Dieser Wagner atmet: Weltklasse-"Parsifal" begeistert 2000 Menschen im Bayreuther Festspielhaus

Richard Wagner, Parsifal,  Bayreuther Festspiele, 30. Juli 2019

Foto: Enrico Nawrath
Bayreuther Festspiele
, 30. Juli 2019
Richard Wagner, Parsifal

Semyon Bychkov, Dirigent,
Andreas Schager, Parsifal
Georg Zeppenfeld, Gurnemanz,
Elena Pankratova, Kundry,
Derek Welton, Klingsor
Ryan McKinny, Amfortas
Wilhelm Schwinghammer, Titurel,
Katharina Konradi, Zaubermädchen
Festspielorchester und Festspielchor der Bayreuther Festspiele

von Andreas Schmidt

Oh, what a night: „Parsifal“, Richards Wagners Lebensabschiedsoper, sein Meisterwerk: am 26. Juli 1882 uraufgeführt bei den zweiten Bayreuther Festspielen, knapp sieben Monate, bevor das Jahrtausend-Genie in Venedig starb.

Dieser erste Bayreuther „Parsifal“ bot die bislang beeindruckendste Solisten-, Orchester- und Chorleistung der Bayreuther Festspiele. Alle Akteure waren mindestens sehr gut, viele besser: so der Bass Günther Groissböck als Gurnemanz mit einer Weltklasseleistung, er bekam den stärksten Applaus. Weltklasse auch die Sopranistin Elena Pankratova als Kundry, der Tenor Andreas Schager als Parsifal, der Bariton Derek Welton als Klingsor und die Sopranistin Katharina Konradi – merken Sie sich bitte diesen Namen! – als Zaubermädchen.

Alle anderen Zaubermädchen, Knappen und Gralsritter waren sehr gut – wie auch Ryan McKinny als Amfortas und Wilhelm Schwinghammer als Titurel.

Kann ein Sänger bei einer Fortissimo-Stelle zu laut singen? Er kann: Das demonstrierte der niederösterreichische Heldentenor Andreas Schager als Parsifal. Bereits sein „Amfortas-Ruf“ im zweiten Aufzug geriet ein wenig zu laut – und auch danach gab er für den Geschmack vieler Zuschauer immer wieder ein wenig zu viel Gas. Das schmälerte seine Weltklasseleistung an diesem Abend nicht. Schager sang genauso hervorragend wie Klaus Florian Vogt vor drei Jahren. Seine Strahlkraft und sein Volumen vom Anfang bis zum Ende waren beeindruckend. Lesen Sie bitte auch ein ausführliches Interview mit Andreas Schager auf klassik-begeistert.de

Großes Interview mit dem Heldentenor Andreas Schager, Hamburgische Staatsoper, Bayreuther Festspiele

© Bayreuther Festspiele /Enrico Nawrath

Die viel kritisierte Inszenierung ist zeitgemäß; sie lenkt nicht von der gigantischen, in weiten Teilen ruhigen und getragenen Musik ab, einer Musik, die sprachlos macht. Dem Programmheft vorangestellt ist ein Zitat des Dalai Lama: „Ich denke an manchen Tagen, dass es besser wäre, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten.“ Die Gralsritter der „Parsifal“-Geschichte verortet Uwe Eric Laufenberg, Intendant des Hessischen Staatstheaters in Wiesbaden, in einer zerschossenen katholischen Kirche im Nahen Osten im heutigen Irak, der Wiege des Christentums. Flüchtlinge scheinen auf Feldbetten Kirchenasyl gefunden zu haben.

Ja, die Aufführung ist religionskritisch, aber auf gar keinen Fall „islamkritisch“, wie 2016 nach der Erstinszenierung zu hören war. Im zweiten Aufzug erscheint Parsifal in einem Kampfanzug mit vollgepackten Munitionstaschen in Klingsors Zauberschloss, das sich als Harem entpuppt. Parsifal ist auf Abwege geraten auf einen Kreuzzug – erst im dritten Aufzug wird er in der Begegnung mit Gurnemanz und Kundry geläutert. Nach Jahren kehrt er als Kämpfer in Ninja-Montur mit dem heiligen Speer zurück, der zum Kreuz geformt ist.

Foto: © Bayreuther Festspiele /Enrico Nawrath

Durch die drei Aufzüge führt Semyon Bychkov mit Herz und Seele. Und sehr klar. Düster wabernde Klangnebel? Fehlanzeige. Die musikalischen Bögen gliedern sich, die Melodien sprechen: Dieser Wagner atmet! Für Semyon Bychkov sind es die zweiten Bayreuther Festspiele als Dirigent. Er legt sehr viel Wert auf Transparenz und analytische Klarheit. Ovationen waren dem russischen Dirigenten, 1952 in Leningrad geboren, und dem Festspielorchester ebenso sicher wie dem unfassbar guten und präsenten Chor und allen Solisten. Lieber Chorleiter Eberhard Friedrich: Sie sind ein Genie. Was Sie aus diesen tollen Sängern herausholen, ist eine Wucht. Schade, dass Sie in Ihrer Stammoper in Hamburg nicht auf das gleiche Stimmenmaterial und die gleiche Begeisterung zurückgreifen können.

