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Das Wörtchen „noch“ haben wir hinzugefügt, denn wir wollten nicht nur von der Vergangenheit erzählen. Namen wie Rysanek, Janowitz, Hückl, Klein und Stolze werden unseren jüngeren Leserinnen und Lesern wohl kaum mehr viel sagen und schon gar nicht im Ohr sein können. Vielleicht die ersten zwei Sopranistinnen von CDs her.
von Lothar und Sylvia Schweitzer
So wollte ich im Jahr 1960 d e n Charaktertenor der Wiener Staatsoper, Peter Klein, als Mime erleben. „Gerhard Stolze“, ein neuer Name stand dann auf dem Besetzungszettel. Aber der neue Mime wurde zu einem meiner Lieblingssänger.
Noch ein Beispiel aus der Vergangenheit: Sylvia und ich erfuhren vor kurzem, dass die von uns sehr verehrte „Adriana Lecouvreur“, Marilyn Zschau, schon Jahre zuvor in der Wiener Volksoper die Marie/Marietta in Korngolds „Die tote Stadt“ gesungen hatte. Diese Oper, heute eine unsrer Lieblingsopern, war uns damals noch unbekannt. Ärgerlich!

Doch nun zurück in die Gegenwart! Der litauische Bass Simonas Strazdas gehört noch zum jungen Ensemble der Wiener Staatsopernfamilie und hat im Dezember 2025 gemeinsam mit Anna Bondarenko, von deren Musetta wir berichteten, dass sie Leben in das zweite Bild von Puccinis „La Bohème“ brachte, eine Ensemblematinee bestritten. Es gab einen österreichischen Eiskunstläufer der den entbehrlichen Titel „der ewige Zweite“ erhielt. Daran erinnert uns Strazdas, dem wir in unseren Rezensionen den Titel „Zukunftsbassist“ verliehen haben und der in dieser Saison zumindest laut Katalog nur als Zweiter Kommissar in „Dialogues des Carmélites“ und wieder in Puccinis Einakter „Gianni Schicchi“ als Notar, also in kleinen Rollen, angesetzt ist, obwohl er laufend fantastische Kritiken erhält.
Für seinen Fasolt gegen Ende der Saison in „Das Rheingold“ wünschen wir ihm toi, toi, toi. Wie wir im ersten Merker-Heft dieses Jahres überraschend erfahren haben, sang Strazdas im neuen „Fidelio“ den Minister. Ein Kollege schreibt von „orgeln“, für einen anderen ist die Stimme etwas zu dunkel. Im Premierenbericht steht im Gegenteil: „Sein schwarzer, ausgeglichener Bass passt sehr gut zum Minister Don Fernando.“ Doch im zweiten Satz kommt die konservative Seite des langjährigen Merkers heraus: „Vielleicht kommt die Partie für den jungen Sänger von seiner Persönlichkeit noch etwas zu früh.“

Anlässlich einer Aufführung der Oper „Animal Farm“ schrieben wir über Holly Flack: „Sprühend und funkelnd wird es bei der Stute Mollie, die ihr Glück bei den Menschen sucht. Die US-Amerikanerin kann mit ihrer spielerischen Höhensicherheit begeistern und wir hoffen auf ein Wiederhören in ebenso anspruchsvollen Partien.“ Dieser Wunsch wird in dieser Spielzeit nicht in Erfüllung gehen. Wir werden sie wieder nur als Mollie viermal im letzten Monat der Saison hören können. Keine Gilda, keine Zerbinetta.

Tobias Kehrer debütierte bei den Salzburger Festspielen 2012 als Truffaldin der Komödiantentruppe in der „Ariadne auf Naxos“. Ein Jahr später musste er sich mit der Partie des Nachtwächters in den „Meistersingern“ zufriedengeben. Zu den Festspielen 2014 ließ er uns als Polizeikommissar (für neu Opernbegeisterte: 3. Akt „Der Rosenkavalier“) aufhorchen. Unser Polizeikommissar (in Wien noch bis 1992 Kommissär geschrieben) debütierte einige Wochen später an der MET als Sarastro und zu den Glyndebourne Festspielen 2015 als Osmin! Den Weg an die Wiener Staatsoper fand der Bassist bloß einmal als Hunding am 12. Januar 2019 und in einer vierteiligen Staffel von Mozarts „Entführung“ als Osmin im März 2022. Obwohl seine Basskollegen in den Vorstellungen dieser Mozartoper rund um das Jahr 2022 keine große Konkurrenz waren. Im neuen Merker lasen wir eben über den „Siegfried“ der vorjährigen Bayreuther Festspiele: „Tobias Kehrer war ein überbesetzter Fafner. Man sollte ihm bald einmal größere Rollen gewähren.“ (Klaus Billand)

