Kein Buh in Bayreuth: Ein toller "Tristan" erobert die Herzen der Zuschauer

Richard Wagner, Tristan und Isolde  Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2022 (Eröffnung)

klassik-begeistert.de berichtet als einziger Klassik-Blog in Folge von der Eröffnung der Bayreuther Festspiele.

Foto, v.l.: Prof. Joachim Sauer, Ex-Kanzlerin Angela Merkel, Karin Baumüller-Söder und der Ministerpräsident des Freistaats Bayern, Markus Söder in der Mittelloge. Im Hintergrund der Entertainer Thomas Gottschalk.© Andreas Schmidt

Wie immer bleibt der Eindruck eines phantastischen Abends im Bayreuther Festspielhaus. Die Bayreuther Festspiele sind state of the art für Wagner-Liebhaber. Die Akustik auf dem Grünen Hügel ist amazing. Die Oper an diesem Abend eine der schönsten dieses Planeten: „Tristan und Isolde“. Komponiert in Liebe zu seiner Geliebten Mathilde Wesendonck, auf deren Grundstück er in Zürich mit seiner ersten Ehefrau und Mathildes Ehemann lebte… Uraufgeführt am 10. Juni 1865 im Königlichen Hof- und Nationaltheater, München.

Here we are tonight. Bayreuth, Oberfranken, 36 Grad.

Beifall bekam als einzige vor dem Festspielhaus vorfahrende Prominente die Ex-Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel. Sie verfolgt mit Ihrem Ehemann Professor Joachim Sauer seit vielen Jahren die Bayreuther Festspiele – und war sichtlich gut gelaunt. Mögen zukünftige Kanzlerinnen und Kanzler ein Quäntchen von Angelas Kultursinn übernehmen! Warum waren Sie nicht in Bayreuth, werter Herr Bundeskanzler Olaf Scholz? Sie waren als Hamburger Bürgermeister doch auch regelmäßiger Besucher der Hamburgischen Staatsoper. Allein, das Haus an der Dammtorstraße in Hamburg ist verglichen mit Bayreuth eine Provinzbühne.

Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2022 (Eröffnung)
Richard Wagner, Tristan und Isolde

von Andreas Schmidt (Text und Foto)

Trotz einigen Medienrummels wegen angeblich sexueller Übergriffe auf dem grünen Hügel und einem Reformversprechen der Prinzipalin Katharina Wagner, der Urenkelin Richard Wagners, von der sie ihre Person abhängig mache…

… haben die Bayreuther Festspiele 2022 so begonnen, wie Wagner-Liebhaber aus aller Welt sich dies wünschten: Mit tollen Stimmen, einer
Jahrtausendliebesschmerzoper  und – sensationell für die Eröffnung der Festspiele – keinen Buh-Rufen.

Kein Buh! Dafür Bravistürme!

Ja, es gab reichlich Bravi für ein – anfangs noch – bisweilen wackeliges Orchester, den feinfühligen, eingesprungenen Dirigenten Markus Poschner und Sänger, die alle weit über „Gut“ sangen.

Auch für die Inszenierung von Roland Schwab gab es nur Beifall – sehr ästhetisch, mit Farben, Wellen und Sternen arbeitend, ließ Schwab die Bonjour Tristesse der Vorjahresinszenierung („Der fliegende Holländer“) vergessen. Allein, die Personenführung war an diesem Abend recht langweilig und statisch, da wäre der australische Regisseur Barrie Kosky ein guter Ratgeber gewesen.

Richard Wagners gewaltige „Handlung in drei Aufzügen“ gilt neben seinem „Ring des Nibelungen“ als der Mount Everest für Sänger, Orchester, Regisseure. Musikalisch kamen die Zuschauer im Festspielhaus voll auf ihre Kosten.

„Tristan und Isolde“ unter funkelndem Sternenzelt im Bayreuther Festspielhaus Foto: Enrico Nawrath (c) Bayreuther Festspiele

Es ist berührend schön an diesem Abend dabei zu sein. Dieses Gefühl stellt sich bei „Tristan und Isolde“ wie bei Katharina Wagners letzter Inszenierung schon nach den ersten drei Takten des Vorspiels ein. Alles ist wie verwandelt: Raum und 2000 Menschen.

Es war große Klasse, was Markus Poschner den europäischen Ausnahmemusikern des Festspielorchesters im Bayreuther Graben abzuverlangen vermochte. Schon bei der Ouvertüre, deren Anfang zauberhaft leise und langsam den berühmten Tristan-Akkord zelebrierte, stellte sich Gänsehautgefühl ein. Auch die Hörner Anfang des zweiten Aufzuges hört man nirgends so gut wie in Bayreuth. Und die Streicher zu Beginn des dritten Aufzuges und das folgende Englischhorn-Solo des Hirten sind wegweisend.

