Stephen Gould singt mit 57 immer noch bewährt und stimmstark den Tannhäuser, und das konkurrenzlos von der ersten Note an

Richard Wagner, Tannhäuser,  Bayreuther Festspiele, 28. Juli 2019

Foto: © Enrico Nawrath
Bayreuther Festspiele, 28. Juli 2019
Richard Wagner, Tannhäuser

Der neue „Tannhäuser“ in Bayreuth“: Bei der Premiere gab es sehr viel Beifall und einige Buhs. Am zweiten Abend war das Publikum vollkommen aus dem Häuschen. klassik-begeistert.de-Autorin Kirsten Liese ist eine glühende Wagnerianerin und namhafte Kulturjournalistin … und sieht die Inszenierung etwas kritischer.

von Kirsten Liese

Oskar Matzerath mit Blechtrommel, eine schwarze Drag Queen im Tutu und eine wilde Autofahrt durch den Thüringer Wald auf Kinoleinwand, die mit dem Mord an einem Polizisten endet: Tobias Kratzer macht aus dem „Tannhäuser“ eine abstruse Comedy-Show, gespickt mit zusätzlichen frei erfundenen Figuren und einer Krimi–Einlage.

Aber auch Wagners Figuren sind nicht mehr die, die sie einmal waren: Tannhäuser begehrt seinen Auszug aus dem Venusberg als Clown, Elisabeth und Wolfram vögeln im Kleinbus. Der Sängerwettstreit ereignet sich im Bayreuther Festspielhaus.  Große Lacher ernten im Übrigen eine Videosequenz, in der die Transfrau Christian Thielemann auf einem Porträtfoto süffisant anflirtet, und eine schwarzweiße Filmsequenz mit Katharina Wagner, die die Polizei holt, als auf ihrer Bühne Chaos ausbricht.

Noch Fragen?  Man könnte jetzt endlos so weiter erzählen, welche Späßchen  sich Kratzer noch so hat einfallen lassen, der die Handlung aus dem Geist des Revolutionärs Richard Wagner in der seltener aufgeführten Dresdner Fassung entwickelt haben will. Aber wir machen an dieser Stelle einen Punkt, ist dies doch schon zuviel Aufmerksamkeit für eine verkorkste  Inszenierung.

Zum Glück war musikalisch nicht alles im Argen.  Stephen Gould singt mit 57 immer noch bewährt und stimmstark den Tannhäuser, und das konkurrenzlos von der ersten Note an – souverän erhaben über unvorteilhafte Kostüme und Maske (Rainer Sellmaier)- mit großem Einsatz, intonationssicher und guter Führung der Stimme.

Lise Davidsen, der neue Shooting-Star aus Norwegen, verfügt zweifellos über großes Material, Talent und eine schöne Stimme, singt aber streckenweise  mit dem falschen Ausdruck. Vor allem ihrem inniglichen Gebet „O holde Jungfrau hör mein Flehen“, fast so dramatisch vorgetragen wie Brünnhildes Schlussgesang in der“Götterdämmerung“, fehlt es an zärtlichen, filigranen Pianotönen.

Eine große tolle Stimme besitzt auch Elena Zhidkova,  deren kiffende, saufende, eiskalte Venus durch die zeitgeistschnittige Inszenierung allerdings am meisten leidet, weil sie ihr die betörende Verführerin gehörig austreibt.

Einzig Markus Eiches Wolfram berührt, ein Bariton, der sich auf die hohe, verloren gehende Kunst des Legatosingens versteht und sein Lied an den Abendstern wunderbar leise, lyrisch und zärtlich gestaltet.

Unter allen übrigen sei der hübsche Sopran von Katharina Konradi hervorgehoben, deren Hirten-Solo ohne Orchester zierlich, liebreich, intonationssicher und natürlich schön tönte.

Valery Gergiev, nach der Premiere viel gescholten für eine schlampige Einstudierung, hatte wohl vor dem von uns besuchten zweiten Abend zumindest noch etwas nachgeprobt. Fatale Wackler in den Pilgerchören (Einstudierung: Eberhard Friedrich) ließen sich nun nicht mehr vernehmen, nur im dritten Akt kam es zu kleineren Ungenauigkeiten zwischen Bühne und Graben.  In die Tiefen der Partitur drang der Russe gleichwohl nicht vor. Schade.

Kirsten Liese, 30. Juli 2019, für
klassik-begeistert.de

5 Gedanken zu „Richard Wagner, Tannhäuser,
Bayreuther Festspiele, 28. Juli 2019“

  1. „Genug ist besser, als zuviel“ oder warum ich hier an die Augsburger Puppenkiste denke.

    Nein, ich habe keine Vorstellung besucht, jedoch gelesen und gehört. Ich bin so froh, dass Kirsten Liese in ihrer Rezension nicht – in den doch in den Medien so verbreiteten – „Lobgesang“ auf die neue Tannhäuser Inszenierung (r)einfällt, sondern durchaus Kritisches anmerkt.

    Womöglich haben Besucher und Kritiker Schlimmes befürchtet und waren nun einfach erleichtert, diesmal einen bunten, ironischen, barrierefreien Tannhäuser-Comic zu erleben, in dem es auch mal „was zu Lachen“ gibt. Die Stunden vergingen wohl im Flug…

    Aber war das Wagners Tannhäuser? War das Oper?

