"Siegfried" in München: Okka von der Damerau singt wunderschön erdig, Nina Stemme Weltklasse

Richard Wagner, Siegfried,  Bayerische Staatsoper

Foto: Hösl (c)
Bayerische Staatsoper,
München, 3. Februar 2018
Richard Wagner, Siegfried  

von Tim Theo Tinn

„Dort wo die Brünste brennen“: Dahin will der Titelheld gemäß Richard Wagners Dichtung und Komposition „Siegfried“. Wird Brunst (geschlechtliche Erregtheit, Zeit der Paarung) im musikdramatischen Kampf um die Weltherrschaft zum beherrschenden Thema? Zumindest endet der zweite Tag des Bühnenfestspiels hier.

Der über fünfstündige Abend in der Bayerischen Staatsoper war in weiten Teilen großartig – die erfüllte inspirierende Dichte, das tiefensensible metaphysische Erfühlen in der vorangegangenen „Walküre“ erreichte den Rezensenten aber nicht in Gänze, bei aller Begeisterung.

Siegfried, Enkel Wotans, von den Geschwistern Siegmund und Sieglinde gezeugt, wächst beim Schmied und Ziehvater Mime (Nachtalbe und Gnom) auf, zu dem er wild und respektlos ist. Mime zieht ihn zum Erringen der Weltherrschaft auf. Wotan erscheint als Wanderer, abgeklärt will er unterschwellig Auskunft über die Entwicklung Siegfrieds: Ist er der erhoffte furchtlose Held, Erschaffer neuer Weltenordnung?

Die Riese Fafner besitzt den Ring für die Weltherrschaft und hat sich zu einem Lindwurm gewandelt. Mime motiviert Siegfried das Fürchten von diesem zu lernen, mit dem Hintergedanken dadurch zu Ring und Weltherrschaft zu kommen. Siegfried schmiedet aus Resten das machtvolle Schwert Nothung, da Mime dies nicht gelingt. Mime mischt inzwischen Gift, um Siegfried später zu töten.

Alberich, Bruder Mimes, ursprünglicher Eigner des magischen Rings, wartet vor Fafners Höhle. Er will den Ring. Wanderer Wotan warnt vor Siegfried und Mime. Alberich versucht erfolglos den Ring zu bekommen, indem er anbietet Siegfrieds Angriff auf Fafner zu verhindern. Mime erscheint mit Siegfried, der Fafner morden soll. Ein Waldvogel veranlasst den furchtlosen Held zu einem Hornruf, damit wird Fafner geweckt und von Siegfried getötet. Fafnerblut kommt an seine Lippen, und er kann die Worte des Waldvogels verstehen: Ring und Tarnhelm sind in der Höhle, Warnung vor Mime.

Alberich und Mime streiten um Siegfrieds Beute, dann bietet Mime Siegfried den Gifttrank.

Durch das Fafnerblut erkennt Siegfried die Absicht und erschlägt seinen Ziehvater. Der Waldvogel verrät den Weg zur schlafenden Brünnhilde im Feuerkreis.

Der Wanderer Wotan weckt Erda („der Welt weisestes Weib“), mit der er außerehelich Brünnhilde zeugte und die sein Ende prophezeite. Nun erhofft er Rat zu einer neuen Weltordnung, doch Erda hat die Urmutterweisheit verloren. Wotan gibt ihr ewigen Schlaf, nachdem er hoffend von Brünnhilde und Siegfried als zukünftige Weltenerlöser gesprochen hat.

Waldvogel und Siegfried treffen den Wanderer, den unbekannten Großvater, der Siegfried am Weitergehen hindert, um Furchtlosigkeit und Welterlöserhoffnung zu prüfen. Siegfried erkennt nur den Mörder seines Vaters, zerschlägt Wanderers Speer und der Weg zu Brünnhilde ist frei. Unbekümmert geht er durch den Feuerring und erlebt zum ersten Mal eine Frau und die Furcht. Zart weckt er Brünnhilde (seine Tante) und beide fallen in unbändigen Liebesrausch.

Derzeit beherrschen drei Formen die inszenatorischen Möglichkeiten:

  1. überbordender Einsatz technischer Installationen und Projektionen (siehe Valencia 2008 – Youtube): Gigantonomie – gewaltige, riesenhafte Optik.
  2. Gesellschaftspolitisch kritische Deutung im Heute angesiedelt – kongenial im Jahrhundertring 1976 in Bayreuth (siehe Youtube), findet allerdings mittlerweile im unsäglichen Regietheater oft fade Ergebnisse.
  3. Überbordender phantasievoller Einsatz rein theatralischer Mittel – dies ist die aktuelle Münchner Lösung; es ist wunderbar.

Andreas Kriegenburg besinnt sich auf die alte Theatertradition des Bewegungschors mit bis zu 100 Personen, offensichtlich eine Mischung aus Ballett und Statisterie, und schafft eine völlig neue Bildhaftigkeit. Die Szene wird vom Bewegungschor geschaffen: Räume, Bauwerke, Atmosphärisches; es entstehen Bilder durch menschliche Körper im Strudel des mystischen Gesamtkunstwerkes – beeindruckend in Gestaltung und präziser Einstudierung. Manches erinnert an Gollum aus „Herr der Ringe“, Pop-Art und andere Bildende Kunst. Das ist das Theater der Affekte und Assoziationen, begründet von Eisenstein in den 1920er-Jahren. So sind wegweisende Instrumente, mit denen sich Theater von allen Medien absetzen kann, am Münchner Nationaltheater zu erleben.

