Junge, komm bald wieder!

Oslo Philharmonic, Klaus Mäkelä,Jean Sibelius Sinfonien Nr.3 und 5  Elbphilharmonie, 1. Juni 2022

Foto: Oslo Philharmonic / Klaus Mäkelä (c) Daniel Dittus

Elbphilharmonie, 1. Juni 2022

Oslo Philharmonic
Klaus Mäkelä

PROGRAMM

Jean Sibelius
Sinfonie Nr. 3 C-Dur op. 52

– Pause –

Jean Sibelius
Sinfonie Nr. 5 Es-Dur op. 82

Zugabe:

Jean Sibelius
Lemminkäinen zieht heimwärt / aus: Lemminkäinen-Suite op. 22

von Harald Nicolas Stazol

Danke, Oslo. Danke, Helsinki. Danke, Klaus Mäkelä.

 Was haben wir also in den letzten drei Tagen gelernt, an denen die Abende nachwirkten, die sich zum Sommer anschicken, über Jean Sibelius? Über Wunder, und über Wunderkinder?

Dass in der Elphi alles möglich ist: Sieben Symphonien, eine die andere im dankenswerten Wechsel ergänzend, ein Lebenswerk eines Mannes von wahrer Seelentiefe und Leidensfähigkeit, eines Weisen wie Virtuosen, eines Weltgeistes, einer Haltung, und einer Vision. Eines, der wenn schon an nichts mehr glaubte, dann an die Musik.

Verhältnismäßig wenig hat Sibelius geschrieben, und verhältnismäßig wenige kennen oder verstehen ihn. Man braucht Anleitung von kundiger, verständiger, ja liebender Hand.

Und so haben uns die Oslo Philharmonics an die Hand genommen, unter den Händen jenes Dirigenten, Mäkelä, in dem wohl so etwas wie Fügung ein Jahrhundertphänomen einem wirklich großem Talent in die Hände spielt, wie es mir in dieser Perfektion nicht erinnerlich ist.

Da ist er schon, am Abschiedsabend, und ja, ich werde sie vermissen, diese Hingerissenheit ob wogender Geigen, ob Tempi, die die Zeit stehen ließen, und lassen, denn schon flirrt ein finnischer Sommer in reichen Kornähren, dort ein dunkler, kühler Wald, so beginnt die 3., und sofort setzt wieder dieser „Sibelius-Effekt“ ein: Man vergisst sich geradezu. Aber ich vergesse mich: Im Anschluss dann dieser Walzersatz, heiter bis wolkig, der von Pizzicato zu immer wieder beachtlichem Klangsturm sich in Minuten, manchmal Sekunden, aufbäumen kann, festgehalten und gebändigt von einem Epheben, so nannte Athen Männer im kriegsfähigen Alter, nun, diese Ephebe schwebt…naja, er fährt also wieder Halfpipe auf seinem Board. Ich glaube, ich schicke ihm einen Helm und Knieschoner, nur zur Sicherheit! Und einen für die Erste Cellistin, Luisa Claire Tuck. Was uns direkt zu den Hornisten bringt – und dem Fagottsolo von Roman Resnzik: Endlich einmal alles perfekt!

Der letzte Satz der 5. aber ist der Abschiedsgruß „unserer“ Osloer, denn so fühlt es sich an, als seien sie in eine Stadt gereist, die ihrer Heimat gar nicht so unähnlich, und die Hamburger spüren es wohl auch, sonst kämen sie ja nicht Abend für Abend:

Ein wahres Abschiedsgeschenk: Ein langsamer Trauermarsch, der aus einem Violingeplänkel mit den Querflöten hervorgeht, wie ein Pulsschlag, der aber, als Fortentwicklung der 2. Symphonie, viel schneller an Kraft gewinnt, kurz bedrohlich wird, und dann, ich wünschte, ich könnte es besser beschreiben, in festem, ruhigen Takte zu einem Triumphmarsch wird.

Und es ist auch der Triumph des Klaus Mäkelä. Ich weiß nicht, wie oft es einem im Leben vergönnt ist, dem Sturm und Drang und Werden und Sehnen eines jungen Genies beizuwohnen.

Ich werde seine hoffentlich noch lange und fruchtbare Karriere mit hoffentlich noch langem, fruchtbaren, äußerstem Interesse verfolgen, denke ich noch,

da aber, nun hatten wir schon Tschüss gesagt, besinnt er sich, dreht sich – wie jeder gute Freund – noch einmal um, und gibt uns allen ein Abschiedsküsschen, fast aus dem Ärmel geschüttelt, „Läminkeinen zieht heimwärts“, bombastisch geradezu und rhythmisch so schwierig doch so meisterlich, und ja nun wirklich geschmackvoll-ironisch gewählt? Man wird sie wirklich vermissen.

„Reise wohl, mein junger Freund!“ hieße es im „Tod in Venedig“

In Hamburg heisst es:

Junge, komm bald wieder!

Harald Nicolas Stazol, 2. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und Klassik-begeistert.at

Oslo Philharmonic, Klaus Mäkelä, Jean Sibelius: Sinfonien Nr. 2 & 4 Elbphilharmonie, 31. Mai 2022

Oslo Philharmonic Klaus Mäkelä,Jean Sibelius Elbphilharmonie, 30. Mai 2022

Oslo Philharmonic Klaus Mäkelä, Dirigent Wiener Konzerthaus, Großer Saal, 22. Mai 2022

Ein Gedanke zu „Oslo Philharmonic, Klaus Mäkelä,Jean Sibelius Sinfonien Nr.3 und 5
Elbphilharmonie, 1. Juni 2022“

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