Einzig Anna Vinnitskayas Glanz verhilft dem WDR Sinfonieorchester über eine mittelmäßige Aufführung hinweg

WDR-Sinfonieorchester, Kölner Philharmonie, 30. November 2018

Foto: © Marco Borggreve
WDR-Sinfonieorchester, Kölner Philharmonie, 30. November 2018

Andris Poga, Dirigent
Selina Ott, Trompete

Anna Vinnitskaya, Klavier
WDR Sinfonieorchester

André Jolivet
Concertino (1948) für Trompete, Streichorchester und Klavier
Sergej Rachmaninow
Konzert für Klavier und OrchesterNr. 3 d-Moll, op. 30 (1909)
Richard Strauss
Also sprach Zarathustra op. 30

Von Daniel Janz

Diesem Abend fehlte es deutlich an Zauber. Was sich auf dem Papier als vielversprechende Veranstaltung las, entpuppte sich in der Praxis leider als Aneinanderreihung kleiner und mittlergroßer Enttäuschungen. Angefangen bei der kurzfristigen Programmänderung bis hin zu einem Hauptwerk, bei dem der Funke einfach nicht überspringen wollte – dieser Abend wurde zum Paradebeispiel dafür, wie es  das WDR-Sinfonieorchester in Zukunft lieber nicht machen sollte.

Wer die Berichterstattung vom WDR-Sinfonieorchester auf Homepage und Facebook verfolgt hatte, dem war bekannt, dass Selina Ott, 30 Jahre, erst kürzlich als erste Frau den ARD-Musikwettbewerb im Fach Trompete gewonnen hatte. Auch ihr zur Würdigung wurde das Programm kurzfristig umgestellt: Anstelle des Vorspiels aus Richard Wagners „Meistersänger von Nürnberg“ stand an diesem Abend die 1948 fertiggestellte Komposition von André Jolivet – einem in Deutschland eher unbekannten französischen Komponisten der Moderne – auf dem Programm.

Kernprinzip dieses Solowerks für Trompete ist die Variationskunst – eine Methodik, die sich in der klassischen Musik schon seit der Renaissance bewährt hat. Hier wird zunächst ein Thema vorgestellt, das dann in unterschiedlichen Teilen im Rhythmus, in der Harmonik oder der Dynamik variiert wird. Insofern unterscheidet sich diese Konzeption nicht von Werken alter Klassiker, wie Bach, Beethoven oder Brahms.

© Daniel Delang

Neumodisch ist aber die Klangsprache. Der französische Komponist würzte bereits die ersten Töne derart schrill, dass kein Eindruck von Langeweile entsteht. Hier gliedert sich das Spiel der 1998 in Krems, Niederösterreich geborenen Selina Ott nahtlos ein. Mit mal schneidendem, mal glasklarem Klang erfasst sie das Wesen jeder der 5 Variationen. Der Einsatz verschiedenster Dämpferarten belebt ihr ohnehin schon tadelloses Spiel. So gelingt es ihr, einzig durch ihr Auftreten zu ergreifen und auch von der Legitimität ihres Preises zu zeugen. Ihre große  Klasse muss man jedenfalls neidlos anerkennen.

Dasselbe lässt sich über das vorzutragende Werk allerdings nicht sagen. Es überwiegen atonale oder kratzige Töne des Streicherapparats. Einwürfe des Klaviers wirken regelrecht chaotisch, erkennbare, melodische Form fehlt genauso, wie der Eindruck von Harmonie oder Wohlwollen. Kaum auszudenken, was der Komponist veranstaltet hätte, wenn er der Komposition noch weitere Begleitinstrumente gewährt hätte. Auch das Variationsprinzip muss wohl den meisten Gästen, die nicht vorher ausgiebig das Programmheft studiert haben, völlig unerkannt bleiben.

Am Ende verwundert es nicht, dass der Name Jolivet nicht häufiger auf dem Programm steht. Solch ein Werk erduldet man als gewöhnlicher Zuhörer halt, im Kern ist es aber etwas für Spezialisten und Liebhaber. Dafür einen Wagner ausfallen zu lassen, ist jedenfalls schon arg enttäuschend.

Über jegliche Enttäuschung erhaben ist das Spiel von Anna Vinnitskaya, 35 Jahre, aus Novorossiysk in Russland. Die heutige Professorin für Klavier an der HfMT Hamburg gibt an diesem Abend das dritte Klavierkonzert von Rachmaninow zum Besten. Dieses Werk wurde bereits zur Uraufführung 1909 in New York mit Superlativen, wie „Elefantenkonzert“, „unspielbar“ oder „das Konzert mit den meisten Noten pro Sekunde“ übersät. Auch heute noch gilt es als Herausforderung für jedes gestandene Orchester und ist sicherlich eines der schwierigsten Klavierstücke überhaupt.

