„Frau ohne Schatten" an der Wiener Staatsoper: Großes Orchester, ganz fein!

Richard Strauss, Frau ohne Schatten,  Wiener Staatsoper, 10. Oktober 2019

Was da aus dem Graben strömt, ist in Worte kaum zu fassen. Wenn Thielemann und das in Höchstform agierende Staatsopernorchester Wiener Walzer und Strauss‘ schen Schönklang aus der Original-Partitur emporheben, dann werden Träume wahr.

Foto: Tomasz Konieczny und Nina Stemme © Wiener Staatsoper / Michael Pöhn 

Wiener Staatsoper,
10. Oktober 2019
Richard Strauss, Frau ohne Schatten

von Jürgen Pathy

Christian Thielemann hat wieder zugeschlagen! Der Berliner Hexenmeister und das Staatsopernorchester, aus dem sich die Wiener Philharmoniker rekrutieren, verwandeln die Wiener Staatsoper in einen Hort der Freude, Trauer und Empathie. Mit dieser von Vincent Huguet inszenierten „Frau ohne Schatten“, die in der letzten Saison ihre Premiere feierte, setzt Thielemann zum nächsten Höhenflug an. Gebettet in ein klassisches Bühnenbild, das bis auf einen nackten Jüngling ohne jegliches Klimbims auskommt, klopft diese Jubiläumsvorstellung bereits jetzt ganz laut an, um sich auf der Poleposition der Kategorie „Höhepunkt der Spielzeit“ zu qualifizieren.

Auf den Tag genau hundert Jahre nach der Uraufführung setzt Thielemann nämlich eine Duftmarke, die sich gewaschen hat. Anfang des Jahres noch mit angezogener Handbremse und einem all zu sehr gezähmten Orchester unterwegs, beweist der Kapellmeister an diesem Abend ein weiteres Mal, weshalb er zum Nonplusultra seiner Zunft gezählt werden darf. Was da aus dem Graben strömt, ist in Worte kaum zu fassen. Wenn Thielemann und das in Höchstform agierende Staatsopernorchester Wiener Walzer und Strauss‘ schen Schönklang aus der Original-Partitur emporheben, dann werden Träume wahr. Denn Thielemann, der regelmäßig predigt, ein Forte sei nicht immer unbedingt ein Forte, weiß, wann er zum Angriff blasen darf wie in den eruptiven Ausbrüchen der Zwischenspiele, und wann er seine Sänger behutsam hofieren muss, wie es der Adelszunft gedüngt.

So samtweich gebettet, erkennt Camilla Nylund als Kaiserin, was es bedarf um Mensch zu werden, und verschießt ein weiteres Mal ihre samtweich ummantelten Spitzentöne. Selbst einen Faux-Pax der Technik – ein dreimal lautstark zu Boden knallender Bühnenvorhang rund um ihr „Vater bist du’s“–, ignoriert die finnische Edelsopranistin mit routinierter Noblesse. Adel verpflichtet!

Camilla Nylund © Michael Pöhn

Ebenso Konzertmeister Rainer Honeck, den nach mittlerweile 35 Jahren in den Reihen der Wiener Philharmoniker nichts mehr so schnell aus der Ruhe bringen kann – sein Geigensolo lässt Herzen schmelzen. Und der Solist am Wiener Horn vermittelt, wie weich und einfühlsam ein Piano entweichen kann, wenn man dieses ungemein schwierig zu spielende Blechblasinstrument bis zur Perfektion beherrscht. Der Kaiser widersetzt sich teilweise der „Noblesse oblige“. Mag Stephen Gould technisch noch so sauber und höhensicher in seinen Jagdgefilden stolzieren, in puncto Ausdrucksstärke schwächelt der Geadelte an diesem Abend ein wenig. (*)

Da hat ihm das einfache Volk einiges voraus. Mit welcher Inbrunst und Energie ein Tomasz Konieczny als Färber seine cremigen Bögen schwingt, setzt diesem Abend noch ein Sahne-Häubchen obendrauf. Die Wiener Staatsoper kann froh sein, dass der polnische Bassbariton nach einer anstrengenden Sommersaison in Bayreuth nun endlich wieder dem Haus zur Verfügung steht! Als seine Gattin überzeugt Nina Stemme sowohl mit feinen Tönen, wie zu Beginn des dritten Akts, als auch in gewohnter Manier als Drama-Queen. Ihr „So töte mich!“ hallt vermutlich immer noch durchs ganze Haus. Und Mihoko Fujimura, die nach anfänglichem Scheppern sich rasch ihrer Stärken besinnt, verpasst der dämonischen Amme einen ungewohnten, aber bezaubernd-lyrischen Anstrich und rundet den außergewöhnlichen Abend perfekt ab. Vergelt’s Gott!

Bleibt letzten Endes nur zu hoffen, dass die Wiener Philharmoniker des öfteren mit solch schwerem Geschütz auffahren und nicht den Substituten das Feld räumen. Doch die Fakten sprechen erst einmal eine andere Sprache: Nach den folgenden zwei Vorstellungen der „Frau ohne Schatten“ wird Thielemann mit der Speerspitze des Orchesters weiter in den Fernen Osten ziehen und dort mit Bruckners Achter sicher viele weitere Herzen erobern.

Jürgen Pathy (klassikpunk.de), 11. Oktober 2019, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

So sah der onlinemerker.com Stephen Gould: „Leider musste Andreas Schager, der nunmehr den Kaiser singen sollte, krankheitsbedingt absagen, es sprang für ihn der Premierensänger Stephen Gould ein. Er bot auch an diesem Abend eine ähnlich gute Leistung wie in der Premiere und erweckte wieder den Einsdruck, dass die ziemlich schwere Tessitura für ihn keinerlei Probleme bedeutet. Lediglich im dritten Akt gelangen einige Spitzentöne nicht wie gewohnt. Ein grosser Datsteller ist er halt nicht.“

Christian Thielemann, Dirigent
Vincent Huguet, Regie
Aurélie Maestre, Bühne
Clémence Pernoud, Kostüme
Bertrand Couderc, Licht und Video
Louis Geisler, Dramaturgie

Stephen Gould, Kaiser
Camilla Nylund, Kaiserin
Mihoko Fujimura, Die Amme
Tomasz Konieczny, Barak, der Färber
Nina Stemme, sein Weib
Clemens Unterreiner, Geisterbote
Jörg Schneider, Stimme des Jünglings
Maria Nazarova, Hüter der Schwelle des Tempels / Stimme des Falken
Monika Bohinec, Stimme von oben
Rafael Fingerlos, der Einäugige
Marcus Pelz, der Einarmige
Michael Laurenz, der Bucklige
Ileana Tonca, erste Dienerin
Valeriia Savinskaia, zweite Dienerin
Szilvia Vörös, dritte Dienerin
Stephanie Houtzeel, Stimme der Ungeborenen
Bongiwe Nakani, Stimme der Ungeborenen

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