Elbphilharmonie: Große russische Stimmen entzünden feurige Begeisterung

Peter I. Tschaikowsky, Jolanthe  Elbphilharmonie Hamburg

Foto: Dittus (c)
Elbphilharmonie Hamburg
, 10. Februar 2018
Peter I. Tschaikowsky, Jolanthe / Lyrische Oper in einem Akt op. 69 – konzertante Aufführung in russischer Sprache
Chor und Orchester des Mariinsky Theaters
Dirigent Valery Gergiev

von Sebastian Koik

Die Elbphilharmonie kocht! Für eine glorreiche Leistung dankt das Publikum den Gästen mit tosendem Applaus und Jubel.

Es ist aber auch eine wunderbare Erfolgsformel: Orchester und Chor eines der berühmtesten Opernhäuser der Welt – des Mariinsky Theaters aus St. Petersburg – treten im angesagtesten Konzertsaal der Welt auf! Was soll da schon schiefgehen?

Das ist eine Kombination, die es gerne häufiger geben darf in der Elbphilharmonie. Wenn die Sänger in die Bühnenmitte singen, funktioniert die Akustik des Saals sensationell gut, auch für die rückwärtigen Plätze. Gerne darf es mehr konzertante Oper in der Elbphilharmonie geben. Hierher lassen sich die Opernstars leichter locken als in die Hamburgische Staatsoper. Dass dieser Auftritt für die Gesangsstars aus Russland etwas besonderes ist, sieht man an den überglücklich strahlenden Gesichtern der Künstler nach dem Auftritt und dem folgenden mächtigen Applaus.

Die Gäste aus St. Petersburg machen aber auch alles richtig und sensationell gut!

Exakt zwei Wochen zuvor war Valery Gergiev, einer der renommiertesten und besten Dirigenten der Welt, mit seinen Münchner Philharmonikern in der Elbphilharmonie. Das Münchner Orchester brillierte unter seinem Star-Dirigenten mit hochpräziser Perfektion.

Mit seinem Orchester aus St. Petersburg übertrumpft Gergiev seinen letzten Elbphilharmonie-Auftritt noch einmal. Wie mit den Münchnern, liefert der Dirigent auch mit seinem russischen Orchester makellose Präzision, wunderbares musikalisches Timing und Spannung. Doch das Orchester, dem er schon seit 1988 als musikalischer Leiter vorsteht, bietet zudem noch ein überaus reiches, weiches, herrlich schönes, elegantes und sattes Klangbild. Dieses Orchester begeistert mit Opulenz, malt die Musik Tschaikowskys vollendet und enorm gefühlsintensiv.

Wie auch schon zwei Wochen zuvor fällt der sehr eigenwillige Dirigierstil Gergievs stark ins Auge. Fast ständig lässt er seine Hände, Finger und Arme wild flattern, erinnert an einen Vogel, der nach dem Bad das Wasser aus seinem Gefieder schüttelt. Immer wieder führt Gergiev seine Hand an den Mund und bringt damit das Orchester zum plötzlichen Verstummen, schafft kraftvolle Pausen.

Russland ist das flächenmäßig größte Land der Erde. Der Solist Andrei Zorin kommt aus Komsomolsk am Amur, sein Kollege Alexei Markov kommt aus Wyborg, aus der Oblast Leningrad. Die beiden Geburtsorte in Russland trennen 8917 Kilometer. Laut Google Maps sind das 1806 Stunden nonstop Fußmarsch oder 120 Stunden reine Autofahrt, ohne Verkehr und Staus. Mit der Bahn benötigt man mehr als eine Woche für diese Strecke. 8917 Kilometer, das ist noch ein Stückchen weiter als von Hamburg in Luftlinie über den Atlantik und die komplette Breite der USA bis nach San Francisco (8.882,85)!

Dieser Abend in der Elbphilharmonie zeigt Hamburg, dass aus diesem Riesen-Land nicht nur Bodenschätze, sondern viele hervorragende Sänger kommen.

Ganz besonders die Bässe des Abends begeistern auf sensationellem Niveau! Yuri Vorobiev gibt den Bertrand mit großer, kräftiger Stimme mit gewaltiger Autorität und Natürlichkeit. Er ist auch stark in den Höhen und glänzt in zärtlichen Stellen. Dieser Bass ist einfach herrlich. Einerseits mächtig und andererseits elegant und wunderbar nuanciert.

