Frühlingsgefühle im norddeutschen Winter: Mit Krzysztof Urbánski, dem NDR Elbphilharmonie Orchester und Vadim Gluzman in der Elbphilharmonie Hamburg

NDR Elbphilharmonie Orchester, Vadim Gluzman, Stefan Wagner, Krzysztof Urbánski,  Elbphilharmonie Hamburg, 21. Februar 2019

Foto: Krzysztof Urbánski, © Marco Borggreve
Elbphilharmonie Hamburg
, Großer Saal, 21. Februar 2019
NDR Elbphilharmonie Orchester
Vadim Gluzman, Violine
Stefan Wagner, Violine (1. Solostimme im Konzert von Vivaldi)
Krzysztof Urbánski, Dirigent

Antonio Vivaldi: Concerto a-Moll op. 3 Nr. 8 RV 522 für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo
Peter Iljitsch Tschaikowsky: Konzert für Violine und Orchester D-Dur op. 35
Felix Mendelssohn Bartholdy: Sinfonie Nr. 4 A-Dur op. 90 „Italienische“

von Guido Marquardt

Tschaikowsky vertrieb einst am Genfer See mit dem Violinkonzert seine Depressionen. Mendelssohn Bartholdy blies in Italien den schottischen Nebel fort. Und Krzysztof Urbánski treibt dem Publikum in der Elbphilharmonie den grauen Hamburger Winter aus.

Manchmal erschließt sich die Zusammenstellung eines Konzertabends sofort. Manchmal ergibt alles später einen Sinn, wenn man das Gehörte Revue passieren lässt. Und manchmal bleibt man ein wenig ratlos zurück. Wenn das Letztgenannte passiert, ist nicht selten Barockmusik mit im Spiel. Um das sofort klarzustellen: Der Autor dieser Zeilen schätzt Barockmusik über alle Maßen. Doch trotzdem – oder gerade deshalb – findet er es besonders schade, wenn der Eindruck entsteht, dass ein Stück von (häufig) Bach oder (wie in diesem Falle) Vivaldi noch mit dazu genommen wurde und man wenig mehr an Grund findet als das offenkundige Motiv, einem Solisten Gelegenheit zum Warmspielen zu geben.

Gerade Barockmusik profitiert von einer klar akzentuierten, schnörkellosen Interpretation und einer wohldosierten Steuerung durch unterschiedliche Lautstärken. Und gerade so ein Doppelkonzert für zwei Solisten wäre doch auch eine schöne Gelegenheit, mal ein wenig die Muskeln spielen zu lassen, sich gegenseitig quasi die Waffen zu zeigen und doch am Ende auf einen gemeinsamen Nenner zu kommen.
An diesem Abend aber dominierte eher die respektvolle Umarmung. Konzertmeister Stefan Wagner war sichtlich bemüht, seinem Gegenüber, dem Gastsolisten Vadim Gluzman, ein kommoder Partner zu sein. Auch das 20-köpfige Ensemble, noch ohne Dirigent, setzt da keine großen Akzente, lässt anfangs im Allegro auch mal ein paar Fehltöne hören. In einer gewissen Kuscheligkeit, vielleicht mit Vorausgriff auf die folgenden Programmpunkte eher weich und tendenziell romantisch interpretiert, ist ein Stück wie dieser Vivaldi dann doch arg brav und – bei allem Respekt – ein bisschen entbehrlich. Aber hörbar ist durchaus auch, dass über das Larghetto bis hin zum Dritten Satz, wiederum Allegro, eine Steigerung da ist. Nun wohlan, wir sind bereit!

