Schweitzers Klassikwelt 69: Sie sind der Wiener Staatsoper abhandengekommen 

Schweitzers Klassikwelt 69: Sie sind der Wiener Staatsoper abhandengekommen  klassik-begeistert.de

Bild: Die Wiener Staatsoper, Oskar Kokoschka, 1956, Belvedere

von Lothar und Sylvia Schweitzer

In  Tatarstan, einer autonomen, als sehr eigenständig geltenden Republik im östlichen Teil des europäischen Russlands, 1987 geboren schloss Ilseyar Khayrullova 2012 ihr Studium am Sankt Petersburger Konservatorium ab. Am 15. Dezember 2013 debütierte sie im Studio Walfischgasse der Wiener Staatsoper als Alte Frau in Elisabeth Naskes Kinderoper „Das Städtchen Drumherum“, in der Kinder gemeinsam mit den Tieren einen Wald retten, einige Wochen später im großen Haus als Elfe in „Rusalka“.

Ilseyar Khayrullova Petra Sittig Photography

In der darauf folgenden Spielzeit fiel sie uns dann persönlich als in das Füchslein verliebter Hund  in der beliebten Janáček-Oper als „Hoffnungsträgerin“ auf. Als Olga in den „Drei Schwestern“ von Péter Eötvös erinnerte ihre schöne dunkle Stimme, der noch einiges an Dramatik fehlte, an Weinhebers Gedicht „Kammermusik“, wo die zweite Violine vom „lichtern“ Wesen ihrer Schwester, der ersten Violine, spricht und ausruft: „Lass dich begleiten, Schwester!“ Eine Wiederaufnahme und ein Wiederhören  nach nur fünf Aufführungen im März 2016 fielen der Pandemie zum Opfer. Kurz darauf erlebten wir sie als Kameraden des aus sehr nobler Familie stammenden Mädchens Pünktchen in der Oper „Pünktchen und Anton“ nach Erich Kästner von Iván Eröd. Ende 2017 erregte sie als Gymnasiast in „Lulu“ unser Interesse für ihre weitere Laufbahn. Am 2. Mai 2018 gab sie ihre letzte Vorstellung als Bersi („Andrea Chénier“).

Ihr weiterer Weg führte sie an das Théâtre du Capitole Toulouse, wo sie die Fenena sang. Sie scheint lange Zeit freiberuflich als Gast in Freiburg, Winterthur und im Kulturpalast Dresden aufgetreten zu sein. In der Tonhalle Zürich sang sie die Altpartie im „Sonnengesang des Franz von Assisi“ vom Schweizer Komponisten Hermann Suter. Im Stadttheater Gießen wartete eine ausgefallene Aufgabe auf sie.  Die US-amerikanische Oper „Brokeback Mountain“ von Charles Wuorinen, Sohn finnischer Einwanderer, behandelt die Konflikte zweier Ehepaare, deren Männer in den Bergen ihre Neigung zueinander entdeckten.  Spielzeit 2022/23 ist sie wieder als festes Ensemblemitglied am Staatstheater Kassel engagiert.

Unsere erste Begegnung mit der US-Amerikanerin Andrea Carroll war im März 2016 in der Wiener Staatsoper, wo sie sich uns als Quellnymphe Najade vorstellte, eine heikle Aufgabe, bei der ihr Sopran noch zu unruhig klang. Gute zweieinhalb Jahre später glänzte sie buchstäblich als Schickimicki-Kitty in „Die Weiden“ des Tiroler Komponisten Johannes Maria Staud.  Am 29. November 2019 erlebten wir mit ihr eine bezaubernde Zerlina, im Folgemonat  war es trotz Ansage eine Freude ihrer Pamina zuzuhören.

Andrea Carroll Foto Wiener Staatsoper

Es scheint widersprüchlich, aber unsere „Zerlina“ muss bei der breiten Orchestrierung des Wagnerfans Engelbert Humperdinck als „kleine Gretel“ stimmlich wachsen. Anfang Jänner 2020 hörten wir sie in dieser Märchenoper und zum letzten Mal. Operabase nennt als ihren Wirkungskreis jetzt Teatro alla Scala, die Met und die Houston Grand Opera. Als Adina (L’elisir d’amore) hat sie uns am 2. März dieses Jahres besucht.

Im ROH in London unter Antonio Pappano sang die Schwedin Agneta Eichenholz erfolgreich ihre erste Lulu, dann im Teatro Real Madrid. Nach Rom kam sie mit dieser Partie im Dezember 2017 an die Wiener Staatsoper. Agneta Eichenholz war die beste Lulu, die wir an diesem Haus je gehört hatten.

