Schweitzers Klassikwelt 68: Fidelio – Die Rettungsoper mit politisch naivem Hintergrund wird zu einem Drama

Schweitzers Klassikwelt 68: Salzburger Festspiele 2015, Fidelio  Klassik-begeistert.de

Foto: Norbert Ernst, Jaquino © Monika Rittershaus

Als wir (noch) nicht „Merker“ und „Blogger“ waren. Wir erinnern uns an schöne musikalische Erlebnisse

Ludwig van Beethoven  FIDELIO
Salzburger Festspiele, 16. August 2015

von Lothar und Sylvia Schweitzer

Ein Jahrhundert-Fidelio, um die Bayreuther „Ring“-Inszenierung von Patrice Chéreau frei zu zitieren, der Ausdruck „Jahrhundert“ jedoch als Genitiv zu interpretieren. Dieses Bühnenbild und die Menschen mit ihren Schattenbildern werden dank Claus Guth (Regie), Christian Schmidt (Bühne und Kostüme), Olaf Freese (Licht), dramaturgisch assistiert von Ronny Dietrich, uns lebenslang eingeprägt bleiben.

Beethoven selbst scheint mit den gesprochenen Zwischentexten nicht glücklich gewesen zu sein, denn er gestattete, anlässlich einer Prager Aufführung den Text je nach Gefallen abzuändern oder zu kürzen. In Salzburg wird Gesprochenes durch nonverbale Gestik ersetzt. Das schmerzhafte Entäußern des Weiblichen bei Leonore wird durch eine stumme Verdoppelung mit vielleicht allzu häufiger Verwendung der Gebärdensprache (Nadia Kichler) fühlbar gemacht. Auch Pizarro erhält ein alter Ego (Paul Lorenger).

Die Rettungsoper mit politisch naivem Hintergrund wird zu einem Drama, der in die Mauern des eigenen Körpers gedrängten Seele (Norbert Abels). Das betrifft nicht nur Florestan und seine Mitgefangenen.

Schon lange fragen wir uns, ob diese Ehe noch glücklich werden kann. Erschütternd ist eine Erzählung in Erinnerung, wie sich ein Kind auf den aus der Kriegsgefangenschaft heimkehrenden Vater gefreut hat und einem fremden, verstörten Menschen begegnet. Florestan bricht am Ende zusammen. In dem Fall stört uns diese Art einer Gegenstimme zum jubelnden Chor nicht.

Foto: Jonas Kaufmann, Florestan und Adrianne Pieczonka, Leonore (c) Monika Rittershaus

Kein biedermeierliches Ambiente des ersten Aufzugs. Der Handlungsort bleibt immer derselbe, weil es sich ja um die in die eigenen seelischen Gefängnismauern Eingeschlossenen handelt. Der Chor der Gefangenen ist nicht in den üblichen Fetzen gekleidet, sondern in Weiß. Auch in ihren Bewegungen eine interessante neue Aufgabe für den Wiener Staatsopernchor (Einstudierung Ernst Raffelsberger). Farben sind ambivalent, symbolisieren vieles, das Weiß Unschuld ebenso wie Leere.

Erster und Zweiter Gefangener sind aus dem Chor genommen. Das „frei“ in dem Ausbruch „Wir werden frei“ sollte Daniel Lökös noch strahlender singen. Undankbar die Rolle des Zweiten Gefangenen. Der Text gebietet Jens Musger sich Zurückhaltung aufzuerlegen.

 Wie man Unaufdringlichkeit, vielleicht sogar Unauffälligkeit mit Noblesse verbinden kann, zeigt bewundernswert Hans-Peter König als Rocco. Mein Eindruck von Olga Bezsmertna als „die Dame“ in „Cardillac“ fand in der Rolle der Marzelline ihre Bestätigung. Die schöne Stimme verliert im Forte. Norbert Ernst läuft sein exzellenter Ruf bei seiner allzu biederen Leistung als Jaquino davon. Erwartet hatten wir als Don Fernando Ludovic Tézier, doch freute es uns ebenso, jetzt im Programmheft Sebastian Holecek zu lesen. In der Tiefe erhofften wir weniger graue Töne. Der stimmliche Eindruck des sympathischen Sängers verlor sich auf der Riesenbühne, wie es bei seinem berühmten südafrikanischen Vorgänger in der Volksoper der Fall war, wenn er in der Wiener Staatsoper auftrat.

Foto: Jonas Kaufmann (links), Florestan und Hans Peter König, Rocco (c) Monika Rittershaus

Ist der Don Pizarro nicht singbar? Selbst der große Hans Hotter reüssierte nicht in dieser Partie. Der unlängst von mir als eindrucksvoller  Cardillac gehörte Tomasz Konieczny machte aus der Rolle das Bestmögliche. Adrianne Pieczonka als Leonore verhilft die Emphase gegen Schluss der Oper zur Höchstform. Selbst bei sehr guten Interpreten des Florestan spürten wir die Klippen der großen Arie. Nicht bei Jonas Kaufmann!

Vom Publikum die höchste Auszeichnung durch Trampeln erhielten Franz Welser-Möst und die Wiener Philharmoniker. Die gute Akustik des Großen Festspielhauses leistete auch ihren Beitrag.

Lothar und Sylvia Schweitzer, 9. August 2022, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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