Sommereggers Klassikwelt 115: Anna Bahr-Mildenburg – eine Stimme prädestiniert für das hochdramatische Fach

Sommereggers Klassikwelt 115: Anna Bahr-Mildenburg – eine Stimme prädestiniert für das hochdramatische Fach,  klassik-begeistert.de

Foto: Anna Bahr-Mildenburg (c) Pinterest

von Peter Sommeregger

Die am 29. November 1872 in Wien geborene Tochter eines adeligen Offiziers der K.u.K. Streitkräfte hat in ihrem knapp 75-jährigen Leben erstaunliche Leistungen erbracht.

Gegen den Willen ihrer Familie studierte sie Gesang, die Studien schloss sie bei der ehemaligen Sängerin der Wiener Hofoper, Rosa Papier ab. Ihr erstes Engagement führte sie an das Stadttheater von Hamburg, wo sie 1895 als Brünnhilde, also im hochdramatischen Fach debütierte. Erster Kapellmeister war dort Gustav Mahler, mit dem sie eine Liebesbeziehung einging.

Anna Bahr-Mildenburg (c) wikimedia

Bereits 1897 wurde sie für die Bayreuther Festspiele als Kundry im Parsifal verpflichtet. Cosima Wagner studierte die Partie szenisch mit ihr ein. Gustav Mahler, der 1897 als Hofoperndirektor nach Wien gewechselt war, holte Anna von Mildenburg 1898 an das Haus, obwohl das Liebesverhältnis der beiden damals nicht mehr bestand. Während der Direktion Gustav Mahlers in Wien etablierte sich die Sängerin zur führenden Wagner-Heroine. In Bayreuth sang sie auch in den Jahren 1911-1914 erneut die Kundry.

Im Jahr 1909 heiratete Anna von Mildenburg den Schriftsteller und Journalisten Hermann Bahr, zu dieser Zeit einer der führenden Literaten der Donaumonarchie. Nach ihrer Heirat nannte sich die Sängerin Bahr-Mildenburg. Im Laufe ihrer Ehe, die bis zu Hermann Bahrs Tod im Jahr 1934 Bestand hatte, kultivierte sie ihre schauspielerischen und literarischen Talente. Anfangs trat sie nur in Theaterstücken ihres Ehemannes auf, erweiterte aber über die Jahre ihr Theater-Repertoire.

In der Wiener „Neuen Freien Presse“ erschienen ab 1911 Artikel von ihr, 1921 veröffentlichte sie ihre „Erinnerungen“, in die auch frühere Aufsätze und Artikel Eingang fanden. Gemeinsam mit Hermann Bahr übersiedelte die Sängerin 1920 nach München, wo sie am dortigen Nationaltheater eine Aufsehen erregende Inszenierung von Wagners Ring des Nibelungen schuf. An der dortigen Akademie der Tonkunst erhielt sie  eine Verpflichtung als „Lehrerin der Darstellungskunst. Ebenfalls im Jahr 1921 (und bis zu ihrer Pensionierung 1937) übernahm sie ebendort die Leitung eines Meisterkurses für darstellende Kunst und wurde Inhaberin einer ordentlichen Professur.  Über Wagners Tristan und Isolde schrieb sie eine umfangreiche Studie, auch über ihre Erfahrungen in Bayreuth hat sie später publiziert.

Nach Hermann Bahrs Tod im Jahr 1934 kehrte Anna Bahr-Mildenburg nach Wien zurück, wo sie an der Akademie für Musik und später am Konservatorium der Stadt Wien Gesangsunterricht gab. Bereits 1931 hatte sich die Sängerin von der Bühne zurückgezogen, ihre letzte Rolle war die Klytämnestra in Richard Strauss‘ Elektra.

Die Stimme der Künstlerin ist uns nur durch eine einzige Schallplatte von 1904 überliefert. Kurioser Weise enthält diese nur das Rezitativ der großen Ozean-Arie aus Webers Oberon. Die zweite Matrize mit der eigentlichen Arie scheint vor der Pressung beschädigt oder verloren gegangen zu sein. Trotzdem sind diese zweieinhalb Minuten Gesang sehr aufschlussreich in Bezug auf Charakter und Volumen der Stimme Bahr-Mildenburgs. Jeder hohe Ton wird sicher und extrem lange gehalten, die dunkel timbrierte Stimme scheint einen großen Umfang gehabt zu haben und für das hochdramatische Fach prädestiniert gewesen zu sein.

Bis heute ist der umfangreiche Nachlass der am  27. Januar 1947 in Wien verstorbenen Künstlerin und ihres Gatten Hermann Bahr nicht wirklich erschlossen. Aufbewahrt wird er in der Theatersammlung der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien. Das Ehepaar Bahr-Mildenburg ist auf dem Salzburger Kommunalfriedhof in einem Ehrengrab beigesetzt. Zeitgenössische Berichte über Bahr-Mildenburg machen ihren prominenten Rang in der Opernszene ihrer Zeit deutlich. Umso wünschenswerter wäre eine Aufarbeitung ihrer nachgelassenen Schriften und Dokumente.

Peter Sommeregger, 3. Dezember 2021, für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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