Atemberaubende menschliche Puzzle, prall und deutlich, verorten die Handlung und Atmosphären. Und doch können immer auch artistisch-akrobatische Momente, weg vom artifiziellen Impetus, Staunen machen, aber nicht beseelen: 30 Körper an Seilzügen, die drei Bäume bilden, ein unerhörtes Gewusel im Schmiedebild etc. Das Erda-Bild ist dann wieder ein Superlativ der Übersetzung von Ort und Gefühl, Atmosphäre in tiefem Empfinden – staunende Bewunderung des Gesamteindrucks. Da wäre noch vieles zu erwähnen – man findet sich in Abenteuern optischer Gestaltung. Das Ganze ist nicht heutig, schon gar nicht gestrig: es ist überzeitlich, auch nicht abstrakt, sondern eigenständig: werkimmanenter Richard Wagner im 21. Jahrhundert. Aktuelles? „Me too“, politische Hybris, Intrigen, Mord, Verleugnung, Trump-ismus – alles ist angerichtet, ohne Regietheater.

Das Bayerische Staatsorchester unter Kirill Petrenko: natürlich die erwartete Weltklasse, und doch: das erste Bild war zu laut, die Verehrung Petrenkos gründet beim Rezensenten auch aus der außerordentlichen Ziselierung, der wunderfeinen Akzentuierung der Töne, der Einsätze in Mikrosequenzen, der feinen Durchdringung dynamisch wunderbarer Abstufungen der Klangintensität. Es war ja alles perfekt – aber mir hat doch etwas gefehlt: möglicherweise wurde doch weniger akribisch geprobt, war die Orchesterbesetzung durch rigide Dienstplanvorgaben verwässert – es fehlte ein Quentchen Wunderweben.

Bei den szenischen Möglichkeiten der Sänger gab es keine Abstriche – durchgehend hervorragend –, Textverständlichkeit außerordentlich bis auf den Waldvogel.

Siegfried, Tenore robusto, schwerer Heldentenor. Stefan Vinke: die Partie gilt als schwierigste mit mörderischer Länge. Üblicherweise jubelt man schon, wenn der Sänger überhaupt durchkommt. Einmalig: im Piano erreicht er eine bisher ungehörte Qualität, Text, Stimmführung: das ist Weltklasse, ein Siegfried mit lyrischen Piano-Qualitäten, so noch nie gehört. Leider liegt die Partie überwiegend im hohen Forte/Fortissimo. Hier wird die Gesangskultur gewechselt: Er singt robust, kein „Hau-drauf“- Tenor, wie alle strengt er sich an, der Kräfteraub kann nicht unterschlagen werden – aber bis zum letzten Ton eine beachtliche Leistung.

Mime, Charaktertenor. Wolfgang Ablinger-Sperrhacke: begnadeter Sängerschauspieler mit durchaus lyrisch-heldischen Qualitäten und ganz feinem subtilen Rollenportrait

Wanderer, Bass-Bariton. Egils Silins: sehr schöne Stimme, baut seine Stimme linear auf, etwas gutturale Stimmkultur, kehlig gestemmt.

Alberich, Charakterbariton. John Lundgren ist auch Bass-Bariton. Hervorragend, insbesondere im 2. Aufzug beim Treffen mit dem Wanderer kann man die unterschiedlichen Stimmtypen, die doch sehr ähnlich klingen, vergleichen. Lundgren kann mit seiner Gesangstechnik Resonanzräume öffnen, die die Stimme schwerelos im Raum erscheinen lassen.

Fafner, Bass. Ain Anger: gut und zuverlässig in jeder Hinsicht.

Erda, Mezzosopran: Okka von der Damerau: Selten erlebt man die Deckungsgleichheit von Rollenprofil und Stimmfarbe: Hier ist es so! Erda wird auch als Erdmutter bezeichnet, und wunderschön erdig singt sie. Es bleiben keine Wünsche bei dieser Weltstimme offen.

Brünnhilde, hochdramatischer Sopran. Nina Stemme: Weltklasse.

Stimme des Waldvogels, Sopran. Mirella Hagen: sehr schöne Stimme und bezauberndes Spiel.

Nach über fünf Stunden belohnte das Publikum einen besonderen, anspruchsvoll unterhaltsamen Abend mit großem Applaus.

Tim Theo Tinn, 5. Februar 2018, für
klassik-begeistert.de

Musikalische Leitung             Kirill Petrenko
Inszenierung                             Andreas Kriegenburg
Bühne                                           Harald B. Thor
Kostüme                                      Andrea Schraad
Licht                                              Stefan Bolliger
Choreographie                          Zenta Haerter
Dramaturgie                              Marion Tiedtke
Dramaturgie                              Olaf A. Schmitt
Siegfried                                      Stefan Vinke
Mime                                            Wolfgang Ablinger-Sperrhacke
Der Wanderer                           Egils Silins
Alberich                                      John Lundgren
Fafner                                          Ain Anger
Erda                                              Okka von der Damerau
Brünnhilde                                Nina Stemme
Stimme eines Waldvogels   Mirella Hagen

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