Camilla Nylund bringt überwältigende Bayreuth-Atmosphäre nach Bremen

Musikfest Bremen: „Von Heldinnen und Helden“  Bremer Konzerthaus Die Glocke,  28. August 2025

Bremer Philharmoniker © Patric Leo

Musikfest Bremen: „Von Heldinnen und Helden“

Johannes Brahms   Akademische Festouvertüre op. 80

Richard Wagner   „Dich, teure Halle, grüß’ ich wieder“ (Arie der Elisabeth aus dem 2. Akt von „Tannhäuser und der Sängerkrieg auf der Wartburg“
„Starke Scheite schichtet mir dort“ (Brünnhildes Schlussgesang aus dem 3. Akt der „Götterdämmerung“, Dritter Tag des Bühnenweihfestspiels „Der Ring der Nibelungen“)

Richard Strauss  Sinfonische Fantasie (aus „Die Frau ohne Schatten“) „Tanz der sieben Schleier“
Schlussgesang aus „Salome“

Bremer Konzerthaus Die Glocke,  28. August 2025

von Dr. Gerd Klingeberg

Ein musikalisches 10-Minuten-Geschenk hat Brahms der Uni Breslau anno 1880 gemacht: Seine Akademische Festouvertüre war der Dank für die im Jahr zuvor ihm verliehene Ehrendoktorwürde. Als „recht lustig“ beschrieb er sie, ganz im Gegensatz zu seiner zeitgleich entstandenen „Tragischen Ouvertüre“: „Die eine weint, die andere lacht.“
Die Bremer Philharmoniker wollen indes nur  „lachend“ starten in ihr Musikfest-Konzert. Und genau dies tut das mit großem Aufgebot unter der Leitung von Chefdirigent Marko Letonja angetretene Orchester. Mit gehörigem Schwung geht es zur Sache; die Melodien der lustigen Studentenlieder, die Brahms seinem Werk zugrunde gelegt hat, sind in der rasant dargebotenen Vielstimmigkeit des Werkes problemlos hörbar. Aber der Clou kommt, wie so oft, am Ende, nämlich mit dem mit viel Pauken und Blech geradezu apotheosenhaft breit intonierten „Gaudeamus igitur“.

Da geht das Herz auf, da kommen manche nostalgisch verbrämten Erinnerungen an das eigene Studium – selbst wenn man niemals einer studentischen Verbindung angehört haben mag.

Emphatischer Begrüßungsjubel

Damit ist indes der Spaß vorbei, Schluss mit lustig! Denn jetzt präsentiert sich mit der in Finnland gebürtigen Camilla Nylund eine auch auf den großen Bühnen der Welt gefragte Sängerin, die sich schwerpunktmäßig als „Dramatischer Sopran“ etabliert hat. Da liegt es nahe, dass sie ein gerüttelt’ Maß an Bayreuth-Atmosphäre mitbringt.

Nylund eröffnet mit der Arie der Elisabeth „Dich teure Halle, grüß’ ich wieder“ (aus dem 2. Akt der Wagner-Oper „Tannhäuser“). Vom ersten Ton an zieht sie die volle Aufmerksamkeit des Auditoriums auf sich. Was für eine Stimme! Kraftvoll, mit imposantem Fundament; vielleicht ein bisschen schrill beim Fortissimo im höchsten Diskant, aber damit kann sie sich problemlos durchsetzen gegen das groß aufspielende Orchester. „Froh grüß’ ich dich, geliebter Raum!“ singt sie, und jubelt emphatisch: „Du, teure Halle, sei mir gegrüßt!“. Eigentlich spricht nichts dagegen, dass die Bremer diese grandiose Begrüßung auch auf den Glockensaal beziehen können.

Bremer Philharmoniker, Camilla Nylund © Patric Leo

Von einem derartigen Vergleich kann nachfolgend jedoch keinerlei Rede mehr sein. „Starke Scheite schichtet mir dort“ heißt es in Brünnhildes Schlussgesang aus dem 3. Akt der „Götterdämmerung“. Die orchestrale Moll-Einleitung kommt düster, fast bedrohlich, wallt auf zu „hoch und hell lodernder Glut“. Der schwülstig theatrale Text und die nicht minder pompöse Musik ergänzen einander zum typisch dramatischen Gesamtkunstwerk nach Wagner’scher Intention.

