„Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, An der wir sterben müssen"

Passagen, Ballettabend, Bayerisches Staatsballet  Bayerische Staatsoper, München, 26. März 2022 Premiere

Foto: Serghei Gherciu

Bayerische Staatsoper, München, 26. März 2022     Premiere

Passagen
Ballettabend

von Frank Heublein

An diesem Abend findet die Premiere der Produktion Passagen des Bayerischen Staatsballets im Nationaltheater in München statt. Übergänge, in denen etwas in mir passiert, mit mir passiert. Der Ballettdirektor des Bayerischen Staatsballetts Igor Zelensky schreibt im Programm „Das Theater selbst ist Passage, ein Ort, wo sich Veränderungen und Verwandlungen erproben, erleben und anstoßen lassen“. Gut gesagt.

Passagen Affairs of the Heart Ensemble (c) S. Gherciu

Die erste Passage des Abends heißt „Affairs of the Heart“. Es ist eine Choreografie von David Dawson. Die Musik mit gleichem Namen stammt vom kanadischen Komponisten Marjan Mozetich und ist für Solo-Violine und Streicher geschrieben. Musikalische Schleifen, die sich in meinem Ohr verfangen. Musik, die sich in iterativen Wellen bewegt. Vor dem Hintergrund abstrakter Malerei der ins Blau Licht getauchten Bühne flirren die Tänzerinnen und Tänzer zur Musik. Formierungen erwachsen und vergehen schnell. Das Getanzte auf der Bühne ist ein anhaltender leichter Fluss. Gerade so wie ein Getreidefeld, das kurz vor der Ernte vom Wind in ständiger Bewegung gehalten wird. Das Solo von Shale Wagman ist beeindruckend. Fulminante kraftvolle hohe Sprünge. Energie, die sich unmittelbar auf mich überträgt.

Die zweite Passage ist eine Choreografie von Alexei Ratmansky zur Musik Bilder einer Ausstellung in der ursprünglichen Klavierfassung von Modest Mussorgski. Es erscheint mir als doppelte Ableitung. Die Musik stellt mir den Gang durch eine Ausstellung, Bilder in Noten gefasst vor. Der Tanz fühlt sich für mich an wie die Farben der Bilder, die vom Schwung der Malerinnenhand auf die Leinwand gebracht werden. Die Tänzer und Tänzerinnen tragen beige-gelb-durchsichtige Kostüme mit Farbflächen. Farben, die sich im Tanz verbinden. Sie kommunizieren miteinander, als ob die Malerin die Farbkompositionen abwägt. Prüft, wie die Kombinationen, Farben, Striche, Tupfer in die Harmonie eines Bildes gebracht werden. Der Bühnenhintergrund wird geprägt durch Ausschnitte von „Farbstudie – Quadrate mit konzentrischen Ringen“ von Wassily Kandinsky.

Passagen Bilder einer Ausstellung, Ensemble (c) W. Hoesl

Das letzte Bild der Bilder einer Ausstellung heißt „Das Heldentor (in der alten Hauptstadt Kiew)“. Würde Mussorgski für eine Komposition mit diesem Titel im hier und jetzt von Putin verhaftet werden? Tänzer und Tänzerinnen auf der Bühne kommen aus vielen Nationen, vereint im Tanz. Dieser Augenblick, die Musik, der Tanz führt mir die Absurdität, die Grausamkeit des Krieges zwischen Russland und der Ukraine vor Augen – durch die Schönheit, Eleganz und Harmonie des Tanzes. Beim Applaus tritt Kostümdesignerin Adeline André gekleidet in den ukrainischen Nationalfarben Gelb und Blau auf. Choreograph Alexei Ratmansky entfaltet eine ukrainische Flagge.

Passagen Bilder einer Ausstellung Ensemble (c) W. Hoesl

Die dritte Passage heißt „Sweet Bones’ Melody“. Marco Goecke choreografiert auf eine Musik der südkoreanischen Ligeti-Schülerin Unsuk Chin. Die Tänzer und Tänzerinnen werden zu Tönen, die tanzen. Ineinander, gegeneinander, attackierend, miteinander. Ich sehe die Musik. Bewegungen in Goeckes eigener rhythmischen kantiger Körpersprache. Spannungsgeladen. Pfeilschnell. Oftmals hyperaktiv. Der schwarze trockene Bühnenschnee zeichnet die Tanzbewegungen im exzellenten dunkelschwarzblau gehaltenen Licht des Udo Haberland wehend den Hall der Musik nach. Es macht mich atemlos, die Musik derart physikalisch vorgeführt zu erleben. Ich zucke beim unvermuteten plötzlichen Paukenschlag. Ich vibriere beim ziselierten Streichercrescendo. Welche dramatische Wucht das Schlagwerk entwickelt. Zuvorderst packt mich die Musik durch die Tänzer und Tänzerinnen an. Mich würde es nicht wundern, wenn mir im nächsten Augenblick etwas entgegenhüpft, ich physische Berührung spüre. Zwischen zwei Parts höre ich folgendes Gedicht.

