In der Langsamkeit nehme ich genauer und zugleich nur die Hälfte aller Bewegung wahr

Planet [wanderer] Konzept Damien Jalet und Kohei Nawa  Haus für Mozart, Salzburg, 30. März 2026

Foto: Planet [wanderer] © Rahi Rezvani

Nur langsam vermag ich auf aus meiner Wahrnehmung des unendlichen und scheinbar nicht versiegenden Stroms der gesehenen Bewegung der ashihara-no-nakatsukuni (die mittlere Erde des Schilfs) aufzutauchen. Ich werde des tiefen und wogenden Abdrucks in meinem Inneren gewahr. Eine völlig neue Erfahrung.

Planet [wanderer]

Konzept & Choreographie Damien Jalet
Konzept & Szenographie Kohei Nawa

Musik Tim Hecker

Kostüme Sruli Recht
Licht Yukiko Yoshimoto

Performerinnen und Performer: Shawn Ahern, Karima El Amrani, Aimilios Arapoglou, Francesco Ferrari, Vinson Fraley, Christina Guieb, Astrid Sweeney, Erna Yuasa

Haus für Mozart, Salzburg, 30. März 2026

Von Frank Heublein

An diesem Abend wird bei den Osterfestspielen in Salzburg im Haus für Mozart Damien Jalets und Kohei Nawas Choreographie Planet [wanderer] aufgeführt.

Wummern in der Dunkelheit. Gewitter? Schritte eines Donnergottes? Explosionen? Das Geräusch geht über in eine sich wiederholende sphärische Melodie. Glitzerregen regnet auf einen Haufen. Haufen? Nein! Es ist eine Tänzerin. Sie schält sich langsam heraus-empor. Das ist spannend für mich an dieser Choreographie. Die Langsamkeit, in der ich mich so tief verliere, dass ich sie selbst verfolge und ganz überrascht bin von der zeitlupenhaft aber plötzlich weit gediehenen Bewegung. Ich sichte die Performerinnen und Performer an unvermuteten Orten, in unerwarteter Form.

Panet [wanderer] © Rahi Rezvani

Die Tänzerin integriert sich in einen glitzernden Felsbrocken. Wieder falsch! Es sind weitere sechs Körper, die sich so zusammengeformt haben und sich jetzt entfalten. Wie Paul Celan in seinem Gedicht Corona schreibt: „Es ist Zeit, daß der Stein sich zu blühen bequemt“. Die Performerinnen und Performer führen einige wenige Formen wiederkehrend aus. Schwebe-Gravitation. Menschen, die sich bewegend zu einer Form werden.

Bewegung, die zur Form wird und umgeformt wird. Das schließe ich bedeutet für mich „eine Choreographie der Verwandlung“ (Zitat Webseite). Aus der Bewegung werden sie zu einem wogenden Algenfeld im Meer. Das Meer, die Algen wogen mal langsamer, mal schneller. Die Musik folgt den Gezeiten wie ein Sog – oder ist es umgekehrt? Jedenfalls trägt die Musik zu meinem meditativ sinnenden Gefühl bei.

Handfest in körperliche Bewegung geformt ist die mythologische »mittlere Erde des Schilfs« (ashihara-no-nakatsukuni). Diesen Ausdruck lese ich auf der Webseite der Salzburger Osterfestspiele über das Stück.

Panet [wanderer] © Rahi Rezvani

Im nächsten Moment höre ich einen Sonarton aus den unterschiedlichsten Ecken des Theaterraumes. Die Truppe ist aufgereiht, die Einzelnen pulsen aus der Reihe werden als Gruppe eins mit dem piepsenden Sonar. Das Sonar verliert sich im Wischen im schwarzen Staub der Performerinnen und Performer? Oder ist es schon die eingespielte Musik von Meereswellen? Wenn es denn einen Übergang gegeben hat: er war so langsam, dass ich ihn überhört habe. Extreme Langsamkeit. Die meine Wahrnehmung schärft, überfordert und mich so vieles übersehen und überhören lässt. Kann ich meiner Wahrnehmung voll vertrauen? Nein!

Ensemble und Damien Jalet (5. von links) © Frank Heublein

Katakuriko, so heißt der suppige Schleim, der vom Bühnenhimmel regnet. Im Programmheft steht: „Die in der japanischen Küche beliebte Zutat aus Kartoffelstärke und Wasser besticht durch ihre flexible Konsistenz: Wirkt man aktiv auf die Masse ein, wird sie fest. Sobald man sich aus der Berührung löst, verflüssigt sie sich wieder.“ Es regnet auf einen Performer herunter, der in einen Lichtspot vereinzelt wird. Es folgen sechs der acht, auch sie werden glänzenden suppigen Fall des Lichtspots überschleimt. Der Schleim zwingt sie nieder. Sie erstarren in einer letzten Bewegung.

Das Publikum ist begeistert. So schnell wie die vielen kann ich meinen Eindruck nicht zeigen. Ich bin baff und nicht ausdrucksfähig im Moment des Endes der Performance. Nur langsam vermag ich auf aus meiner Wahrnehmung des unendlichen und scheinbar nicht versiegenden Stroms der gesehenen Bewegung der ashihara-no-nakatsukuni aufzutauchen.

Ich werde des tiefen und wogenden Abdrucks in meinem Inneren gewahr. Eine völlig neue Erfahrung.

Frank Heublein, 31. März 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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