Sommereggers Klassikwelt 12 / 2019: (K)ein Liebestod in Charlottenburg  

Sommereggers Klassikwelt 12 / 2019  klassik-begeistert.de

Die Umstände ihres Todes taugen aber wenig zu romantischer Verklärung, vielmehr waren ihm zermürbende Streitigkeiten um Geld, Alkohol und eine bevorstehende Scheidung vorausgegangen. Gesungen hat Gertrud Bindernagel den Liebestod meisterhaft, aber ihr eigenes Ende war definitiv kein Liebestod in Charlottenburg.

von Peter Sommeregger

„Leuchtende Liebe, lachender Tod“: Mit dem Liebesduett geht die ausverkaufte Siegfried-Aufführung der Städtischen Oper Charlottenburg an diesem 23. Oktober 1932 zu Ende. Die Brünnhilde der Aufführung, Gertrud Bindernagel, wird vom Publikum besonders gefeiert. Sie ist im Begriff, sich als erste Hochdramatische an diesem Haus zu etablieren, praktisch als Gegenpol zu der an der Staatsoper Unter den Linden wirkenden weltberühmten Frida Leider.

Die Sängerin befindet sich zu dieser Zeit in einer unangenehmen privaten Situation. Ihre zweite Ehe mit dem Bankier Wilhelm Hintze, mit dem sie eine Tochter hat, ist gescheitert, sie hat die Scheidung eingereicht. Der ursprünglich erfolgreiche Finanzmann hatte in der Wirtschaftskrise sein Vermögen verloren und lebte nun mit von Bindernagels Gagen. Dies hatte über die Zeit die Ehe zerrüttet, der Alkoholismus Hintzes dürfte ebenfalls eine Rolle gespielt haben. Aktuell war Gertrud Bindernagel mit ihrem Kind bei einer Freundin untergekommen, die sie auch nach dieser Vorstellung vom Opernhaus abholte.

Als die beiden Frauen aus dem Bühnenausgang an der Richard-Wagner-Straße treten, steht plötzlich der offensichtlich alkoholisierte Hintze vor ihnen. Wortlos zieht er einen Revolver, und schießt auf seine Frau. Umstehende überwältigen ihn schnell, während Gertrud Bindernagel blutend zusammenbricht. Man bringt sie ins Klinikum Westend, wo sich noch in der Nacht notoperiert wird.

Dieses Ereignis beherrscht in den kommenden Tagen die Titelseiten der Berliner Zeitungen. Bindernagels Zustand stabilisiert sich, ihre Genesung schreitet voran, als sie unerwartet am 3. November an einer Embolie stirbt. Ihre Beisetzung auf dem Charlottenburger Friedhof Heerstraße wenige Tage später lockt mehrere Tausend Schaulustige an. Für längere Zeit bleibt Bindernagels Schicksal ein gefundenes Fressen für die Presse.

Wilhelm Hintze, der seine Tat vor Gericht bereut, kommt mit einer Verurteilung wegen Totschlags davon, während seiner Haft soll er sich gut geführt haben, und wird schon nach wenigen Jahren aus dem Gefängnis entlassen. Seine Spur verliert sich später in den Wirren des zweiten Weltkriegs, dem seine kleine Tochter bei einem Fliegerangriff auf Halle zum Opfer fällt.

In den bald neunzig Jahren, die jene Ereignisse zurückliegen, ist Getrud Bindernagel trotzdem nicht ganz in Vergessenheit geraten. Zwar ist ihr Grab längst neu belegt, kein Stein erinnert mehr an sie, aber durch eine Reihe von Schallplatten ist ihre Stimme für die Nachwelt erhalten geblieben. Einige davon haben bei Schellack-Sammlern geradezu Kult-Status, wie die Ozean-Arie aus Webers Oberon oder Isoldes Liebestod. Letztere Aufnahme erreichte, erst nach Bindernagels Tod veröffentlicht, Rekordauflagen. Die Umstände ihres Todes taugen aber wenig zu romantischer Verklärung, vielmehr waren ihm zermürbende Streitigkeiten um Geld, Alkohol und eine bevorstehende Scheidung vorausgegangen. Gesungen hat Gertrud Bindernagel den Liebestod meisterhaft, aber ihr eigenes Ende war definitiv kein Liebestod in Charlottenburg.

(CD zu beziehen über www.Frida-Leider.de)

Peter Sommeregger, 2. Dezember 2019 für
klassik-begeistert.de und klassik-begeistert.at

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