Für klassik-begeistert.de war es musikalisch gesehen der beste „Parsifal“ seit Jahren – das Dirigat Bychkovs war überragend; der Meister arbeitete viele Feinheiten wunderbar heraus, nur das Glockenspiel im dritten Aufzug geriet etwas zu leise.

Foto: © Bayreuther Festspiele /Enrico Nawrath

Den größten Applaus bekam an diesem Abend der Bass Günther Groissböck als Gurnemanz. Er war, was Stimmintensität und Genauigkeit anbelangt, der herausragende Sänger und bot eine makellose Aufführung. Note 1 plus, würde man in der Schule sagen. Sehr mächtig, wenn es sein musste, sehr dunkel, angenehm sanft an vielen Stellen und mit einer klaren, deutschen Aussprache gesegnet. Kaum jemand im Weltklasseformat hat eine so klare Artikulation wie der Niederösterreicher Groissböck.

Dass Wagners Abschieds- und Meisterwerk zu einem so außergewöhnlichen Erfolg wurde, lag an diesem Abend auch am Hauptdarsteller Parsifal selbst: Andreas Schager, einer der besten Heldentenöre der Welt. Schon im ersten Aufzug, Parsifal erlegt einen heiligen Schwan, kam seine stimmliche Überlegenheit zur Geltung, ab dem zweiten Aufzug zeigte der Ausnahmesänger, dass er akustische Höchstgenüsse zu erzeugen vermag.

Elena Pankratova, die international erfahrene Sopranistin mit exorbitanten Mezzo-Qualitäten, brillierte als Kundry: ein Oktavwunder mit ihrer tiefen Altlage bis zur höchsten, glänzenden Sopranlage; an der deutschen Aussprache könnte die Russin noch etwas arbeiten. Trotzdem: Eine 1-A-Sahne-Glanzleistung mit Gänsehautfaktor.

Amfortas (der US-Amerikaner Ryan McKinny), eine explizite Christusgestalt mit Dornenkrone und Wundmalen, überzeugte durch seine heldenbaritonale Stimme voll wunderbaren satten Schmelzes und sorgte mit seinem durchtrainierten Bodybuilding-Körper für Aufsehen.

Foto: © Bayreuther Festspiele /Enrico Nawrath

Der australische Bassbariton Derek Welton, Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin, sang als Klingsor Weltklasse in allen Registern und hat das Zeug zu einem ganz großen Vertreter seiner Zunft. Seine deutsche Aussprache ist beeindruckend gut, kein Wunder: Welton hat auch einen Bachelor in Deutsch an der University of Melbourne absolviert.

Was unterm Strich bleibt, war tosender Beifall für alle Beteiligten. Ein wunderbarer „Parsifal“!

Wunderbar war auch die heilige Ruhe unter den Zuschauern im Festspielhaus. Zum Glück kommen – vor allem nach Bayreuth – immer noch überwiegend Zuschauer, die ein Jahrtausendwerk wie den „Parsifal“ in innigster Verbundenheit und Dankbarkeit mit absoluter Ruhe und Konzentration verfolgen.

Andreas Schmidt, 30. Juli 2019,
klassik-begeistert.de
klassik-begeistert.at

PARSIFAL
Ein Bühnenweihfestspiel in drei Aufzügen
Libretto: Richard Wagner
Originalsprache: Deutsch
Uraufführung: 26. Juli 1882 Bayreuth

Ein Gedanke zu „Richard Wagner, Parsifal,
Bayreuther Festspiele, 30. Juli 2019“

  1. Lieber Andreas Schmidt,

    vielen Dank für Ihre ausführliche überzeugende und zutreffende Kritik des „Parsifal „. Da ich seit 1960 alle Parsifal-Produktionen in Bayreuth sehen durfte, (darunter Greindl und Hotter unter Knappersbusch), möchte ich nicht Ihnen beipflichten: eine der größten Parsifal-Abende!! Wann hat man die Visibilisierung des Gurnemannzsatzes „zum Raum wird hier die Zeit“ besser nachempfinden können,als in der Video-Fährt von der Kirche in Mosszl bis in die entferntesten Galaxien des Sonnensystems?

    Schade, dass dieser Parsifal nach 4 !! Jahren abgesetzt wird!

    Ich hatte das Glück, diesen Parsifal neun Mal sehen zu dürfen!
    Ich würde ihn gerne noch öfter erleben – allerdings nur hier in Bayreuth!!!!

    Elfriede Hofner

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