Marlis Petersen in Wien: Die Sopranistin ist auf dem Höhepunkt ihrer vokalen Kraft - ihre Stimme ist silbrig und durchschlagskräftig

Richard Strauss, Salome, Jean-Philippe Rameau: Les Boréades,  Theater an der Wien, 25. Jänner / Januar 2020

Foto: © Theater an der Wien / Werner Kmetitsch
Theater an der Wien, 25. Jänner / Januar 2020
Richard Strauss, Salome

Marlis Petersen, Salome
Johan Reuter, Jochanaan
John Daszak, Herodes
Michaela Schuster, Herodias
Paul Schweinester, Narraboth

Regie: Nikolaus Habjan
ORF Radio-Symphonieorchester Wien
Dirigent: Leo Hussain

Theater an der Wien, 22. Jänner 2020
Jean-Philippe Rameau: Les Boréades
Tragédie lyrique in fünf Akten (1763)

Alphise, Deborah Cachet
Abaris, Mathias Vidal
Sémire, Caroline Weynants

Collegium Vocale 1704
Collegium 1704
Dirigent:Václav Luks

von Herbert Hiess

Diese Oper von Rameau ist eigentlich schon von der Aufführungsgeschichte her hochinteressant; sie wurde zwar 1763 zu König Ludwigs XV.-Zeiten komponiert, aber erst 1975 (konzertant) und 1982 in Aix-en-Provence uraufgeführt. Beide Male durch John Eliot Gardiner. Rameaus Oper ist ein ein Monsterwerk von über 200 Minuten Dauer. Für das Theater an der Wien wurde es auf eine publikumsfreundliche Länge von unter drei Stunden gerafft – was (leider!) ob der Aufführungsqualität auch gut war.

So spektakulär die Aufführungsgeschichte war, so unspektakulär verlief diese konzertante Aufführung. Traurig, dass nur die drei oben erwähnten Sänger rollendeckend waren, wobei man von den beiden Damen Deborah Cachet und Caroline Weynants auch weit mehr erwartet hätte. So muss man sich doch mal die Frage stellen, warum die jungen Stimmakrobaten so viel Technik lernen, aber (offenbar) nichts über Interpretation. Die beiden Damen vermittelten so viel Spannung, als ob sie ein Finanzgesetz vorgetragen hätten.

Ganz anders der junge französische Tenor Mathias Vidal. Bei ihm konnte man sich an vielen Nuancen erfreuen, an echten getragenen Pianissimi und nicht zuletzt an gelebter Leidenschaft. Das war eine echte Freude, ihm zuzuhören.

Exzellent das Collegium Vocale 1704. Wunderbare Stimmen in allen Lagen und großartig vorbereitet. Solche Chöre wünschte man sich öfters zu hören. Das kann man von dem Orchester leider nicht so sagen. Die Holzbläser waren exzellent, der Schlagwerker formidabel und über die Streicher und die unsicheren Hörner sollte man lieber hinweghören. Auch bei Herrn Luks hatte man das Gefühl, dass er bei manchen Stellen unsicher war. Ein paar Mal fiel die Musik fast auseinander.

Trotzdem war es eine hochinteressante Aufführung; die halt weit besser hätte ausfallen können und müssen.

Ganz anders ein paar Tage später im gleichen Haus Strauss‘ blutrünstige Oper „Salome“. Man könnte ruhig sagen, dass diese Produktion ein gewaltiger Meilenstein in Roland Geyers Intendantenzeit ist. Mit dem ORF-Orchester, dem Regisseur Habjan, dem Dirigenten Hussain und nicht zuletzt der ungeheuer präsenten Marlis Petersen hatte er ein richtiges „Dreamteam“ an der Hand.

Nikolaus Habjans Markenzeichen ist eigentlich die Puppenspielerei, die er natürlich auch bei Strauss Oper anwenden musste. Eigentlich muss er gar nicht – seine Regie ist so stark und mit den Sängern hat er so schauspielerisch geniale Leute an der Hand, dass die Puppen nur störend bis sogar lächerlich wirkten. Marlis Petersen war so eindrucksvoll und ging so in ihrer Rolle auf, dass man sich echt vor ihr als laszives Teenager-Mädchen (so sieht sie auch aus!) ekeln und fürchten musste und man gleichzeitig mit ihr Mitleid hatte. Genial wie Habjan die oft so ins Peinliche abrutschende Szene mit Salomes Tanz löste und daraus eine so brutale Inzestshow (Herodes ist Salomes Stiefvater) darstellte, dass man sich fast als Voyeur vorkam. Und wie Frau Petersen den Schluss darstellte, macht ihr so schnell niemand nach. Man merkte brutal deutlich, wie sie vom geschändeten Mädchen richtig in den Wahnsinn abglitt.

Vor allem für den Schluss (aber auch für alle anderen Szenen) würde ihr sofort ein „Oscar“ gebühren. Und da darf man ihre traumhafte Stimme nicht vergessen. Sie ist auf dem Höhepunkt ihrer vokalen Kraft; ihr silbriger und durchschlagskräftiger Sopran war bis zum Schluss mehr als präsent – sie ließ mit ihrer Stimme hören, was man auf der Bühne sah. Ganz unnachahmlich!

Und man muss natürlich auch  die anderen Personen auf der Bühne würdigen. Egal, ob der sonore Johan Reuter als Jochanaan, John Daszak als gewaltiger und metallisch klingender Herodes und Michaela Schuster, die mit ihrem Mann regelrecht keifen konnte und trotzdem die Schönheit ihres runden und eindrucksvollen Mezzos behielt.

Das Tüpfelchen auf dem „I“ waren nicht zuletzt das formidable ORF-Orchester und der grandiose Dirigent Hussain. Der reduzierten Fassung Eberhard Klokes begegnete man eher mit einer gewissen Skepsis; gerade diese wurde eine der großen Überraschungen des Abends. Obwohl weit weniger Musiker spielten als in der Originalfassung für große Häuser, vermisste man nie den schwelgerischen Strauss-Klangrausch. Chapeau vor den Herren Kloke und Hussain. Sie machten erst die Sternstundenkombination Musik, Sänger und Regie möglich!

Herbert Hiess, 28. Jänner / Januar 2020, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

 

 

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