„Meistersinger“ an der Deutschen Oper Berlin: Ein Abend, den man besser schnell vergisst

Richard Wagner, Die Meistersinger von Nürnberg  Deutsche Oper Berlin, 12. Juni 2022 PREMIERE

Deutsche Oper Berlin, 12. Juni 2022 PREMIERE

Richard Wagner
Die Meistersinger von Nürnberg

Hans Sachs  Johan Reuter
Sixtus Beckmesser  Philipp Jekal
Walther von Stolzing  Klaus Florian Vogt
David  Ya-Chung Huang
Eva  Heidi Stober
Magdalena  Annika Schlicht
Stimme des Nachtwächters  Günther Groissböck

Chor und Orchester der Deutschen Oper Berlin
Markus Stenz, Dirigent

Jossi Wieler/ Anna Viebrock/ Sergio Morabito  Regie, Bühnenbild und Kostüme

von Peter Sommeregger

Diesem lange erwarteten Premieren-Abend war im Vorfeld bereits der Dirigent abhanden gekommen. Hausherr Donald Runnicles musste krankheitshalber den Stab an Markus Stenz abgeben. Mit dessen Leistung, vor allem der geglückten Koordination von Solisten, Chor und dem Orchester konnte man durchaus zufrieden sein.

Mit Hans Sachs, der zentralen Figur des Stückes betraute man Johan Reuter, der am Haus schon in verschiedenen Rollen erfolgreich aufgetreten war. Sein runder, warm timbrierter Bass ist für den Sachs bestens geeignet, nur im letzten Bild geriet er doch deutlich hörbar an die Grenzen seiner stimmlichen Kapazitäten. Das konnte Klaus Florian Vogt nicht passieren, der sich mit seinem sehr gewöhnungsbedürftigen, timbrelosen Stolzing unbekümmert durch die anspruchsvolle Partie sang.

Ihm zur Seite die Eva Heidi Stobers, der es trotz ansprechenden Timbres nicht gelang, ihrer Figur Profil zu geben, sie blieb zu blass und unauffällig. Auch die bewährte Annika Schlicht konnte als Magdalene nicht das von ihr gewohnte Niveau halten. Weitgehend unpersönlich und flach geriet ihre Interpretation. Lichtblicke in der Rollengestaltung waren der David des chinesischen Tenors Ya-Chung Huang, der bereits als Mime im Siegfried eine gute Figur gemacht hatte, und der Beckmesser von Philipp Jekal, der den negativen Charakter dieser Figur höchst glaubwürdig verkörperte. Laut Programm sang Günther Groissböck die Stimme des Nachtwächters, so hallig und künstlich wie das klang, dürfte es sich wohl um eine Bandaufnahme gehandelt haben. Die Schar der Meister war bewährten Kräften des Hauses anvertraut.

Trotz redlichem Bemühen des Ensembles und des glänzend disponierten Chores, des sehr differenziert aufspielenden Orchesters, wollte sich das Wagner-Glück an diesem Abend nicht einstellen. Das ging eindeutig zu Lasten der Regie, die dem Stück restlos allen Humor, alle Dichte und Atmosphäre nahm. Sicher war die Intention, das Deutsch-tümelnde und Reaktionäre des Stoffes zu eleminieren, dabei schüttete man aber das Kind mit dem Bade aus und reduzierte Handlung und Ambiente auf ein Mindestmaß, das szenische Öde und Langeweile verbreitete.

„Die Meistersinger von Nürnberg“, Premiere am 12.6.2022 in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Thomas Aurin

Niemand hatte ernsthaft erwartet, vom Regieteam Jossi Wieler/Anna Viebrock/Sergio Morabito ein mittelalterliches Nürnberg mit Butzenscheiben-Optik serviert zu bekommen. Was aber in knapp sechs Stunden inklusive Pausen zu sehen war, kann man nur als Bankrott-Erklärung dieses Teams bezeichnen. Zu sehen war nämlich schlicht Nichts, die unstrukturierte Handlung spielte sich vor einem hässlichen Einheitsbühnenbild ab, das mal Singschule, mal Nürnberger Gasse, mal Festwiese sein sollte. Für keines dieser Szenarien war es geeignet und trug zu der bleiernen Langeweile bei, die sich über die nicht enden wollenden Stunden dieser Aufführung legte.

Es würde Seiten füllen, alle abstrusen Ideen zu beschreiben, die erfolgreich dazu beitrugen, Wagners Oper zu diskreditieren. Ein Schuster, der den ganzen Abend barfuß herumläuft und Bier aus der Flasche trinkt, eine penetrant leuchtende Digitaluhr, Kostüme, die an einfallsloser Tristesse kaum zu übertreffen waren. Dazu kopulierende Paare in Nürnbergs Gassen und eine fast schon pornographische Szene zwischen Sachs und Eva, von dem kindisch notgeilen Verhalten Evas und Stolzings ganz zu schweigen.

„Die Meistersinger von Nürnberg“, Premiere am 12.6.2022 in der Deutschen Oper Berlin, copyright: Thomas Aurin

Mit dieser, vor allem sterbenslangweiligen Produktion, hat sich die Deutsche Oper Berlin nach ihrem desaströsen Ring einen weiteren Klotz ans Repertoire-Bein gebunden. Diese Meistersinger möchte man ganz bestimmt kein zweites Mal sehen. Am Ende gab es erstaunlich viel Beifall, allerdings auch deutliche Buh-Rufe für das Regieteam. Wie lange wird die Leidensfähigkeit des Publikums noch anhalten?

Peter Sommeregger, 13. Juni 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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