Kommen wir zu den Stimmen:

Der Tenor Stephen Gould sang mit sehr viel Kraft und immer wieder mit sehr viel Gefühl – im dritten Aufzug ging ihm ein paar Mal die Luft aus. Der 60 Jahre alte Sänger aus Virginia ist sicher auf dem Höhepunkt seiner tenoralen Schaffenskraft. Er ist die Tenor-Säule dieser Festspiele 2022 – singt auch noch den Siegfried und den Tannhäuser. Eine fast unmenschliche Aufgabe!!! Gould bekam den zweitstärksten Applaus. Seine baritonale Tiefe berührt und bewegt; seine Textverständlichkeit ist befriedigend, obgleich er flüssig Deutsch spricht. Andreas Schager wäre für die Festspiele sicherlich ein würdiger Nachfolger für den US-Amerikaner als Tristan.

Die Neuinszenierung von „Tristan und Isolde“, hier die Titelhelden Stephen Gould und Catherine Foster. Foto: Enrico Nawrath/Bayreuther Festspiele

Und dann die Isolde: Catherine Foster sang sie wunderbar. Ihre Stimme erklang klar und hell, ihr Atem sehr lang. Ihr Gesang: meist souverän, in der Höhe nicht immer makellos. Unter den Hauptrollen ist sie gesanglich und auch darstellerisch das Highlight dieser Aufführung. Im Piano schenkt sie dem Publikum einige der besten Momente des Abends. Allein an ihrer Textverständlichkeit sollte die Britin noch deutlich arbeiten – aber das ist Jammern auf Weltklasse-Niveau. Tosender Applaus!

Mein Lieblingssänger des Abends war der Megabass Georg Zeppenfeld als Marke. Noblesse pur. Oh, wie schön, man kann sogar sein Deutsch verstehen… Zeppenfeld berührt mit seiner männlich-warmen Stimme. Er ist ein nobler Ritter der Gesangskunst.

Ekaterina Gubanova, deren Mezzo extrem wohlwollend klingt, aber an Wortdeutlichkeit noch einen klaren Zahn zulegen sollte… aber diese Frau singt soooo schön, in allen Registern Wohlfühlgefühl pur.
Sie ist eine Sängerin für größere Aufgaben auf dem grünen Hügel.

Seit 2007 ist Markus Eiche regelmäßig bei den Bayreuther Festspielen zu Gast und war dort als Kothner in „Die Meistersinger von Nürnberg“, Donner im „Rheingold“, Gunther in der  „Götterdämmerung“ und Wolfram in „Tannhäuser“ zu erleben. Seit 2019 gestaltet der Künstler dort die Partie des Wolfram in der aktuellen Inszenierung des „Tannhäuser“ von Tobias Kratzer. Dieser Weltklassebariton gehörte auch als Kurwenal wieder zu den Besten, sein Timbre hat einen Wiedererkennungswert der Extraklasse. Er möge bitte auch größere Partien in Bayreuth singen.

So geht Wagner!

Andreas Schmidt, 25. Juli 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

BAYREUTHER FESTSPIELE 2022 (BR-KLASSIK, 25. Juli 2022)

AUFTAKT MIT TRISTAN UND ISOLDE – LIVE IN BR-KLASSIK

Heute starten sie wieder, die Bayreuther Festspiele! Erstmals seit zwei Jahren wieder ganz „normal“, sprich mit 100-Prozent-Auslastung, ohne Gs und Masken. Fünf Premieren wird es zu erleben geben: den Ring des Nibelungen und zum Auftakt heute Tristan und Isolde.

Um kurz vor 16 Uhr werden sich die Türen des Festspielhauses schließen – für die erste Premiere der diesjährigen Wagner-Festspiele: Tristan und Isolde. Inszeniert hat das Stück Regisseur Roland Schwab – er sei mit der  Tristan-Inszenierung am Ort der höchsten Begeisterung angekommen, wie er selbst sagt. Wagner sei sein dauerhafter Lebensgefährte seit früher Jugend und Tristan und Isolde ein zutiefst poetisches Stück, dem man mit kalter Analyse nur bedingt beikomme. Schwab will das Publikum erreichen, indem er dessen Sehnsucht anspricht. „Damit stelle ich mich sicher gegen einen Kontext des Regietheaters, nämlich Sehnsüchte zuzulassen“, so der Regisseur. Bestätigt sieht er seinen Ansatz in der aktuellen Zeit. „Ich mache ein Theater einer – nicht kitschig verstanden – aber doch einer Weltflucht. Mit den beiden Liebenden lösen wir uns von den grellen Tagesaktualitäten.“ Ein ultimatives musikalisches Erleben soll Schwabs Inszenierung werden.

GRELLE TAGESAKTUALITÄTEN – SEXISMUS UND CORONA

Angesichts der jüngsten Ereignisse ein Wunsch, den vermutlich viele des Festspiel-Ensembles teilen. Derzeit sorgen Sexismusvorwürfe für Aufruhr in Bayreuth. Vorwürfe der Belästigung von Mitarbeiterinnen stehen im Raum. Katharina Wagner hatte erklärt, sogar selbst Opfer körperlicher Übergriffe gewesen zu sein. Sie hat bereits Konsequenzen gezogen, andere könnten das aber nicht so leicht. „Ich möchte an alle nochmal appellieren sich zu melden, weil mir das sehr nahegeht und ich das sehr gut verstehen kann, dass man, wenn man in Abhängigkeitsverhältnissen ist, sich erst recht nicht äußern möchte“, erklärte sie auf einer Pressekonferenz am Samstag.