Passagen Sweet Bones Melody Ensemble (c) C. Quezada

Else Lasker-Schüler

Weltende

Es ist ein Weinen in der Welt,
Als ob der liebe Gott gestorben wär,
Und der bleierne Schatten, der niederfällt,
lastet grabesschwer.

Komm, wir wollen uns näher verbergen…
Das Leben liegt in aller Herzen

Wie in Särgen.
Du! wir wollen uns tief küssen…

Es pocht eine Sehnsucht an die Welt,
An der wir sterben müssen.

„Es pocht eine Sehnsucht an die Welt, / An der wir sterben müssen.“ Diese beiden Zeilen ziehen mir den emotionalen Boden unter den Füßen weg. Und wusch! Das zum Gedicht geformte zur Bühnenfront offene Quadrat der Tänzer und Tänzerinnen verschwindet. Übrig bleibt ein Tänzer. Bewegungen, die der frisch vom Bühnenboden geschneite schwarze Schnee jetzt dichter wehend nachzeichnet. Weiter geht die dramatische Hatz, die Tänzer und Tänzerinnen sind die fleischgewordenen Noten. Fantastisch.

Nach dem Verhallen des letzten Tons tritt ein befrackter Mann an den Bühnenrand. Unendlich langsam schält er eine weiße Taube magisch aus seinem Ärmel. Sie darf nicht fliegen.

Passagen Sweet Bones Meldody (c) C. Quezada

Das dritte Stück fasst mich an. Überwältigt mich. Durch das Else Lasker-Schüler Gedicht und die weiße Taube integriert Goecke eine politische Aussage zur aktuellen weltpolitischen Lage, der Furcht vor einem Krieg, der die ganze Welt vernichten kann.

Ich bin begeistert, fassungslos, entsetzt, verletzt und voller Respekt: bravo Bayerisches Staatsballett, bravo Tom Seligman und Bayerisches Staatsorchester, bravissimo Marco Goecke! Unverständlich, dass die Auslastung bei nur 80 Prozent lag.

Frank Heublein, 27. März 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

Programm

Passagen:

  1. Affairs of the Heart
  2. Bilder einer Ausstellung
  3. Sweet Bones’ Melody

 Besetzung

AFFAIRS OF THE HEART (Uraufführung)

Choreographie David Dawson

Musik Marjan Mozetich, Affairs of the Heart (1997), Konzert für Solo-Violine und Streicher

Bühne Eno Henze

Kostüme Yumiko Takeshima

Licht Bert Dalhuysen

Assistent des Choreographen Raphaël Coumes-Marquet

Assistentin des Choreographen Christiane Marchant

Musikalische Leitung Tom Seligman

Solo-Violine Markus Wolf

Solistinnen Maria Baranova, Elvina Ibraimova, Prisca Zeisel

Solisten Emilio Pavan, Shale Wagman

Tänzerinnen Carollina Bastos, Maria Chiara Bono, Marina Duarte, Vera Segova

Tänzer Severin Brunhuber, Florian Ulrich Sollfrank, Robin Strona, Rafael Vedra

Bayerisches Staatsballett
Bayerisches Staatsorchester

 

BILDER EINER AUSSTELLUNG (2014)

Choreographie Alexei Ratmansky

Musik Modest Mussorgski Bilder einer Ausstellung (1896)

Kostüme Adeline André

Licht Mark Stanley

Projektionsdesign Wendall K. Harrington

Einstudierung Alexei Ratmansky, Amar Ramasar

Pianist Dmitry Mayboroda

Tänzerinnen Maria Baranova, Sofia Ivanova-Skoblikova, Kristina Lind, Bianca Teixeira, Prisca Zeisel

Tänzer António Casalinho, Ariel Merkuri, Amar Ramasar, Dmitrii Vyskubenko, Jinhao Zhang

Bayerisches Staatsballett
Bayerisches Staatsorchester

SWEET BONES’ MELODY (Uraufführung)

Choreographie Marco Goecke

Musik Unsuk Chin Mannequin, Tableaux vivants für Orchester (2015) in der reduzierten Fassung von Raimonds Zelmenis (2022)

Bühne und Kostüme Marco Goecke

Licht Udo Haberland

Dramaturgie Nadja Kadel

Musikalische Leitung Tom Seligman

Tänzerinnen Carollina Bastos, Madeleine Dowdney, Marta Navarrete Villalba, Bianca Teixeira

Tänzer António Casalinho, Jonah Cook, Raúl Ferreira, Florian Ulrich Sollfrank, Robin Strona, Giovanni Tombacco, Shale Wagman

Bayerisches Staatsballett
Bayerisches Staatsorchester

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