…dem der große Wurf gelungen - Kirill Petrenkos triumphales Antrittskonzert als Chef der Berliner Philharmoniker

Philharmonie Berlin, Antrittskonzert Kirill Petrenko, 23.August 2019

Foto: © Stephan Rabold
Philharmonie Berlin, 23.August 2019

Alban Berg  Symphonische Stücke aus der Oper Lulu
Ludwig van Beethoven  Symphonie Nr.IX d-Moll

Marlis Petersen Sopran
Elisabeth Kulman  Mezzosopran
Benjamin Bruhns  Tenor
Kwangchul Youn  Bass
Rundfunkchor Berlin

Gijs Leenaars Einstudierung
Kirill Petrenko  Dirigent

Von Peter Sommeregger

Die Programmwahl für Petrenkos lange und sehnlich erwartetes Antrittskonzert ist durchaus programmatisch zu verstehen. Ist die IX. Symphonie Beethovens ein fast schon zu Tode gespielter „Renner“, so ist die vorangestellte Lulu-Suite Alban Bergs immer noch eher ein Stück für Kenner. Petrenko stellt in diesem Konzert ein Schlüsselwerk des 19. Jahrhunderts einem solchen des 20. gegenüber,   womit schon ein Konzept seiner zukünftigen Tätigkeit erkennbar wird.

Die 1934 in Berlin von Erich Kleiber uraufgeführten Ausschnitte aus der Oper Lulu, sollten der einzige Teil seines Werkes sein, den Berg zu hören bekam, bereits 1935 starb der Komponist, ohne die Oper vollendet zu haben. Petrenkos Interpretation besticht durch ihren anfangs sehr zarten, filigranen Klang, der ausreichend Raum für die im Stück angelegten großen Steigerungen lässt. Marlis Petersen leiht Lulu ihren glasklaren, schlanken Sopran und macht das Lied der Lulu zum Höhepunkt der Suite. Warum das zweite Vokal-Solo „Lulu, mein Engel“ am Ende nicht gesungen wird, bleibt Petrenkos und Petersens Geheimnis.

Die 9. Symphonie Beethovens war für alle Vorgänger Petrenkos in seinem neuen Amt ein Werk von ganz spezieller Bedeutung. Unvergessen sind Wilhelm Furtwänglers zahlreiche mitgeschnittene Aufführungen, Herbert von Karajan eröffnete 1963 mit dieser Symphonie die neu gebaute (West-)Berlinder Philharmonie. Kirill Petrenko scheint keine Scheu vor diesen „Titanen“ der Interpretationsgeschichte zu haben, selbstbewusst setzt er seine ganz eigenen Akzente.

Den ersten Satz legt er ausgesprochen martialisch an, die mächtigen Paukenwirbel lassen an Krieg und Gewalt denken, während der schnelle 2. Satz keck und gleichzeitig anmutig erscheint, bis bedrohliche Paukenschläge die scheinbare Idylle stören.

Das Adagio dirigiert er extrem langsam und entwickelt das Hauptthema getragen wie einen traurigen Abgesang, um schlagartig und wuchtig in den finalen Satz zu stürmen, dessen Spannung er durch langsame nervöse Steigerung antreibt. Endlich werden die menschlichen Stimmen eingesetzt, ein Novum in der musikalischen Literatur, aber von großem Effekt. Kwangchul Youn setzt seinen (sehr) reifen, sonoren Bass ein, der bestens disponierte Rundfunkchor Berlin fällt ein. Benjamin Bruhns meisterst das immens schwierige Tenorsolo mit eher kleiner, aber treffsicherer und schöner Stimme. Die Palme gebührt den Damen: Elisabeth Kulman mit warmem, farbenreichem Mezzosopran, und schließlich Marlis Petersen, die durch sichere Höhe und Wortdeutlichkeit besticht. Insgesamt ein Solistenquartett von großer Homogenität, das auch den tückischen „sanften Flügel“ stimmlich souverän meistert. Petrenko treibt das Presto des Finales auf die Spitze, kaum ist der letzte Ton verklungen, ertönt ein kollektiver Jubelschrei des Publikums.

Kirill Petrenko ist endgültig angekommen, man meint den Windstoß zu spüren, mit dem eine neue musikalische Ära beginnt.

Peter Sommeregger, 23. August 2019, für
klassik-begeistert.de

 

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