Und beim Tschaikowsky geht es dann auch gleich ganz anders zur Sache, nun mit voller Konzertbesetzung und unter ansteckend lebendiger Leitung von Krzysztof Urbánski. Ganz sanft und gefühlvoll beginnt das Orchester, während im ersten Part der Solo-Violine gleich viel Druck und Vibrato im Spiel sind. Die berühmten (und zunächst fast ebenso berühmt verrissenen) derben, rustikalen, folkloristischen Klänge des dritten Satzes deutet Gluzman hier bereits im Kopfsatz an, den er technisch makellos, mutig und wirklich packend ausgestaltet.
Richard Burton, auch als Shakespeare-Darsteller durchaus zu einigem Ruhm gelangt, sagte ja einst über seinen Kollegen Paul Scofield, dass diesem von den zehn besten Theater-Momenten acht gehörten. Entsprechend könnte man über dieses Tschaikowsky-Werk auch sagen, dass von zehn großen Momenten acht der Solo-Violine gehören. Aber wie bei einem Shakespeare-Stück, so gilt natürlich auch hier: Ohne das Ensemble kann der Solist nicht glänzen. Und da finden Gluzman und das NDR Elbphilharmonie Orchester wunderbar zusammen, übertönen und überdecken sich nicht, sondern werfen sich im hohen Tempo immer wieder gekonnt die Bälle zu. In den Tutti dominiert ein volles Klangbild, werden die großen Bögen schwelgerisch ausgestaltet, ohne dabei zu breit zu geraten. Die Solo-Violine setzt dagegen immer wieder kantige Akzente, klingt auch mal etwas heiserer, aber stets sehr lebendig. Es ist natürlich auch der Komposition zu verdanken. Tschaikowsky komponierte das Werk im Euphorierausch nach persönlicher Krise – und mit Blick auf den von ihm nicht nur musikfachlich umschwärmten Geiger Josef Kotek, dem er hier wohl auch ein Stück auf den Leib geschrieben hat.

Auch im langsameren, schon fast klischeehaft russisch-melancholischen Zweiten Satz, der Canzonetta, bleibt die volle Spannung erhalten. Hier ist insbesondere der Beginn hervorzuheben, in dem die Hörner in ihrem sanften Überführen zum Einsatz der Solo-Violine einen magischen Moment kreieren. Auch der „Wechselgesang“, den die Klarinetten und die Violine anstimmen, gerät ganz vorzüglich.
Apropos Spannung: Es ist eine interessante Frage am Rande, was eigentlich die Solisten tun, wenn sie gerade Pause haben. Die Orchestermusiker haben es in Spielpausen leicht, sie sitzen ja, und außerdem verteilt sich die Aufmerksamkeit auf viele Köpfe. Ein Solist hingegen kann in meditativer Erstarrung verharren oder in gespielter Gelassenheit den Routinier mimen – oder er kann die Bewegung des Orchesters sichtbar nachempfinden, kleine Schritte und Schwünge machen. Nicht wie ein zweiter Dirigent, natürlich! Aber es war einfach erfrischend zu sehen, wie sehr Gluzman diese Musik auf der Bühne er- und durchlebte. Nicht aufgesetzt, sondern ganz natürlich.

Im Finale, nicht einfach Allegro, sondern Allegro vivacissimo, geht es gar nicht so derb zu, wie Zeitgenossen es wohl empfunden haben mochten. Das Virtuosentum der Solo-Violine steht hier natürlich ganz im Vordergrund, es wird alles gezeigt, aber immer im Dienste des Werks. Es ist ein wenig wie im ersten Satz – nur eben alles noch mal einen Gang höher geschaltet. Wie viel Energie im Solisten steckt, mag man auch daran ermessen, dass er gegen Ende mehrfach mit dem Bein schwingt, mit dem Fuß auf den Boden stampft: Ja, das ist ein Statement! Große Begeisterung – und als kleine Zugabe noch etwas Solo-Violine von Bach. Das ist nun gar nicht mal verkehrt, denn es rückt, mit einigen interessanten Tempo-Variationen, den Eindruck des Vivaldi-Concertos doch nachträglich noch etwas zurecht. Hier klingt Gluzman durchaus nicht zu romantisch, sondern liefert einen kleinen Einblick in eine adäquate Bach-Interpretation.

