Ein altersweiser Riccardo Muti zelebriert Beethovens Neunte

Riccardo Muti, Wiener Philharmoniker,  Salzburger Festspiele 2020, Großes Festspielhaus

Foto: Asmik Grigorian (Sopran), Marianne Crebassa (Alt), Riccardo Muti (Dirigent), Saimir Pirgu (Tenor), Gerald Finley (Bass), Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, Wiener Philharmoniker © SF / Marco Borrelli

Salzburg, Großes Festspielhaus
Arte Livestream (zeitversetzt)

Beethoven, Symphonie Nr. 9 d-Moll op.125

Asmik Grigorian (Sopran)
Marianne Crebassa (Alt)
Saimir Pirgu (Tenor)
Gerald Finley (Bass)

Riccardo Muti, Dirigent
Wiener Philharmoniker
Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor

von Peter Sommeregger

Wenn ein bedeutender Dirigent wie Riccardo Muti sich im fortgeschrittenen Alter wieder einmal Beethovens monumentaler Neunter Symphonie widmet, darf man auf die aktuelle Interpretation doppelt gespannt sein. Das große Salzburger Festspielhaus, atmosphärisch eher nüchtern aber mit guter Akustik ausgestattet, bietet den Rahmen für Mutis altersweise Auseinandersetzung mit Beethoven.

Sein Ansatz wird schnell deutlich: Hier wird in großen Dimensionen gedacht und gestaltet. Wie er im ersten Satz auf die Schilderung der Apokalypse zusteuert und diese dann in monumentaler Größe durchführt, hinterlässt tiefen Eindruck.

Riccardo Muti (Dirigent) © SF / Marco Borrelli

Ebenso streng und straff wird mit dem Molto vivace des zweiten Satzes umgegangen, hier zeigen die Wiener Philharmoniker einmal mehr, dass sie ein Ensemble aus virtuosen Musikern sind, jeder für sich ein Spitzenmusiker.

Besonders breit legt Muti das Adagio an, er breitet die ausladende Architektur dieses dritten Satzes ruhig fließend aus, dabei gelingen dem Orchester schwebende Piani von überirdischer Schönheit.

Das Finale, stets der heikelste Teil dieser Symphonie, die zum ersten Mal den Gesang in die Symphonik einführt, lässt Muti sehr verhalten und leise beginnen. So behält er sich die Möglichkeiten großer Steigerungen vor, die ihm in der Folge auch gelingen.

Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor
© Foto Jäger

Mit der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor steht ihm ein erfahrenes und professionelles Chorensemble zur Verfügung, das sich nicht nur durch Präzision auszeichnet, diese Musik ist in der kollektiven DNA dieses Chores verankert.

Heikel ist immer die Wahl des Solisten-Quartetts. Gerald Finley setzt mit seinem weichen, geschmeidigen Bass-Bariton einen gelungenen Auftakt, positiv macht sich seine sichere Höhe bemerkbar. Marianne Crebassa, die Dorabella der diesjährigen Così fan tutte-Produktion steuert ihren farbenreichen Mezzosopran bei.

Riccardo Muti (Dirigent), Asmik Grigorian (Sopran), Marianne Crebassa (Alt), Wiener Philharmoniker © SF / Marco Borrelli

Der lyrische, schöne Tenor Saimir Pirgus ist allerdings mit seinem Solo deutlich überfordert. Hier wünscht man sich doch eher ein heldisches Auftrumpfen. Eine noch größere Enttäuschung bereitet Asmik Grigorian, Chrysothemis der Elektra-Aufführung und seit ihrer Salome in Salzburg vor zwei Jahren ziemlich gehypt. Pendelnd zwischen ihren Salzburger Aufgaben und Butterfly-Proben in Wien wirkt sie stimmlich indisponiert und stört damit das fragile Gleichgewicht des Solistenquartetts.

Dies bleibt aber ein verkraftbarer Wermutstropfen in der Freude über eine souveräne, durchaus auch ans Herz gehende Realisierung dieser Symphonie. Man wünscht sich, Riccardo Muti noch oft am Pult der Wiener Philharmoniker, aber auch an anderen Orten erleben zu können.

Peter Sommeregger, 18. August 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Richard Strauss, Elektra, Salzburger Festspiele, 1. August 2020

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