Tugan Sokhiev verleitet das Orchestre de Paris zu symphonischen Höhenflügen

Orchestre de Paris, Tugan Sokhiev, Vadim Gluzman,Philharmonie de Paris, 02. Oktober 2019

Foto: Philharmonie de Paris, Grande salle Pierre Boulez © W. Beaucardet

Philharmonie de Paris, Grande salle Pierre Boulez
02. Oktober 2019

Orchestre de Paris
Dirigent: Tugan Sokhiev
Violine: Vadim Gluzman

Johannes Brahms, Violinkonzert D-Dur op. 77
Sergei Prokofjew, Symphonie B-Dur op. 100

von Lukas Baake

Nachdem Daniel Harding das Orchestre de Paris zum Ende der vergangenen Saison nach nur drei Jahren als Chefdirigent verlassen hat, findet nun ein Schaulaufen der Extraklasse in der Pariser Philharmonie statt. Das Orchester bestreitet die Saison 19/20 zwar ohne Chefdirigenten, dafür wurden jedoch zahlreiche hochkarätige Maestri eingeladen. Die potentiellen Kandidaten auf den begehrten Posten an der Seine können so Orchester sowie Publikum kennenlernen und für sich werben, ehe am Ende der Saison die Entscheidung fällt, wer Harding beerben wird. Das Angebot kann sich sehen lassen: Nachdem Karina Canellakis die Saison eröffnet hat, werden noch unter anderem Pablo Heras-Casado und François-Xavier Roth erwartet.

Nun fand Tugan Sokhiev, dessen aktuelle Wirkungsstätte das Moskauer Bolschoi-Theater ist, nach Paris. Das Programm war vielversprechend: Zwei Werke, die als Meisterwerke ihrer Gattung und Zeit gelten.

Begonnen wurde mit Brahms‘ Violinkonzert. Der erste Satz überzeugte von Beginn an. Die Tempi waren klug gewählt und die Dynamik orientierte sich sinnvoll an der musikalischen Dramatik. Schon im siebzehnten Takt, wo tremolierende Streicher vom ersten Thema wegführen, ließ Sokhiev die Streicher ins Volle gehen. Diese Passage ließ eher an die Eiseskälte eines Moskauer Winters als an die sommerliche Atmosphäre des Wörthersees denken, an dem Brahms das Werk 1878 komponiert hat.

Wer genau hinschaute, hat bemerkt, dass Sokhiev während des Stückes zahlreiche Musiker oder Instrumentengruppen korrigiert. Er fordert eine forschere oder sensiblere Dynamik, eine andere Phrasierung oder einen tieferen Ausdruck. Böse Zungen könnten behaupten, dass sich hier fehlende Probenzeit bemerkbar macht. Andererseits könnte man sagen, dass sich der Dirigent nicht auf dem Erarbeiteten ausruht, sondern auch noch im Konzert darum bemüht ist, sein Klangideal zu erreichen.

Foto: Vadim Gluzman. © Marco Borggreve

Der Solist des Abends Vadim Gluzman meisterte die technischen Finessen und Tücken des Werkes ohne weitere Probleme. Der Klang seines Instruments ist warm, offen und voll. Besonders gelungen war die Solokadenz am Ende des ersten Satzes. Virtuos und durchsichtig arbeitete er die Verarbeitungen der Motive heraus, ausdrucksstark und gefühlvoll intonierte er die musikalischen Ornamente. Die Klasse dieser Passage ließ sich auch an der Stille im Publikum ablesen, das sonst eher durch das Produzieren eines permanenten Hustens aufgefallen ist.

Ein besonderes Kleinod der Aufführung stellte der zweite Satz dar. Das lyrisch schmachtende Hauptthema wurde unvergleichlich sensibel von den Holzbläsern eingeführt und auf ähnliche berückende Weise von der Solovioline aufgenommen und verarbeitet. Auch der tänzerische dritte Satz gelingt.

Die Aufführung des Brahms‘schen Violinkonzerts war gut bis sehr gut, was angesichts der Klasse von Orchester, Dirigent und Solist auch keine große Überraschung war. Jedoch war es kein existenzielles Musizieren, das viel wagt und riskiert. Entsprechend abgeklärt und unaufgeregt war der Applaus des Publikums. Der große Moment blieb aus.

Dieser ereignete sich dann mit Prokofjews 5. Symphonie. Hier versprühte Sokhiev pure Freude am Musizieren, die sich ohne Weiteres auf die Orchestermusiker übertrug. Dass der Dirigent mit Prokofjew aufblüht, war keine Überraschung. So hat er bereits in seiner Zeit als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters in Berlin unter Beweis stellen können, dass der Komponist zu seinen Steckenpferden zählt.

Foto: Tugan Sokhiev. © Patrice Nin

Das ganze Stück ist breit angelegt, dies gilt vor allem für den epischen ersten Satz. Da kann es schnell passieren, dass ein ungenaues Dirigat die einzelnen Passagen auseinanderfallen lässt und in einen unübersichtlichen Flickenteppich verwandelt. Sokhiev hingegen konnte aus der Partitur einen bebenden Organismus formen, in dem analytische Schärfe und expressive Kraft gleichberechtigt zum Ausdruck kamen.

Der spielerisch-tänzerische, aber gleichzeitig trügerisch-schmerzhafte zweite Satz wurde im idealen Kontrast zum Kopfsatz leichtfüßig und mit ungestümer Energie vorgetragen. Auch hier ist wieder die herausragende Leistung der Holzbläser hervorzuheben. Der dritte Satz zeichnet sich durch eine hochinteressante Rhythmik und durch dramatische Tiefe aus. Sokhiev wählt zu Beginn ein schleppendes Tempo, seziert den Satz förmlich und arbeitet so die musikalische Entwicklung und die Charakteristika des Stücks akribisch heraus.

Später, im vierten Satz, lässt er die Stimmung urplötzlich umschlagen: Das Tempo wird angezogen, die Klarinetten intonieren fiebrig-halluzinierend über die in den tiefen tremolierenden Celli, ehe sich ein akzentuiertes Tutti Bahn bricht. Grandios!

Sokhiev hat ohne Zweifel einen bleibenden Eindruck bei Orchester und Publikum hinterlassen und dürfte bei der Wahl des zukünftigen Chefdirigenten des Orchestre de Paris in der engeren Auswahl stehen.

Lukas Baake, 05. Oktober 2019, für
klassik-begeistert.de

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