Mit Parsifal in Spitzenform geht die Ära Schirmer in Leipzig zu Ende

Richard Wagner, Parsifal  Oper Leipzig, 14. Juli 2022

Foto: © Tom Schulze

René Pape ist und bleibt der beste Wagner-Bass der Gegenwart, auch Andreas Schager und Elena Pankratova zeigen sich in Höchstform. Das Orchester komplettiert das Abschiedsgeschenk der Extraklasse für den scheidenden Generalmusikdirektor und Intendanten Ulf Schirmer. Ein unvergesslicher Abend in Leipzig.

Oper Leipzig, 14. Juli 2022

Parsifal
Musik und Libretto von Richard Wagner

von Johannes Karl Fischer

René Pape kommt zum Schlussapplaus auf die Bühne, donnernder Applaus tritt ein, der Boden bebt. Weil klatschen nicht reicht, um die Leistung dieses Ausnahme-Sängers ausreichend zu würdigen. 2019 schrieb klassik-begeistert-Autor Andreas Schmidt: „In Wien sang der derzeit beste Gurnemanz der Welt, René Pape“… Auch von zwei harten Pandemie-Jahren lässt er sich keine Steine in den Weg legen. Wagners Orator perfectus – nein, Cantor perfectus – ist er, makellose Monologe kombiniert mit stimmlichem Perfektionismus. Seine Stimme singt alles andere völlig zu Boden, der Gurnemanz liegt ihm noch besser als der Marke und der Orest.

Staatsoper Berlin, (c) Jiyang Chen

Andreas Schager (Parsifal) lässt Trommelfelle schwingen („Amfortas! Die Wunde“), seine Stahlkraft-Stimme segelt durch den Saal. Auf einen sensationellen Samson und einen tadellosen Tristan folgt nun ein fabelhafter Parsifal. Er ist von Anfang an der Held, der den heiligen Speer dem Zauberer Klingsor entreißen und den Rittern zurückgeben wird. Weder von den Blumenmädchen noch von Kundry lässt er sich davon aus dem Ruder bringen, er ist einfach zu stark für sie.

© David Jerusalem: Andreas Schager

Stichwort Kundry –  Elena Pankratova meisterte die Hammerrolle über zweieinhalb Oktaven Ambitus mit Bravour! Ihre Kundry ist keine schwärmerische Verführerin, stattdessen eine machtdemonstrierende, kraftvolle Königin-Göttin. Mit stimmstarkem Sopran hat sie auch in den höchsten Lagen eine bissige Präsenz – eine Kundry mit Turandot-Infusion. Eigentlich völlig unlogisch, dass auch sie an Parsifal scheitert. Wagner schreibt für diese Rolle übrigens „Sopran oder Mezzo-Sopran“ vor – ist Wurst, muss eh beides können, und das kann sie auch.

Falk Struckmann (Klingsor) ist auch nach vielen Jahre Spitzenkarriere immer noch bestens in Form. Seine R’s und E’s röhren, die Kraft von Klingsors Zauber liegt ihm auf der Zunge. Wie Pape, nur härter. Wenn er „Meister“ singt, könnte das genauso „nennt man die!“ weiter gehen – sein legendärer Sachs liegt mir immer noch im Ohr. Die Idealbesetzung für diese recht kurze Rolle. Matthias Hausmann sang einen lyrisch leidenden Amfortas, seine solide Stimme war die perfekte Ergänzung zu den anderen Hauptrollen.

Kurz vor Ende schwebte eine strahlende Stimme aus einer Seitenloge durch den Zuschauerraum – die „Stimme aus der Höhe“ kam tatsächlich aus der Höhe. Sandra Janke konnte die optimalen akustischen Verhältnisse voll und ganz zu ihren Gunsten nutzen. Eine Mini-Rolle mit nur zwei Zeilen Text, aber was für ein fabelhafter Schluss des ersten Aufzugs! Und ja, es wurde auch nach der Abendmahlszene geklatscht. Nicht sehr laut, offensichtlich saßen einige Leute im Publikum, die ritualmäßig nach „Selig im Glauben“ die Hände im Gebet lassen.

Blumen- und Zaubermädchen waren aus dem Ensemble sehr stark besetzt, leider stachen hier immer wieder viele Einzelstimmen aus dem chorischen Gesang raus. Ja, es sind sechs Solostimmen vorgesehen, aber am Ende hat Wagner hier nicht umsonst die Blumenmädchen zusammengefasst.

(c) Kirsten Nijhof, Ulf Schirmer

Dieser Parsifal schließt in Leipzig nicht nur den Wagner-Zyklus, sondern markiert auch noch das Ende der Ära Schirmer als GMD und Intendant. Und was war das für ein Abschiedsgeschenk des Orchesters! Das Vorspiel zum ersten Aufzug wahrhaftig elektrisierend, die Verwandlungsmusik im dritten Aufzug kraftvoll, die Gralsglocken dringen durch wie im Stephansdom. Trotz sehr sparsamer Geigenbesetzung (12 Erste und 10 Zweite) war der saftige Bläserklang kein Problem für die Balance. Das wäre auch mit dem Gewandhausorchester ohne herausragendes Dirigat nicht möglich gewesen, wenngleich Schirmers Tempi etwas zum Schleppen neigten. Ein sehr besinnlicher Klang aus dem Graben.

Über die Inszenierung kann man sich – wie immer – streiten. Roland Aeschlimann bringt ein eher minimalistisches Konzept auf die Bühne, spielt viel mit Farben und optischen Illusionen. Diese Inszenierung ist synästhetisch. So wirklich aussagekräftig war sie nicht, gestört hat sie aber auch nicht. Viele interessante Anregungen, viel Symbolik, ein perfektes Polster, auf das sich die Musik drauflegen konnte. Das musikalische stand stets im Vordergrund.

Am Ende viel verdienter Applaus für alle Beteiligten. Ein Parsifal, den man so schnell nicht vergessen wird.

Johannes Karl Fischer, 15. Juli 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Anja Kampe, Stephen Gould, René Pape, Sächsische Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann Osterfestspiele Salzburg, 31. Oktober 2021

Richard Wagner, Parsifal, Wiener Staatsoper, 18. April 2019

Richard Wagner, Siegfried, Andreas Schager, John Lundgren, Kent Nagano, Staatsoper Hamburg

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