Nylund geht geradezu auf in ihrer Rolle, wird zur leibhaftigen Brünnhilde, die die Götter anklagt, ihren Geliebten des Verrats bezichtigt und deren Wunsch es ist, gemeinsam mit Siegfrieds Leiche  auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Das ist Drama pur. „Ruhe, ruhe, du Gott!“ wünscht sie dem Ungetreuen – und es ist einer von vielen Gänsehautmomenten, bei dem Nylund mit stark zurückgenommener Stimme zu hintergründig sanften, hymnischen Posaunenlegatos und tiefen Streicherharmonien das Publikum fasziniert und berührt.

Am Ende, beim langen gewaltigen Orchesternachspiel, steht sie regungslos da wie eine beeindruckend heroische silberfarbene Statue, die der Welt entrückt scheint. Und wird bereits jetzt, vor der Pause, frenetisch gefeiert.

Genüssliches Schwelgen in überwältigender Klangdichte

Opulente Klangkumuli sind auch zuhauf im zweiten Teil des Konzerts zu erleben. Die Sinfonische Fantasie (aus: „Die Frau ohne Schatten“) von Richard Strauss erinnert mit ihrer motivischen Fülle streckenweise an die Bildhaftigkeit seiner „Alpensinfonie“. Doch diesmal bleibt es jedem Zuhörer überlassen, der eigenen Fantasie freien Lauf zu lassen in dem gewaltigen, außerordentlich geschickt instrumentierten Werk, das Letonja und die Philharmoniker in seiner schier unendlichen Tiefe ausloten.

Ganz großes Kino ist es, genüssliches Schwelgen in tonaler Üppigkeit, in vereinnahmender, komplex strukturierter Klanggewalt mit oft fließenden Konturen, die Letonja durch sorgfältige Akzentuierung und Momente kurzen Innehaltens transparent werden lässt. Schlichtweg überwältigend!
Nur wenig Fantasie braucht es auch, um beim „Tanz der sieben Schleier“ die schwülstig-erotische, von hochgradiger Spannung durchdrungene Atmosphäre nachzuerleben: Salome, die Tochter des Herodias ist es, die tanzt – und dabei das Haupt von Jochanaan, Johannes dem Täufer, fordert.

Man kann dieses in der Bibel erwähnte Ereignis kaum jemals noch unberührt nachlesen, wenn man zuvor Nylunds Version des fast schon ins Irrsinnige gesteigerten Schlussgesangs der Salome erlebt hat. Diese über die Maßen dramatische Mischung aus Spott, wilden Rachegelüsten, ungestilltem Verlangen und verschmähter Liebe, dazu der groteske Wunsch einer Wahnsinnigen, die Lippen des geköpften Propheten zu küssen: es ist eine Partie, die von der Sopranistin vollen Stimm- und Körpereinsatz sowie und vom Orchester einen Tsunami an überbordender Klangdichte erfordert.

Bremer Philharmoniker, Camilla Nylund © Patric Leo

Kalte Schauer laufen einem über den Rücken bei der „geheimnisvollen Musik“, die in gruftig-düsterem Pianissimo vermittelt, das „Geheimnis der Liebe sei größer als das Geheimnis des Todes“. „Ich habe ihn geküsst, deinen Mund!“, heißt es am Ende. Gleißender Klang erfüllt den Raum, letzte zuckende Turbulenzen verkünden vom Tod Salomes. Eine gruselige, faszinierende Performance, bei der die Akteure alles gegeben haben – und noch einiges mehr!

Allesamt werden sie erneut vom Publikum mit Bravo-Rufen und lang anhaltendem Beifall begeistert bejubelt. Nach diesem ungemein fulminanten Finale versteht es sich quasi von selbst, dass eine wie auch immer geartete Zugabe keinen Platz mehr hat.

Dr. Gerd Klingeberg, 29. August 2025, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Liederabend Camilla Nylund, Sopran Helmut Deutsch, Klavier Staatsoper Unter den Linden, Berlin, 3. Oktober 2024

Auf den Punkt 38: Vier letzte Lieder MUK Lübeck, 15. Dezember 2024

Hamburger Camerata, Christian Reif, Dirigent, Camilla Nylund und Angélique Kidjo Elbphilharmonie Hamburg, 21. März 2024

Herzenslieder aus Amerika und Afrika Elbphilharmonie, 21. März 2024

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