Agneta Eichenholz Foto Clásica2

Ihr hoher Sopran ist nicht sehr voluminös, aber tragend. An Richard Strauss-Opern hat sie die Sophie, die Zdenka, die Daphne und die Salome (siehe Klassik begeistert 6. März 2020) im Repertoire mit Blick auf die Feldmarschallin. Sie ist auch eine gefragte Interpretin moderner Opern. So lernten wir sie in der Oper Basel in Andrea Lorenzo Scartazzinis  „Der Sandmann“ kennen. Kleinode der Musik sind darunter, wie  die Sophie Scholl in Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ und die  „La Dame de Monte Carlo“ von Francis Poulenc nach einem Text von Jean Cocteau. Genau zwei Jahre nach ihrer Wiener Lulu kam Frau Eichenholz wieder an die Wiener Staatsoper. Als geheimnisvolle russische Fürstin Sasha und in der kleineren Partie der symbolischen Figur der Chastity („Orlando“). Es war die Welturaufführung der von der Komponistin Olga Neuwirth so bezeichneten „fiktiven musikalischen Biografie“.

Drei Jahre vermissen wir jetzt schon Frau Eichenholz an der Wiener Staatsoper. Parallel wirkte sie im Theater an der Wien als innige Ellen Orford in der preisgekrönten Produktion – deren Väter Christof Loy und Johannes Leiacker – von  Brittens „Peter Grimes“ mit. Einige Monate darauf nahm die Wiener Staatsoper die Mielitz-Inszenierung derselben Oper wieder auf. Die Norwegerin Lise Davidsen, in Richtung Wagner unterwegs, sang einhelligen Berichten zufolge eine eindrucksvolle, strahlende Orford. Eingeräumt wird aber, dass es an Innigkeit fehlte.

Mit Rachel Frenkel ging eine Beobachtung ihrer Entwicklung bei uns nach ihrer Lea („Die Weiden“ von Johannes Maria Staud)) und ihrer Hermia („A Midsummer Night’s Dream“) jäh zu Ende.

Rachel Frenkel © Marco Borggreve

Auch die frische Stimme der moldauischen Sopranistin Valentina Naforniţa wird uns fehlen. Seit dem Jahr 2020 ist sie laut Spielplanarchiv der Wiener Staatsoper hier nicht mehr aufgetreten.  Bezeichnend in ihren Anfängen die „Voce dal cielo“ in Verdis „Don Carlo“. Wir erlebten sie bereits vorher als Cenerentolas Stiefschwester Clorinda und hatten den Eindruck, dass sie mit ihren Höhen auftrumpfen wollte, was durch den Charakter der Rolle nicht unangenehm auffiel. Harmonisch klang Naforniţa unter den drei Elfen in Dvořáks „Rusalka“.

Bei den Salzburger Festspielen 2014 deuteten wir Staatsoperndirektors Dominique Meyer glänzende Augen in der Pause als Wohlgefallen für ihre Zerlina. In Brittens „A Midsummer Night’s Dream“ im Herbst 2019 war unsre letzte Begegnung mit dieser Sopranistin. Sie gab eine sehr leidenschaftliche Helena.

Valentina Naforniţa Quelle: Wikipedia

Wir mussten also von liebgewordenen Interpretinnen Abschied nehmen. Die hier Besprochenen sind als Teil fürs Ganze („pars pro toto“) zu verstehen.

Es folgen interessante junge Kräfte nach, die uns neugierig machen. Spannend bleibt es allenfalls. Einige dieser werden wir in der nächsten Folge unsrer „Klassikwelt“ vorstellen.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 23. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

Schweitzers Klassikwelt (c) erscheint jeden zweiten Dienstag.

Lothar und Sylvia Schweitzer

Lothar Schweitzer ist Apotheker im Ruhestand. Gemeinsam mit seiner Frau Sylvia schreibt er seit 2019 für klassik-begeistert.de: „Wir wohnen im 18. Wiener Gemeindebezirk  im ehemaligen Vorort Weinhaus. Sylvia ist am 12. September 1946 und ich am 9. April 1943 geboren. Sylvia hörte schon als Kind mit Freude ihrem sehr musikalischen Vater beim Klavierspiel zu und besuchte mit ihren Eltern die nahe gelegene Volksoper. Im Zuge ihrer Schauspielausbildung statierte sie in der Wiener Staatsoper und erhielt auch Gesangsunterricht (Mezzosopran). Aus familiären Rücksichten konnte sie leider einen ihr angebotenen Fixvertrag am Volkstheater nicht annehmen und übernahm später das Musikinstrumentengeschäft ihres Vaters. Ich war von Beruf Apotheker und wurde durch Crossover zum Opernnarren. Als nur für Schlager Interessierter bekam ich zu Weihnachten 1957 endlich einen Plattenspieler und auch eine Single meines Lieblingsliedes „Granada“ mit einem mir nichts sagenden Interpreten. Die Stimme fesselte mich. Am ersten Werktag nach den Feiertagen besuchte ich schon am Vormittag ein Schallplattengeschäft, um von dem Sänger Mario Lanza mehr zu hören, und kehrte mit einer LP mit Opernarien nach Hause zurück.“

Richard Strauss, Salome, Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf, 06. März 2020

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