper funktionieren, der sonst ganz anders, verdichteter, aufgestellt ist?

Aber es funktionierte. Und mit den ersten Tönen war das seltsame Gefühl verschwunden. Denn die Entscheidung, die Saison mit Filmmusik zu starten, war eine gute. Kino für die Ohren war versprochen. Es dauerte wenige Takte und die Musik hatte in unseren Köpfe Bilder gezaubert. John Williams „Essay for Strings“ beginnt ganz zart schwebend, fast lauernd, kippt ins Bedrohliche, beruhigt sich wieder, um dann erneut Spannung zu erzeugen.. Unsere Körper werden in Alarmbereitschaft versetzt, Bilder von düsteren Landschaften und  verfallenen Städten steigen auf.

Dabei ist dieses Stück von John Williams gar nicht für einen konkreten Film geschrieben, sondern für den Konzertsaal. Aber der Großmeister der Filmmusik kann es eben: Kino für die Ohren. Musik mit Nervenkitzel stand auf dem Programm, Musik aus spannungsgeladenen Filmen, aber eben auch selten gehörte Non-Movie-Stücke bekannter Filmkomponisten. Statt der großen Hollywood-Gefühlsseligkeit mit Mammut-Orchester gab es intime und dafür sehr präzise und differenzierte Emotionen. Danke an Patrick Hahn! Es ist kaum zu fassen, aber unter ihm scheinen Orchester regelrecht zu explodieren.

Ins Kino geht es dann mit Stück zwei. „Fahrenheit 451“, ein dystopischer Truffaut Film: Bürger sollen unmündig bleiben, alle Bücher werden verbrannt, um das „Glück“ der Menschen zu schützen. Bernard Herrmann komponierte dafür ein Wechselbad der Gefühle. Perlende Harfentöne auf Streicherbett wiegen uns im Wohligen, doch die Harmonie wird jäh unterbrochen von dem bedrohlich treibenden Herzschlag der Bässe  und den hektisch rhythmisierenden Streichern.

Moderatorin Anna Greiter führt durch das Programm und stellt uns Dr. Reinhard Scolik vor. Er ist seit 1. Juli der neue Kultur-Chef des Bayerischen Rundfunks, zuständig für BR2, BR Kultur und die Orchester. Als Programmdirektor steht er für ein klares Statement: Wir brauchen kulturelles Leben. „Kultur ist nicht das Haupt-Corona-Risiko. Während eines Konzertes darf man ja nicht einmal reden.“ Er ist stolz, dass auch die BR-Abonnenten für den Fortbestand der Kultur einstehen. Statt in der letzten Saison ihr Entgelt zurück zu fordern, haben viele der regelmäßigen Konzertbesucher ihr Abo den Künstlern gespendet, 115000 Euro sind zusammengekommen.

Ein ganz besonderes Stück stammt aus dem Film „Mishima. A Life in Four Chapters“ über den japanischen Autor Mishima. Er inszenierte sein Leben als Gesamtkunstwerk, bis hin zu seinem Freitod durch ein öffentliches Samurai-Ritual. Unemotional wirkt die Musik, wie eine Skulptur, an deren Oberfläche sich Licht und Schatten abzeichnen. Repetitiv schwirren die Streicher im 6/8 Takt und erzeugen so eine schwebende Wirkung.

Dagegen scheint „A Summer Place“ von Max Steimer wie ein Gassenhauer. Es klingt nach Hollywood und den großen Gefühlen. Kein Wunder, dass das Stück sich neun Wochen an den Spitzen der Charts gehalten hat. Schon oft im Radio gehört, aber erst an diesem Abend wird uns klar, wie differenziert und fein getunt es ist.

Patrick Hahn, Foto: Donauer

Patrick Hahn macht in seinem Kurzinterview deutlich, was gute Filmmusik ausmacht: Sie muss selbstständig stehen können, muss ohne Bilder auskommen. Und umgekehrt den Filmbildern ihre Bedeutung geben. Wie in der Duschszene von „Psycho“. Der erst 25jährige Dirigent, Pianist und Komponist geht ab Sommer 2021 als Generalmusikdirektor nach Wuppertal, als jüngster in dieser Position bislang in Deutschland. Er gilt als Shootingstar in der Klassikszene und hat schon unter anderem mit den Münchner Philharmonikern, dem Gürzenich-Orchester Köln, der Dresdner Philharmonie und der Staatsoper Hamburg zusammengearbeitet.

Patrick Hahn hat ein Faible für Horror. Das Duschszenen-Stück aus Hitchcocks „Psycho“ gibt er daher mit besonderem Gruselfaktor. Man hört im hohen, dissonanten Geigenglissando schneidende Messer und schrille Schreie. Die nächsten Wochen wird zuhause wohl wieder einmal ohne Duschvorhang geduscht – so eindringlich ploppen die Bilder der Mordszene im Kopf auf, dass wir atemlos am Platz festfrieren.

Doch mit diesen Gefühlen will uns das Rundfunkorchester nicht nach Hause schicken. Als zum Dahinschmelzen schöne Zugabe gibt es Ennio Moricone, der kürzlich verstorbene Titan der Filmmusik. Sein „Gabriel´s Oboe“ aus dem Film „The Mission“ ist herzwärmend gespielt.  Das Oboenmotiv des Stücks zieht sich durch den ganzen Film, als wundervolles, versöhnliches Zeichen der Völkerverständigung. Die Botschaft des Abends ist so rund wie klar: Wir brauchen die Kunst. Auch gegen Hass und Ausgrenzung. Perfekt gelungen. Chapeau.

Barbara Hauter, 17. September 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

JOHN WILLIAMS (* 1932) „Essay for Strings“
BERNARD HERRMANN (1911–1975) „Fahrenheit 451“ Auszüge aus der Suite für Streichorchester, zwei Harfen und Schlagzeug
PHILIP GLASS (* 1937) „Mishima. A Life in Four Chapters“ Arr. für Streichorchester und Harfe: Michael Riesman Nr. 10: Runaway horses. Poetry written with a splash of blood
ERICH WOLFGANG KORNGOLD (1897–1957) Symphonische Serenade B-Dur, op. 39 für Streichorchester 2. Satz: Intermezzo. Allegro molto
MAX STEINER (1888–1971) „A Summer Place“ Thema (Arr.: Patrick Hahn)

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