Rattle erschafft eine halbe Stunde für die Ewigkeit – und hat zuviel Angst vor Pathos

Foto: © Salzburger Festspiele / Marco Borrelli
Salzburger Festspiele, Großes Festspielhaus
, Salzburg, 21. August 2018
GUSTAV MAHLER, Symphonie Nr. 9 D-Dur
London Symphony Orchestra
Simon Rattle, Dirigent

von Sebastian Koik

Das, was das London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle im ersten Satz von Gustav Mahlers gewaltiger 9. Symphonie im Großen Festspielhaus in Salzburg in den Saal zaubert, ist nicht nur auf dem Papier, sondern wird ganz realiter eine musikalische Sternstunde!

Jeder einzelne Musiker des London Symphony Orchestra, einem der allerbesten Orchester der Welt, musiziert in Vollkommenheit herrlich sanft, zart und verträumt in himmlischer Schönheit. Auch in den immer wieder aufkommenden Wechseln ins Dramatische und unruhige Fahrwasser brilliert das Orchester. Und danach kehrt das Orchester immer wieder ins zärtlich Friedliche zurück.

Die musikalische Spannung ist sehr groß, die Musik packt und reißt mit. Jeder Einzelne musiziert großartig, die Streicher beglücken, das Blech bläst scharf und elegant, die Pauken und das Becken beeindrucken mit Präzision.

Die Musik spricht, malt Erinnerungsbilder aus einer fernen unbeschwerten Zeit. Doch starke Fanfaren der Blechbläser leiten dann einen Stimmungswechsel ein, und die Unruhe wächst zu bedrohlichem Chaos an. Das Orchester stößt gemeinsam Schreie aus, in denen quantitativ und qualitativ wahnsinnig viel enthalten ist an Welt, Leben und Gefühl.

Mehr geht nicht! Sowohl was die Komposition Mahlers als auch, was die technische und vor allem künstlerische Umsetzung durch Rattle und sein Orchester angeht. Das ist allerhöchstes Niveau und makellos. Es ist genial. Diese Umsetzung kann als Referenz gelten. Man möchte den ersten Satz vielleicht nie wieder anders hören als bei dieser künstlerischen Demonstration für die Ewigkeit in Salzburg.

Überhaupt gibt es wohl kaum schwierigere Aufgaben für einen Dirigenten und ein Orchester als diese 9. Sinfonie des Komponisten-Genies Gustav Mahler. Während das im ersten Satz bei Rattle und seinen Musikern alles noch so unfassbar leicht und selbstverständlich klingt, merkt man ab dem zweiten Satz, dass auch diese famosen Musiker nun kämpfen und ihnen nicht alles gelingt. – Was wohl an der musikalischen Führung liegt.

Rattle gilt als ein nüchterner, kontrollierender und analytischer Dirigent. Dem Tänzerischen von Mahlers Ländler im zweiten Satz scheint sich Sir Simon Rattle fast zu verweigern, es wirkt als wolle er nicht tanzen. Und so klingt es dann auch etwas schwankend, nicht leichtfüßig genug, zu wenig beschwingt und überzeugend.

Der Wahnsinn nimmt zu, und auch hier scheinen sich die diversen Einzelteile des Orchesters nicht ganz stimmig zusammenzufügen. Man hat das Gefühl, dass hier die Darbietung aufgrund übermäßigen Kontrollwunsches von Rattle ein wenig scheitert. Man hat das Gefühl, dass Rattle den Musikern hier etwas zu wenig Luft für ihre Intuition lässt, und dass das an diesem Abend ein wenig zum Problem wird.

Im dritten Satz gibt es wieder herrlich sanfte Erinnerungs-Passagen voller Frieden und Schönheit zu hören. Wie im ersten Satz sind auch hier die folgenden dramatischen Steigerungen wieder stark, Das Orchester reißt wieder mit, befindet sich wieder im Fluss, ist wieder beim späten Mahler.

Es gibt Interpretationen von Mahlers Neunter, die zu pathetisch, manieristisch, zu stark romantisch rüberkommen. Sir Simon Rattle scheint sich bei der Abkehr davon aber ein wenig zu sehr in eine andere Richtung zu bewegen. In seiner Sachlichkeit, Nüchternheit und Überangst vor Pathos geht bei Rattles Interpretation von Mahlers 9. Sinfonie ein wenig von der besonderen transzendentalen Kraft der Komposition verloren.

Es fehlt ein wenig an Abgründigkeit und Zauber. Rattle scheint sich nicht zu nah an den Rand der Klippen und Abgründe zu anderen Welten bewegen zu wollen. Bei vielen anderen Stücken mag Rattles Ansatz gut funktionieren, doch hier, jedenfalls an diesem Abend gilt: Der englische Dirigent steht im Finale etwas zu fest mit beiden Füßen in dieser Welt, bleibt etwas zu sehr im Diesseits. Das wirkt etwas zu brav, zu bieder, zu sicherheitsorientiert, zu weltlich und kühl, zu vernünftig. Das ist am Ende eine zu weltliche und zuwenig transzendentale Angelegenheit.

Wunderbar langsam und leise verklingt das Orchester am Ende. Der Klang löst sich in Nichts auf. Klanglich ist das stark und schön, und ja: es ist beeindruckend schön. Doch es wirkt hier bei Rattle mehr wie ein Verschwinden des Schallpegels als ein metaphysisches Verschwinden. Ein wenig zu unbeteiligt, zu unbedroht, ein wenig zu sehr an der Oberfläche geführt, bleiben die Seelen aller Konzertbeteiligten sicher im Saal. Das Überwältigungs- und (Selbst-) Erfahrungspotential des Stückes kann sich beim sich beim nüchtern-kühlen Rattle an diesem Abend nicht wirklich entfalten und bleibt ein wenig zu sehr unausgeschöpft.

Die klanglichen Qualitäten des Orchesters sind allerdings unbestritten und beeindrucken auch ohne überweltliche Berührung die Zuhörer.

Sebastian Koik, 22. August 2018, für

klassik-begeistert.de