    Lebt Oper nicht vom Entstehen im Moment und hat Oper nicht ihre ganz eigene Kraft und Stimme. Hat Oper Videoeinspielungen nötig, um zeitgemäß zu wirken, bringen sie echten Mehrwert? Kann eine Geschichte und die Botschaft des Regieteams heute nicht mehr mit den, der Oper eigenen Mitteln, vermittelt werden?

    Oder zeigt sich da nicht vielmehr ein Mangel an Vertrauen in die Gattung Oper und in ein Werk und seine Wirkmächtigkeit, das seit mehr als 170 Jahren Menschen berührt und zum Nachdenken verführt?

    Vor einigen Jahren hatte ich den Leiter der Augsburger Puppenkiste, Klaus Marschall, als Gast in einer TV Sendung. Er hat mich gefragt, wie oft ich denn glaube, dass in meiner Kindheit die Augsburger Puppenkiste im Fernsehen zu sehen gewesen sei. Ich habe auf 2 mal im Monat getippt und lag grandios daneben. 4 mal im Jahr und zwar an den Adventssonntagen, wäre korrekt gewesen.

    Er hatte auch eine Erklärung für meine fehlerhafte Erinnerung parat.

    Seine Mutter habe die Puppen geschnitzt und ihnen ein neutrales, emotionsfreies Gesicht gegeben. Jegliche Emotion hätten wir als Zuschauer selbst geschaffen und auf die Gesichter projiziert. Diese aktive Beteiligung als Zuschauer habe derart nachhaltige und tiefe Eindrücke hinterlassen, dass sich viele Menschen bei seiner Frage so sehr verschätzen.

    Also liebe Operregieführende: Knallt uns nicht zu mit Euren Ideen, lasst uns Raum zum aktiven Miterleben, vertraut den großen Werken (mehr als Euch selbst) und vertraut auch den Mitteln der Oper sich selbst mitzuteilen.

    Auch hier gilt: „Genug ist besser als zuviel.“

    Hans-Jürgen Mende

    Anmerkung: Hans-Jürgen Mende ist ein wunderbarer Moderator von NDR KULTUR.

    1. Lieber Herr Mende, Ihre zustimmenden Worte freuen mich sehr! Allein für einen solchen klugen Leser hat sich meine Kritik schon gelohnt!
      Meine Rezension ist noch diplomatisch, eigentlich ist dieser „Tannhäuser“ eine Bankrotterklärung und zeigt, dass die meisten Menschen unserer heutigen Spaßgesellschaft sich offenbar nicht mehr allein auf die Musik einlassen können, sondern alles nur noch nach der Optik bewerten. Ich fürchte mit Christian Thielemann, der das mal so gesagt hat, dass man eines Tages noch Bruckner-Sinfonien auf Leinwand illustrieren wird, damit die im Hören nicht mehr geschulten Zuhörer noch kommen.
      Das Publikum in Bayreuth hat sich ja leider auch sehr verändert. Die Connaisseure, die sich dort in früheren Jahrzehnten versammelten, haben sich längst frustriert zurückgezogen. Viele derer, die sich nun amüsieren, als wohnten sie einer Komödie von Feydeau bei, wissen kaum, worum es geht, haben keine Maßstäbe und glauben schafsköpfig, was sie lesen. Das merkt man an den Pausengesprächen, wo sich die Leute schnell noch die Handlung soufflieren, sich erzählen, wie gut sie sich amüsiert haben und verabreden, im nächsten Jahr auch mal wieder in die Arena di Verona zu gehen. Ich hätte ihnen gerne noch die Berliner Waldbühne empfohlen, da gibt’s während der Aufführung noch Würstchen und Schunkeln.
      Aber es ist nicht nur die Bilderlast, die schon mit Schlingensiefs „Parsifal“ in Bayreuth Einzug hielt. Es ist auch ein einfach schlechter, billiger Geschmack, der sich breit macht: Elisabeth und Wolfram beim Sex – plumper gehts nimmer.
      Das überwältigende Echo dazu in großen deutschen Tageszeitungen- unfassbar.
      Von 1994- bis 2009 war ich jährlich in Bayreuth, weiland für die Gießener Allgemeine, und durfte noch die Ausläufer einer großen goldenen Ära und die Anfänge des genialen Christian Thielemann als Wolfgangs Ziehsohn erleben. Seither habe ich immer mal eine Pause eingelegt, weil der szenische Stil immer schlechter wurde. Auf einen Regisseur, der kokettierend „Wagner, ist ein Arschloch“ herumläuft, verzichte ich bestens. Eigentlich komme ich nur noch wegen Christian Thielemann. Sollte er irgendwann seinen Abgang machen, wird das auch meiner.
      Herzliche Grüße, Kirsten Liese
      PS: Ich würde Sie gerne mal kennen lernen.

      1. Liebe Frau Kirsten Liese,
        vielen Dank für Ihre Rezension. Ich habe „Tannhäuser“ „nur“ im Kino gesehen und war entsetzt. Ich habe es unglaublich gefunden, eine solche Inszenierung zu bejubeln. Und weil so viele begeistert darüber geschrieben haben, musste ich in mich gehen und überlegen, ob ich daneben stehe. Und: mir war kein einziges Mal zum Lachen.

        Irmgard Sailer

      2. Danke!!!!
        Endlich eine vernünftige Besprechung.
        Wie lange und wie oft müssen wir diesen Unsinn noch ertragen?

        Helmut Schmiedeberg

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