Ritterbands Klassikwelt 3/2019: Tyrannen auf der Opernbühne – und wie sie enden

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Tyrannen sind natürlich Macbeth und Boris Godunov und – zumindest aus Schweizer Sicht – der Prototyp für alle Tyrannen: Der habsburgische Landvogt Gessler in Rossini’s Wilhelm Tell. Giacomo Meyerbeers Prophet wird in der gleichnamigen Oper mehrmals als „Tyrann“ bezeichnet – unter anderem von seiner eigenen Mutter Fidès. Es gibt Anti-Tyrannen, die nur gut und positiv sind, wie Titus in Mozarts „Clemenza di Tito“, und es gibt Tyranninnen, also Tyrannen weiblichen Geschlechts – Turandot in Puccinis letzter (und unvollendeter) Oper, die grundsätzlich alle Freier einen Kopf kürzer machen lässt, welche ihre drei ziemlich lapidaren Rätsel nicht erraten.

von Charles E. Ritterband

Das Personal der Opern besteht üblicherweise aus mehr oder weniger tragisch Verliebten, weniger aus erfolgreichen und meist aus gescheiterten Helden. Auffällig ist aber die Häufigkeit der Tyrannen auf der Opernbühne.

Die Liste ist lang: Sie reicht vom brutalen Römer Polizeichef Scarpia, der den politischen Gefangenen Angelotti in den Tod treibt und den Künstler Cavaradossi trotz Zusicherungen erschießen lässt, vom Gouverneur eines Staatsgefängnisses bei Sevilla, einem gewissen Don Pizarro, der den Gefangenen Florestan im tiefsten, dunkelsten Kerker verborgen hält und ihn möglichst bald aus der Welt schaffen will – bis hin zu den kleinen Tyrannen im eigenen Haushalt, wie den Doktor Bartolo, der sein Mündel Rosina wie eine Gefangene hält und Graf Almaviva, der eben diese Rosina zu seiner Gräfin macht und dann in seinem Schloss herrscht wie ein Despot und der trotz aller Versprechungen nicht auf das althergebrachte „ius primae noctis“ verzichten will und mit List und Tücke versucht, Susanna, die Braut seines Kammerdieners Figaro noch in der Hochzeitsnacht ins Bett zu kriegen.

Ein Tyrann ist Don Giovanni – zumindest gegenüber seinem Kammerdiener Leporello; ein Haustyrann ist Don Pasquale, bei dem der Spass aufhört, als er seinen Neffen Ernesto enterbt, weil dieser nicht die Frau heiraten will, die Pasquale für ihn bestimmt hat und stattdessen die schöne Norina liebt.

Tyrannen sind natürlich Macbeth und Boris Godunov und – zumindest aus Schweizer Sicht – der Prototyp für alle Tyrannen: Der habsburgische Landvogt Gessler in Rossini’s Wilhelm Tell. Giacomo Meyerbeers Prophet wird in der gleichnamigen Oper mehrmals als „Tyrann“ bezeichnet – unter anderem von seiner eigenen Mutter Fidès. Es gibt Anti-Tyrannen, die nur gut und positiv sind, wie Titus in Mozarts „Clemenza di Tito“, und es gibt Tyranninnen, also Tyrannen weiblichen Geschlechts – Turandot in Puccinis letzter (und unvollendeter) Oper, die grundsätzlich alle Freier einen Kopf kürzer machen lässt, welche ihre drei ziemlich lapidaren Rätsel nicht erraten.

Natürlich sind alle Tyrannen durchwegs Baritone oder Bassbaritone – und ihre Opfer (Florestan, Cavadossi) oder im Idealfall jene, die sie besiegen (Tell!) Tenöre.

Interessant sind die Ausnahmefälle: Der Tyrann Don Pizarro wird von einer Frau besiegt, die sich als Mann verkleidet (Leonore alias Fidelio) und dessen Opfer Florestan liebt und befreit, ebenso der Machtmensch Scarpia, dessen Wunschtraum eines kleinen sexuellen Abenteuers nach seinem Dinner jäh mit einem Dolchstoß endet, den ihm die ersehnte Partnerin verpasst.

Doch dieser Bösewicht ist so böse, dass seine Bosheit sogar seinen eigenen Tod überdauert: Er hat zwar ein Laissez-Passer für Tosca und Cavaradossi ausgestellt, aber vor seinem Tod noch die Anordnung gegeben, dass die angebliche Schein-Hinrichtung mit Platzpatronen als echte Erschießung durchgeführt werden solle.

Der einzige Tenor-Tyrann, der mir spontan einfällt ist Othello: Er ist eigentlich kein Tyrann, wird aber durch die üblen Machenschaften des Jago zum eifersüchtigen Tyrannen, der seine sanfte Desdemona zuerst öffentlich erniedrigt, dann privat erwürgt. Philipp II. in Verdis Don Carlos ist zweifellos ein Tyrann – er heiratet die französische Prinzessin Elisabeth, und schnappt dem eigenen Sohn damit die Geliebte vor der Nase weg – und lässt diesen dann einkerkern und seinen besten Freund Rodrigue meuchlings erschießen.