Stanislav Trofimov als König René steht dem in nichts nach. Im Gegenteil! Es scheint zwar kaum möglich, aber er legt sogar noch einmal etwas drauf! Sein Bass ist mächtig, sonor und berauschend schön. Er entzückt auch in höheren Lagen. Er singt mit wahnsinnig viel Gefühl und vermag stark zu berühren, besonders in den lang anhaltenden Tönen, die er scheinbar ewig halten kann. Sein Bass ist sensationell, eine Naturgewalt. Einen gefühlvolleren und berührenderen Bass als Stanislav Trofimov kann man sich nicht vorstellen.

Die dritte Weltklasse-Männerstimme des Abends hat der Bariton Alexei Markov als burgundischer Herzog Robert. Sein Vortrag ist hoch souverän, seine Stimme sehr dicht, klangschön und natürlich, sein Atem lang. Alexei Markov gewann zahlreiche Gesangswettbewerbe, ist weitgereist, trat in den größten Konzerthäusern auf.

Dessen Bariton-Kollege Roman Burdenko Ibn-Hakia als maurischer Arzt gewann ebenfalls zahlreiche Gesangswettbewerbe. Seine Stimme ist sehr dicht und cremig, kann sich hochdramatisch zu gewaltiger Lautstärke aufschwingen, ohne dass es auch nur eine Spur zu Geschrei wird. Das ist ganz stark.

Najmiddin Mavlyanov als burgundischer Ritter Vaudémont zeigt sich als ganz guter Tenor, fällt im Vergleich mit den tiefen Männerstimmen allerdings deutlich ab. Seine Stimme ist kleiner und teilweise zu leise. Sie klingt zudem angestrengter und unnatürlicher, manchmal etwas dünn und fahl. Man nimmt ihm die Rolle als erlösender Geliebter Jolanthes nicht so ganz ab. Mavlyanov ist ganz gut und solide, aber ohne zu begeistern und zu berühren …und ganz ohne erlösenden Zauber.

Auch Tenor Andrei Zorin als Alméric aus besagtem Komsomolsk am Amur, knapp 9000 Kilometer von St. Petersburg entfernt, präsentiert sich nur als solide. Auch dieser Tenor klingt leicht dünn und unnatürlich.

Die Sopranistin Irina Churilova ist eine wunderbare Titelheldin Jolanthe! Sie gewann zahlreiche Gesangswettbewerbe und verkörpert die blinde Königstochter mit ungemein kräftiger Stimme, langem Atem und strahlend schönen Höhen. Ihre Stimme, die auch in zärtlichen und leiseren Stellen entzückt und immer gut hörbar und über dem Orchester schwebt, ist sehr dicht und intensiv. Klänge sie ein klein wenig natürlicher und offener, wäre das eine der größten Frauenstimmen überhaupt.

Die Mezzosopranistin Yekaterina Sergeyeva gefällt sehr als Jolanthes Freundin Laura. Ihre schöne Stimme ist herrlich dicht und strahlt in den Höhen.

Die Mezzosopranistin Natalia Yevstafieva als Jolanthes Amme Martha klingt an diesem Abend hingegen etwas zu angestrengt und unnatürlich. Selbiges gilt für die Sopranistin Kira Loginova als Jolanthes Freundin Brigitta, die auch leicht kurzatmig wirkt.

Dem Meister-Dirigenten Valery Gergiev gelingt eine wunderbare Balance und bezaubernder Mischklang aus Orchester, Solisten und Chor.

Der feurige und inbrünstige Schlussgesang aller Sänger geht dann fast nahtlos über in den heißen Applaus des begeisterten Publikums.

Sebastian Koik, 11. Februar 2018,
für klassik-begeistert.de

Najmiddin Mavlyanov Vaudémont, ein burgundischer Ritter
Alexei Markov Robert, burgundischer Herzog
Stanislav Trofimov René, provenzalischer König
Roman Burdenko Ibn-Hakia, maurischer Arzt
Yuri Vorobiev Bertrand
Andrei Zorin Alméric
Kira Loginova Brigitta, Jolanthes Freundin
Yekaterina Sergeyeva Laura, Jolanthes Freundin
Natalia Yevstafieva Martha, Jolanthes Amme

Foto: Claudia Höhne

Schreiben Sie einen Kommentar

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.