Neben der ungeheueren virtuosen Herausforderung besteht die größte Kunst darin, den Zuhörer bei diesem mit 40 Minuten fast zu langen Werk nicht in Langeweile abdriften zu lassen. Das gelingt der gebürtigen Russin mit Bravour.

Andris Poga © Marc Ginot

Während die Orchestermusiker sich immer mal wieder von ihrem Gastdirigenten Andris Poga (38) loszureißen scheinen, übertrumpft die Solistin das komplette Ensemble. Ob durch klassisch, gesangliche Phrasen zu Beginn, verträumte Elegien in der Mitte oder das marschartige Finale – Anna Vinnitskayas Spiel ähnelt eher einem Tanz über die Tasten, als harter Arbeit.

Besonders der dritte Satz ragt heraus. Hier greifen Solistin und Orchester wie Zahnräder ineinander. Untermalt vom vollen Orchester und gekrönt mit wohlbedachten Beckenschlägen spielen sie alle zu einem furiosen Finale auf, dem tosender Applaus, zahlreiche Bravorufe und vereinzelt sogar Stehende Ovationen folgen. Dass Anna Vinnitskaya daraufhin eine intime Zugabe mit Gänsehautgefühl gibt, ist wohl auch als dankbare Antwort zu verstehen. Hier schmilzt das Klavier unter ihren Fingern noch einmal regelrecht dahin. Dieser Abschied bildet ein Bad im Fluss der Gefühle für ein Publikum, das sie sicherlich jederzeit wieder gerne empfängt.

Bedauerlicherweise bildet dieses Klavierkonzert jedoch nicht den Auftakt zu einem großartigen Konzert, denn mit Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“ erzeugt das Ensemble im Anschluss leider einen einzigen großen Wehrmutstropfen. Der Komponist setzte 1896 mit dieser Monumentalkomposition der Geschichte um den Religionsstifter Zarathustra aus dem Buch von Friedrich Nietzsche ein musikalisches Denkmal. In ihr durchlebt der Mensch verschiedene Stationen des Erkenntnisgewinns auf der Suche nach dem Sinn des Lebens, nur um an Ende daran zu verzweifeln.

Leider könnte man auch an der Leistung des Orchesters verzweifeln. Der anfängliche Eindruck aus dem Klavierkonzert, dass der Gastdirigent Andris Poga aus Lettland die Musiker nicht im Griff hat, manifestiert sich hier deutlich. Es passt einfach vorne und hinten nicht – das Tempo erscheint regelmäßig schlecht gesetzt – Beginn, Mittelteil, Schluss – ganze Passagen wirken wie durchgerannt. Dafür gestalten sich aber Effekte, wie die zerstörerische Posaunenfanfare im Abschnitt der „Freuden und Leidenschaften“, das Tanzlied gegen Ende der Komposition oder eigentlich lebhaft zu spielende Holsbläserfiguren häufig zu langsam und undynamisch.

Auch das Orchester selber wirkt nicht aufeinander eingespielt. Die Klarinetten erreichen beispielsweise beinahe durchgängig eine so hohe Lautstärke, dass sie die restlichen Instrumente regelrecht dominieren. Hier noch Klänge von Flöte, Oboe oder einen harmonierenden Gesamtklang wahrzunehmen, gestaltet sich stellenweise als unmöglich. Gleiches gilt auch für die Harfen und Streicher, die immer mal wieder untergehen. Wenn das Absicht ist, handelt es sich hier schon um eine sehr eigenwillige Interpretation.

Es ist damit auch selbstverschuldet, dass der Applaus am Ende deutlich zurückhaltender ausfällt als beim Klavierkonzert. Man ist in Köln Besseres gewohnt – gerade vom Paradeorchester des WDR. Insgesamt konnten sich Feuer oder Dramatik, für die diese Komposition eigentlich berühmt ist, dank dieser zähen Performance, nur selten entfalten. Es wäre deshalb gut daran getan, wenn sich Orchester und Dirigent in Zukunft am Beispiel von Anna Vinnitskaya orientieren würden. Sie hat jedenfalls an diesem Abend gezeigt, wozu Musik in der Lage sein kann.

Daniel Janz, 1. Dezember 2018, für
klassik-begeistert.de

Ein Mitschnitt dieses Konzertes ist hier bis zum 30.11.2019  verfügbar

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