Schrill, düster und explosiv – François Xavier Roth mit dem NDR Elbphilharmonie Orchester beim Festival „Greatest Hits“

Foto: Thies Raetzke (c)
Elbphilharmonie Hamburg
, Großer Saal, 30. November 2018
NDR Elbphilharmonie Orchester
François Xavier Roth, Dirigent

von Sarah Schnoor

Freitagabend, es ist schon dunkel, kalt und, typisch für Hamburg, sehr windig. Wie jeden Tag strömen hunderte Menschen gleichzeitig in die Elbphilharmonie. Viele kommen das erste Mal in den Großen Saal und wissen nicht, was auf sie zukommt. Kleine Kinder mit ihren Eltern, Touristen, aber auch Fans von Neuer Musik und dem immer beliebter werdenden Dirigenten François Xavier Roth.

Das Programm mit Musik von Boulez, Berio und Varèse deckt sechs Jahrzehnte Musikgeschichte ab und wird mit dem Begriff zeitgenössische Musik zusammengefasst. Was im Theater moderne Klassiker sind, wird hier „Greatest Hits“ genannt. In der Neuen-Musik-Szene sind diese Stück schon lange keine Neuheiten mehr.

Das Konzert beginnt mit Pierre Boulez „Figures – Doubles – Prismes“. Die Instrumentalisten des NDR Elbphilharmonie Orchesters sind auf der Bühne in verschiedene Gruppen aufgeteilt. Boulez orientierte sich bei Form, Aufbau und musikalischer Ausgestaltung an vieler seiner Vorgänger, von Bach über Berg bis Varèse. Interessant ist, dass die Akustik der Elbphilharmonie dazu beiträgt, dass die Musik zwar einen räumlichen Klang entfalten kann, schließt man aber die Augen, so kommt es einem vor, als schwirren die Klänge der verschiedenen Gruppen um einen herum. Effekte wie nacheinander von links nach rechts erklingendes Schlagwerk werden von der Transparenz der Akustik allerdings unterstützt. „Figures – Doubles – Prismes“ zeichnet sich durch explosive Ausbrücke mit ruhigen Zwischenteilen, Überlappungen von Klängen und asymmetrischer Rhythmik aus. Roth dirigiert die vielen Taktwechsel sehr klar, findet allerdings selbst bei Boulez einen tänzelnden Schwung, sodass man sich beim Mitwippen zu abstrakt klingender Musik ertappt, bis sie einen plötzlichen Tod stirbt.

Nach einer langen Umbaupause sind fast alle Zuschauer zurück im Saal. Nun kommt Antoine Tamestits (Viola) solistisch zum Einsatz. Berios „Voci (Folksongs II)“ ist wesentlich eingängiger. Das Werk basieren auf sizilianischer Volksmusik, wobei die Viola die Stimme ersetzt. Auch hier ist der Bühnenaufbau wieder spannend. Die erste Gruppe Musiker sitzen in zwei Halbkreisen um den Dirigenten und Solisten herum. Ein dritter Halbkreis, die zweite Gruppe, sitzt am hintersten Bühnenrand. Raumeffekte, ein hin und her von Melodien zwischen den Gruppen, Transformation von der Musik soll so sicht- und hörbar gemacht werden. Allerdings stellt sich die Ortung von Klangherkünften in diesem Saal als schwierig heraus. Hört man zwar klar, welches Instrument spielt, herauszufinden, wo der Spieler sitzt, dauert eine Weile. Das Ohr spielt einem Streiche, da das auditiv entstehende Bild des Orchesters ein anderes ist als das visuelle.

Antoine Tamestits Viola-Spiel ist äußerst virtuos. Geschickt wechselt er zwischen Flageoletttönen, Doppelgriffen und verschiedenen Bogentechniken hin und her. Die Atmosphäre wechselt schnell zwischen Bedrohlichkeit, folkloristisch gefärbter Melancholie, Aufbrausen und Fiddle-artigem Tanz hin und her.

Nach der zweiten Pause haben sich die Zuschauerränge etwas gelichtet, aber das anwesende Publikum bleibt aufmerksam dabei. Diese Musik fordert sie auch, die Aufmerksamkeit. Edgard Varèses „Arcana“ ist schmerzhaft schrill. Das große Orchester mit drei Piccolos, viel Blech und zahlreichen Schlaginstrumenten füllt die Bühne. Fanfaren, marschartige Musik mit Glockenspielen und eruptive dissonante Ausbrüche werden von kurzen ruhigen Passagen unterbrochen. Spiralförmig drehen sich die Themen um sich selber, werden immer weiter entstellt, immer lauter. Und doch endet das Stück mit unerwartet ruhigen Klängen.

Nach kurzem Innehalten von Roth gibt es großen Applaus für Orchester und Dirigenten. Ein gelungener, konzentrationsreicher Abend mit einem hervorragend präzise und sauber spielenden NDR Elbphilharmonie Orchester!

Pierre Boulez, Figures – Doubles – Prismes (1957-58)
Luciano Berio, Voci (Folksongs II) für Solo-Viola und zwei Instrumentalgruppen (1984)
Edgard Varèse, Arcana (1925-27)

Sarah Schnoor, 1. Dezember 2018, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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