Bei aller eingangs geäußerten Kritik an der Programmzusammenstellung muss auch festgehalten werden, dass es im fortgeschrittenen norddeutschen Winter natürlich kaum etwas Wärmenderes geben kann als solche Musik: Tschaikowskys am Genfer See geborenes Virtuosenkonzert und dann auch noch Mendelssohn Bartholdys „Italienische“. Da braucht man die Lichtdusche zuhause gar nicht mehr einzuschalten, da weht südlich-warme Luft durch den Saal, weckt die Lebensgeister und wischt die graue Kruste von der norddeutschen Seele.
Kommt hinzu, dass der Erste Satz von Mendelssohn Bartholdys Vierter Sinfonie ohne jeden Umweg seine Gassenhauer-Melodie hinausjubiliert.

Zu Beginn meint es Urbánski hier denn auch etwas arg gut mit der Attacke, doch nach sehr kurzer Zeit pendelt sich das Orchester in einem munteren, doch gut geölt-präzisen Rhythmus ein. Die Musiker legen vorbildlich offen, wie besonders, neu und konsequent der Komponist hier seinerzeit eine strahlende, frohe Atmosphäre schafft, indem er auf die tiefen Register bei den Streichern immer wieder verzichtet und stattdessen die Bläser für die klanglichen Grundierungsarbeiten abstellt. Das gerät vorzüglich transparent und leichtfüßig.
Überhaupt müssen an diesem Abend die Bläser hervorgehoben werden, die Präzision, Tempo und Esprit ins Gleichgewicht bringen. Genauer gesagt, sind hier die Holzbläser nochmals herauszuheben – und wenn wir dann noch eine Ebene präziser werden, räumen die beiden Oboen in dieser Vorstellung wirklich ab und man fragt sich, wie man je auf die Idee kommen konnte, diese Instrumente könnten bei aller „Näseligkeit“ nicht auch die kraftvolle und zugleich zarte Bestimmtheit erreichen, die man sonst vielleicht eher den Klarinetten zuschreibt.

Wie schon beim Tschaikowsky, gerät auch bei der „Italienischen“ der langsamere zweite Satz, Andante con moto, durchaus spannungsvoll. Con moto moderato, im dritten Satz, wackeln die Hörner kurz, doch ist auch dieser etwas unvermittelt endende Teil insgesamt gut gelungen. Im vierten Satz dann noch eine kleine Kostbarkeit: Das Saltarello, mit seiner kreiselnden, lauernden Bewegung. Die ganze Heiterkeit des Beginns, sie wird überschattet von einer gewissen Eintrübung. Die Streicher sorgen hier für Spannung, noch einmal dreht sich der Kreisel hoch – und dann ist die Ziellinie erreicht. Nicht nur Grieg und Tschaikowsky haben später diese Art des Streichereinsatzes übernommen, auch bis hin zu Filmmusiken der Gegenwart findet man diese musikalische Bewegungsillustrierung, das ist ein bis heute wohl vertrautes Klangbild.

Den stärksten Beifall erhält am Ende der Perkussionist – das ist auch durchaus verdient, die nuancierte Wucht, die der „Italienischen“ etwas Muskulatur gibt, ist auch das Verdienst des Schlagwerkers. Krzysztof Urbánski hat jederzeit das Orchester im Griff und zündet im Zweifelsfall lieber einen Funken zu viel als einen zu wenig. Da gerät dann manche schnellere Passage mal an den Rändern leicht wackelnd, doch unter dem Strich bleibt ein Abend, den man mit Fug und Recht als erfrischend und belebend bezeichnen kann.

Ein Tipp noch für künftige Besucherinnen und Besucher der NDR-Konzertreihe in der Elbphilharmonie: Einführungen können durchaus recht dröge geraten oder lediglich die Eitelkeit des Vortragenden demonstrieren. Liest man in diesem Zusammenhang hingegen den Namen von Julius Heile, so empfiehlt es sich unbedingt, diese halbe Stunde zu investieren. Mit vielen Hörbeispielen und Querbezügen auch zu anderen Werken und Komponisten, gelingt es Heile hervorragend, die Sinne zu schärfen und auf unterhaltsame Weise wertvolle Hintergrundinformationen zu geben. Einer solchen Einführung wünschte man bessere Zuschauerzahlen.

Guido Marquardt, 22. Februar 2019, für
klassik-begeistert.de

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