Es werde einen Briefkasten geben, wo Betroffene auch anonym Übergriffe melden könnten. Sollte jemand dort nicht gesehen werden wollen, rufe sie dazu auf, ihr Briefe im Wortsinn unter der Bürotüre durchzuschieben oder auch nach Hause zusenden. Als weiteren Schritt habe die Geschäftsleitung beschlossen, nach der heutigen Premiere eine Arbeitsgruppe einzurichten, die sich um das Thema Prävention kümmern soll, so Wagner weiter. „Ich möchte alles dafür tun, dass die Menschen geschützt werden und ich bitte wirklich, den Mut aufzubringen, damit wir überhaupt handeln können!“

UMBESETZUNGEN WEGEN CORONA

Neben den Sexismusvorwürfen hat Bayreuth in diesem Jahr auch mit anderen Problemen zu kämpfen, denn wie überall macht sich auch hier die aktuelle Sommer-Coronawelle bemerkbar. Ständige Umbesetzungen waren die Folge und erforderte von allen Beteiligten große Flexibilität. Pietari Inkinen, der eigentlich den Ring dirigieren sollte, fällt wegen einer schweren Corona-Erkrankung aus, statt seiner dirigiert nun Cornelius Meister. Er war eigentlich als Dirigent für den Tristan vorgesehen. Für ihn übernimmt die musikalische Leitung bei der heutigen Premiere nun Markus Poschner.

Tristan und Isolde sei eine Oper, in der wir das Innere nach außen kehren müssen, so Markus Poschner. Es sei eine Musik über das Absolute und Unerreichbare, über die Ewigkeit der Liebe. „Es geht um eine andere Welt“, so Poschner im BR-KLASSIK-Interview. Er ist überezugt, dass wir in alle Ewigkeit von dieser Musik berührt werden. Man müsse sich öffnen und darauf einlassen, so Poschner. Dann trage diese Musik uns in ein anderes Universum, in ein anderes Planetensystem. Die Besetzung der Premiere ist gewohnt prominent: Stephen Gould singt den Tristan (im Verlauf der Festspiele außerdem noch Siegfried und Tannhäuser), Catherine Foster die Isolde.

PROMIAUFLAUF AUF DEM GRÜNEN HÜGEL

Aber nicht nur auf der Bühne geht es prominent zu – am Roten Teppich vor dem Königportal werden heute wieder viele Ehrengäste erwartet: Altkanzlerin Angela Merkel, Kulturstaatsministerin Claudia Roth und auch der albanische Ministerpräsident Edi Rama haben die Einladung angenommen, ebenso Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, zahlreiche Mitglieder des bayerischen Kabinetts, Entertainer Thomas Gottschalk und Schauspieler Udo Wachtveitl.

Andreas Schmidt, 25. Juli 2022  für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

SENDETERMIN IM ÜBERBLICK

Tristan und Isolde
25. Juli, 15.57 Uhr auf BR-KLASSIK

Das Rheingold
31. Juli, 20.04 Uhr auf BR-KLASSIK

Die Walküre
1. August, 20.04 Uhr auf BR-KLASSIK

Siegfried
3. August, 20.04 Uhr auf BR-KLASSIK

Götterdämmerung
5. August, 16 Uhr Video-Livestream auf BR-KLASSIK Concert
5. August, 20.04 Uhr auf BR-KLASSIK
6. August, 20.15 Uhr im 3sat

Lohengrin
24. September, 19.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Tannhäuser
22. Oktober, 19.05 Uhr auf BR-KLASSIK

Der Fliegende Holländer
19. November, 19.05 Uhr auf BR-KLASSIK

 

Musikalische Leitung Markus Poschner
Regie Roland Schwab
Bühne Piero Vinciguerra
Kostüm Gabriele Rupprecht
Dramaturgie Christian Schröder
Licht Nicol Hungsberg
Chorleitung Eberhard Friedrich
Video Luis August Krawen
Tristan Stephen Gould
Marke Georg Zeppenfeld
Isolde Catherine Foster
Kurwenal Markus Eiche
Melot Olafur Sigurdarson
Brangäne Ekaterina Gubanova
Ein Hirt Jorge Rodríguez-Norton
Ein Steuermann Raimund Nolte
Junger Seemann Siyabonga Maqungo

 

  • Freitag, 12. August 2022, 16:00 Uhr

 

Beginn 1. Akt: 16:00 Uhr

Beginn 2. Akt: 18:20 Uhr

Beginn 3. Akt: 20:40 Uhr

Ende: ca. 21:55 Uhr

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Bayreuther Festspiele, 25. Juli 2022 (Eröffnung)“

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