In der letzten Staffel der französisch-sprachigen Erstaufführung von Francis Poulencs „Dialogues des Carmélites“ an der Wiener Staatsoper tauchten unter den Frauenrollen zwei in Wien noch nicht so bekannte und beliebte Namen auf. Sabine Devieilhe musste gleichsam gegen sehr erfolgreiche, aufstrebende Vorgängerinnen als Sœur Constance singen. Wir vermerkten: „Uns gefiel die neue Constance. Eine in einzigen, wenigen Fällen nicht optimale Bewältigung passt zum Gesamtbild dieses Charakters besser als 100%ige Perfektion.“ Leider versäumten wir ihre Zdenka. Da ging sie anscheinend in der für uns nicht so interessanten Besetzungsliste unter. In der Rolle der Sophie im „Rosenkavalier“ können wir sie uns nach der „Constance“ weniger gut vorstellen, aber vielleicht wäre ihre Wandlungsfähigkeit interessant zu erleben gewesen.

Julie Boulianne sang mit wunderschönem Mezzo die Mère Marie, der die Novizin Blanche anvertraut wird. Etwas über ein Jahr vorher hatte sie ihr Hausdebüt an der Wiener Staatsoper und sang viermal Werthers „Charlotte“. Es ist bedauerlich, dass ihr Name in dieser Spielzeit nur wieder in den „Dialogues“ und in keiner anderen Partie aufscheint.

Bei „Tannhäusers“ Jungem Hirten in Person von Ilia Staple, der Woglinde der Tiroler Festspiele Erl, kamen die Kritiker einschließlich uns ins Schwärmen. Schade, dass bei der letzten Auswahl an Opern für unsere Berichte die Opern selbst und nicht die Sängerinnen und Sänger den Ausschlag gaben. Als Papagena und als Adele wäre eine Wiederbegegnung möglich. Bei der kleinen Rolle der Esmeralda, welche die Gruberova noch neben der Olympia und der Königin der Nacht gesungen hat, werden wir in der „Verkauften Braut“ auf Ilia Staple achtgeben.
Als Javotte, der Freundin Manons, wird sie uns bei unsrem Opernbesuch abgehen. Vermissen werden wir die Staple auch als Sandmännchen und Taumännchen, die Hänsel und Gretel als gute Geister begleiten. Als logische Folge wäre nach dem Jungen Hirten eigentlich die Partie des Yniolds, des Sohns von Golaud aus erster Ehe. Diesmal nicht Wagner, dafür Debussy. In Mozarts „Le nozze di Figaro“ fänden wir die Herausforderung der kleinen Rolle der schwer zu durchschauenden Barbarina als Sprungbrett zur Susanna an der Wiener Staatsoper geeignet. Andrerseits sang die Linzerin bereits am Staatstheater am Gärtnerplatz in München Gilda und die Königin der Nacht.

Für uns war sie die bisher eindrucksvollste Lulu der vier Damen, die wir auf der Bühne der Wiener Staatsoper erlebt haben. Woher wir die Zuversicht nahmen, dass bald nach Rom Agneta Eichenholz an der Wiener Staatsoper die Lulu singen wird, bleibt unerklärlich. Mit der Jenůfa und der Emilia Marty aus „Věc Makropulos“ desselben Komponisten Leoš Janáček hatten wir nicht das Glück. Als begeisterte Richard Strauss-Interpretin hatten wir bei einem Interview mit ihr den Eindruck, dass bald die „Marschallin“ kommen wird. Doch auch darüber lesen wir in den diesbezüglichen Mitteilungen nichts. Ihre Salome in Düsseldorf ist von der Regisseurin Tatjana Gürbaca so stark geprägt, dass ein Übergang in die Wiener Neuinszenierung mit Schwierigkeiten verbunden wäre.
Es würde für uns daher nicht nachprüfbar sein, ob ihre Salome wirklich zu seelenvoll klingt. Auch ihre „Freia“ wäre interessant, aber die aus dem Wiener Opernstudio kommende, talentierte Finnin, Jenni Hietala, soll auch eine weitere Chance erhalten.
Bei Durchsicht der einhundert Seiten umfassenden Broschüre „Wiener Staatsoper Spielzeit 2025/2026“ kommt uns zum Bewusstsein, wie viele Gesangstalente auf Erfüllung ihrer Träume warten.
Lothar und Sylvia Schweitzer, 17. Februar 2026, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Lothar und Sylvia Schweitzer
Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“
Schweitzers Klassikwelt 155: Chorsängerinnen und -sänger klassik-begeistert.de, 20. Januar 2026