Sarastro in der Zauberflöte wird zwar in der Propaganda der Königin der Nacht als Tyrann hingestellt – ist aber keiner, denn er will nur (gewaltsam, zugegebenermaßen) die freimaurerischen humanistischen Ideale unter die Leute bringen: „Zur Liebe will ich dich nicht zwingen“, sagt er der Pamina, Tochter der Königin der Nacht – fügt dann aber doch sogleich hinzu „doch geb ich dir die Freiheit nicht“. Auch hält er sich einen höchst dubiosen Mohren, den Monostatos, der ziemlich schlechte Manieren hat.

Tyrannen sind nicht nur Leute, die anderen ihren Willen mehr oder weniger gewaltsam aufzwingen – sie halten sich auch Angestellte, an welche sie die Gewalttätigkeit gewissermaßen delegieren. Das ist auch so bei Bassa Selim in der „Entführung aus dem Serail“, dessen Haremswächter Osmin auch ein ziemlich übler Bursche ist. Doch der Bassa entpuppt sich als aufgeklärter beziehungsweise als geläuterter Tyrann und begründet seine Gnade mit dem weisen Satz, es bereite ihm ein weit größeres Vergnügen, eine erlittene Ungerechtigkeit durch Wohltaten zu vergelten als Laster mit Lastern zu tilgen. Osmin ist allerdings nicht ganz so weit, er hätte eine andere Lösung des Problems vorgezogen – so recht nach Tyrannen-Manier. „Erst geköpft, dann gehangen, dann gespießt auf heiße Stangen“.

Bei der Tyrannin Turandot gibt es zu guter Letzt eine sanfte Lösung: Sie wird von der Liebe besiegt und küsst am Ende den kühnen Tatarenprinz Kalaf. Doch das hat leider Puccini selbst nicht mehr erlebt.

Die Tyrannen enden alle irgendwie durch einen gewaltsamen Tod – die Oper ist zwar grundsätzlich und in aller Regel eine tragische Angelegenheit, aber meist siegt am Ende doch die Gerechtigkeit. Gessler wird erschossen, Scarpia erstochen, Don Giovanni fährt zur Hölle, Othello stößt sich selbst den Dolch ins Herz, Graf Almaviva wird im nächtlichen Garten der allgemeinen Lächerlichkeit preisgegeben, und Don Pasquale, der sich mit seiner Pseudo-Ehe mit Norina doch etwas übernommen hat, wird (zumindest in der Neuinszenierung an der Londoner Royal Opera, die ich soeben gesehen habe) auf einem Rollstuhl ins Altersheim verbannt.

Meyerbeers selbsternannter Prophet namens Jean – ein Grosshans fürwahr – sprengt sich am Ende selbst (und zugleich alle anderen) in die Luft, nachdem seine geliebte Berthe den Giftbecher getrunken hat. Spektakulär tragisch, wie Oper zu sein hat.

Es ist tröstlich, dass die Tyrannen in der Oper ausnahmslos eines unnatürlichen Todes sterben, auch wenn dies ihren Opfern meist wenig nützt. Und es ist schön zu sehen, dass Frauen – auch wenn sie dazu Männerkleider zu tragen haben – sich erfolgreich gegen das Wüten von Tyrannen zur Wehr setzen.  Und dass auch Tyranninnen besiegt werden können – durch das Grundprinzip der Oper: Liebe.

Dr. Charles E. Ritterband, Wien, 20. Oktober 2019, für
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Der Publizist und Journalist Dr. Charles E. Ritterband, 66, geboren in Zürich / Schweiz, ist Verfasser mehrerer Bestseller („Dem Österreichischen auf der Spur, „Österreich – Stillstand im Dreivierteltakt“ sowie „Grant und Grandezza“) und hat als Auslandskorrespondent 37 Jahre aus London, Washington, Buenos Aires, Jerusalem und Wien für die renommierte Neue Zürcher Zeitung (NZZ) berichtet. Er studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Staatswissenschaften an den Universitäten Zürich und Harvard sowie am Institut d’études politiques de Paris und an der Hochschule St. Gallen. Seit Kindesbeinen schlägt Charles’ Herz für die Oper, für klassische Konzerte und für das Theater. Schon als Siebenjähriger nahm ihn seine Wiener Oma mit in die Johann-Strauß-Operette „Eine Nacht in Venedig“. Die Melodien hat er monatelang nachgesungen und das Stück in einem kleinen improvisierten Theater in Omas Esszimmer nachgespielt. Charles lebt im 4. Bezirk in Wien, auf der Isle of Wight und in Bellinzona, Tessin.

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