Gewalt ist der neue Sex: „Salome tanz“ als interaktives Tanzdrama

Salome tanz, Eyal Dadon, Uraufführung,  Gärtnerplatztheater München, 28. Februar 2020

Foto: © Marie-Laure Briane

„Die Botschaft haben die zum Teil sehr jungen Zuschauer sofort begriffen. Meine begeisterte Sitznachbarin fragt, warum das Stück nicht heißt: ‚Super-Mario tanzt.‘ Zuschauer erreicht, würde ich sagen. Salome ist in der Gegenwart angekommen.“

Gärtnerplatztheater München, 3. März 2020

Salome tanz (Uraufführung), Ballett von Eyal Dadon

von Barbara Hauter

Der israelische Choreograph Eyal Dadon liebt Videospiele. Und war fasziniert von Oscar Wildes Einakter Salome. Die Story erschien ihm als ein wahrer Plot für ein Computergame. Das ist die Vorgeschichte für sein Debüt als Choreograph im Münchner Gärtnerplatztheater, für das er mit diesen Bausteinen das moderne Ballett „Salome tanz“ inszeniert hat.

Salome – bekannt durch die Oper von Richard Strauss oder von Franz von Stucks Gemälden – ist eine typische Figur des Fin de Siècle. Freuds Theorien sind in intellektuellen Kreisen in aller Munde. Sexualität ist das Thema. Sie wird in Malerei und Bühnenkunst als bedrohliche Kraft, als zerstörerische Lüsternheit dargestellt. Tod und Sexualität sind eng verknüpft.

© Marie-Laure Briane

Wildes Salome ist eine Heranwachsende, die gerade die Wirkung ihrer weiblichen Reize entdeckt. Ihre knospende Sexualität wird begehrt, vor allem von ihrem Stiefvater Tetrarch Herodes. Der gibt eine Geburtstagsparty und wünscht sich von Salome einen Tanz. Sie ist nur bereit, wenn er ihr einen Wunsch erfüllt. Sie tanzt den berühmten lodernd-schwülstigen Tanz der sieben Schleier. Und fordert als Preis den Kopf von Johannes dem Täufer. Der ist Herodes‘ Gefangener und hat sich den Avancen Salomes verweigert. Nun will sie seine toten Lippen küssen. Herodes zögert erst, gibt aber nach und köpft Johannes. Doch auch Salome muss sterben: Herodes tötet angewidert die hemmungslose und todbringende Femme fatale.

Eyal Dadon © Marie-Laure Briane

Eyal Dadon erzählt die Geschichte neu und modern. Die Figuren Herodes, Jonathan und Salome tauchen auf, doch die Tänzer wechseln die Rollen durch. Es geht ihm um die Gefühle, die sie verkörpern: Sehnsucht, Angst, Stolz, Gehorsam, Treue, Betrug. Weiche fließende Bewegungen zu vorwiegend romantischer Musik von Franz Schecker und Franz Schubert treffen auf eine Videospiel-Ästhetik: Lebendige Körper im Stil gepixelter Avatare treten in Interaktion mit dem Publikum, das sich mit Hilfe von Abstimmungskarten durch sechs Levels spielen kann. „Wer soll sterben? Er oder sie?“, wird abgefragt. Je nachdem, wie viele Zuschauer ein schwarzes Kreuz oder ein weißes O hochhalten, geht die Geschichte weiter.

Statt schwülstiger Triebhaftigkeit serviert Dadon Gewalt. Vielleicht in unserer Zeit das größere und herausforderndere Thema, an Sexualität haben wir uns bereits abgearbeitet. Entsprechend verschwimmt auch die Grenze zwischen weiblich und männlich, Tänzer und Tänzerinnen sind kaum zu unterscheiden, die Pas de Deux ohne Erotik. Dafür heißt es „Mir ist langweilig. Lasst uns töten“. Der Tänzer wird zum Gamer, der andere Tänzer reihenweise abknallt. Immer begleitet von einer Kamera, deren Bilder an die Bühnenrückwand projiziert werden. So entsteht eine zweite Ebene, das Geschehen wird noch mehr zu einem Videospiel, zeigt aber gleichzeitig dem Zuschauer eine zusätzliche Perspektive auf die Tanzenden.

Am Ende werden alle geköpft und auf Level 6 heißt es dann lapidar: „Das ist alles.“ Das Spiel der Tänzer und Zuschauer ist zu Ende und es ist nicht mehr als das: ein Spiel. Die Botschaft haben die zum Teil sehr jungen Zuschauer sofort begriffen. Meine begeisterte Sitznachbarin fragt, warum das Stück nicht heißt: ‚Super-Mario tanzt.‘ Zuschauer erreicht, würde ich sagen. Salome ist in der Gegenwart angekommen.

Barbara Hauter, 03. März 2020, für
klassik-begeistert.de

Dirigat: Michael Brandstätter

Choreografie: Eyal Dadon

Choreografische Mitarbeit: Tamar Barlev

Bühne: Matthias Koch

Kostüme: Bregje van Balen

Licht: Jakob Bogensperger

Video: Thomas Mahnecke, Christian Gasteiger

Dramaturgie: András Borbély T.

TänzerInnen: Guido BadalamentiJanne BoereClara CafieroDavid CahierAnna CalvoJoel Di StefanoTaylor DruryDouglas EvangelistaMarta JaénRodrigo Juez MoralMikayla LambertSerena LandrielJames NixIsabella PirondiRoberta PisuAriane RoustanLuca SeixasLuis Tena TorresDavid ValenciaLieke Vanbiervliet

Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz

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